Reaktion auf Bin Ladens Tod Pakistan enttarnt CIA-Chef in Islamabad

Pakistanische Medien haben den Namen des CIA-Chefs von Islamabad veröffentlicht - eine Woche nach Bin Ladens Tod. Damit reagiert der US-Verbündete offenbar darauf, dass er durch die Kommandoaktion vor der ganzen Welt blamiert wurde.

Von , Islamabad

REUTERS/ The White House

Mit Genugtuung haben zwei pakistanische Medien, der Fernsehsender ARY und die Tageszeitung "The Nation", den Namen des mutmaßlichen CIA-Chefs in der Hauptstadt Islamabad veröffentlicht. Beide Medien berichteten übereinstimmend, dass General Ahmed Shuja Pasha, Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, sich mit Mark Carlton in Islamabad traf, um gegen das amerikanische Vorgehen bei der Jagd auf Osama Bin Laden zu protestieren.

Mark Carlton also. Doch wie wurde der Name des Mannes, eines der bestgehüteten Geheimnisse an der US-Botschaft in Islamabad, bekannt? Die Vertreter des CIA in Pakistan kennt nur ein kleiner Kreis aus Regierung, Armee und Geheimdienst, sonst niemand. Der CIA-Chef in Islamabad hat die heikle Aufgabe, die Geheimoperationen der USA in Pakistan zu überwachen - einschließlich der Drohnenangriffe auf Terroristenstellungen im Grenzgebiet zu Afghanistan. Die Enttarnung ist deshalb ein herber Schlag für die Amerikaner. Sie müssen jetzt schleunigst einen neuen Bürochef für Islamabad finden. Carlton dürfte die Stadt wohl sehr bald verlassen.

Die US-Botschaft, in der sich das Büro des Geheimdienstes befindet, wollte die Berichte nicht kommentieren. Auch pakistanische Sicherheitsbehörden lehnten es ab, sich dazu zu äußern. Ein Regierungsvertreter ließ sich jedoch zu der Bemerkung hinreißen, es werde "wohl stimmen, was da berichtet wird".

"Wir sprechen nicht über unsere Informanten, aber aus welcher Richtung das kommt, kann man sich ja denken", sagt Malik Maqbool, Chefreporter von "The Nation". "Da muss jemand ein Interesse gehabt haben, die Amerikaner bloßzustellen." Der Name des CIA-Chefs ist damit in der Welt, der Mann enttarnt. "Wenn wir den Namen nicht erwähnt hätten, wäre die Geschichte weniger glaubwürdig gewesen", begründet Sabir Shakir, Korrespondent von ARY in Islamabad, die Enttarnung.

Der Vorfall zeigt, wie angespannt das Verhältnis zwischen den USA und Pakistan derzeit ist. Mit dem US-Kommandoeinsatz in der Nacht zum vergangenen Montag, bei dem Osama Bin Laden getötet wurde, hat Washington die Regierung in Islamabad bloßgestellt. Pakistan behauptet, von Bin Ladens Aufenthalt mitten in Abbottabad nichts gewusst zu haben. Doch die USA vermuten, dass der Terrorist ein Netzwerk von Unterstützern in Pakistan gehabt haben muss, um mehrere Jahre unbemerkt in der Garnisonsstadt zu leben. So oder so ist es peinlich für Islamabad: Regierung, Armee und Geheimdienst waren entweder inkompetent oder Komplizen.

Washington fordert Kontakt zu den drei Witwen

Bin Laden müsse in Pakistan Helfer gehabt haben, sagte US-Präsident Barack Obama in einem Fernsehinterview. Sein Sicherheitsberater Tom Donilon erklärte, es gebe zwar keinen Beweis, dass die pakistanische Regierung von Bin Ladens Versteck gewusst habe, aber das müsse nun untersucht werden. Washington verlangt jetzt Kontakt mit den drei Witwen des Qaida-Chefs, die sich zum Zeitpunkt der Operation im Haus in Abbottabad befanden, die die US-Einsatzkräfte aber wegen eines defekten Hubschraubers zurücklassen mussten. Sie und mehrere Kinder wurden anschließend von pakistanischen Soldaten festgenommen. In Vernehmungen soll die Witwe Amal Ahmed Abdulfattah gesagt haben, dass die Familie fünf Jahre in Abbottabad und davor zwei Jahre in dem Dorf Chak Shah Mohammad gelebt habe.

Regierungschef Yousuf Raza Gilani geißelte die Anschuldigungen der USA am Montag als "absurd" - er hatte eine ganze Woche seit der US-Kommandoaktion verstreichen lassen, bis er sich vor Parlamentariern zu den Vorwürfen äußerte. Al-Qaida sei "nicht in Pakistan geboren", weshalb sein Land nicht für die Taten des Terrornetzwerks verantwortlich gemacht werden dürfe, sagte Gilani. Zugleich räumte er ein Versagen der Geheimdienste ein, sie hätten es nicht vermocht, den Aufenthaltsort Bin Ladens ausfindig zu machen. "Aber das ist nicht nur unser eigenes Versagen, sondern das Versagen aller Geheimdienste dieser Welt", fügte er trotzig hinzu.

Washington verlangt trotzdem Zugang zu "allen Informationsquellen - "auch zu Bin Ladens Ehefrauen", wie Donilon es formulierte. Bislang hatten US-Ermittler noch keine Gelegenheit, mit den Menschen zu sprechen, die die Pakistaner im Haus Bin Ladens vorfanden. Die US-Regierung drängt darauf, dass zumindest die drei Frauen ausgeliefert werden. Die pakistanische Regierung hat sich offiziell noch nicht entschieden, was mit den Gefangenen geschieht. Dem Vernehmen nach sollen sie aber nach dem Verhör in ihre Heimatländer Saudi-Arabien und Jemen abgeschoben werden.

Drohnenattacken belasten das Verhältnis

Weniger der Tod Bin Ladens sorgt in Pakistan für Verstimmung, sondern viel mehr die Tatsache, dass Washington den Verbündeten vorher nicht über die Aktion informierte. Das Weiße Haus begründete das mit der Sorge, al-Qaida hätte vorab von dem geplanten Einsatz erfahren können. In Pakistan empfinden das viele als Demütigung. Das Eindringen von vier US-Hubschraubern aus Afghanistan in pakistanischen Luftraum wird für eine Verletzung der staatlichen Souveränität gehalten. Mehrere Spitzenpolitiker aus allen Lagern verlangen die Rücktritte von Präsident Asif Ali Zardari, Premier Gilani und ISI-Chef Pasha. Der pakistanische Botschafter in den USA, Husain Haqqani, verspricht Konsequenzen: "Es werden Köpfe rollen, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist."

Ob die pakistanische Regierung tatsächlich nichts von dem Einsatz wusste, wie sowohl Washington als auch Islamabad behaupten, lässt sich nicht überprüfen.

Die Beziehungen zwischen Pakistan und den USA waren aber schon vor dem Tod Bin Ladens angespannt. Ende Januar erschoss der CIA-Söldner Raymond Davis zwei Pakistaner auf offener Straße in der Millionenmetropole Lahore. Die USA pochten auf diplomatische Immunität und forderten seine Auslieferung, während in Pakistan Tausende von Menschen gegen eine Freilassung protestierten und die Hinrichtung Davis' forderten. Mitte März kam er jedoch gegen Zahlung eines Blutgeldes frei. Offenbar könne ein US-Bürger Pakistaner in Pakistan töten, ohne dass er dafür belangt werde, kritisieren jetzt viele.

Washington wirft Islamabad regelmäßig vor, nicht energisch genug gegen Terroristen vorzugehen, während Pakistan immer wieder darauf verweist, dass in diesem Land mehr Zivilisten, Polizisten und Soldaten im Anti-Terror-Kampf sterben als in Afghanistan.

Ein weiterer Streitpunkt sind die amerikanischen Drohnenangriffe auf Terroristenstellungen in der Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan. In diesen Gebieten hat der pakistanische Staat kaum Einfluss, hier regieren Stammesälteste und häufig Extremisten. Die Region gilt als Rückzugsraum für islamistische Kämpfer. Der frühere US-Präsident George W. Bush sagte ihnen den Kampf an und ließ die CIA Drohnen schicken, die Raketen auf die Stellungen abfeuern. Sein Nachfolger Obama hat dieses Vorgehen noch intensiviert.

In Pakistan sorgen die Drohnenattacken für Kritik, weil sie, wie der Einsatz gegen Bin Laden, die pakistanische Souveränität verletzen und weil dabei häufig Zivilisten ums Leben kommen. Ende November verklagte ein Mann, der seinen Bruder und seinen Sohn bei einem Drohnenangriff in der Krisenregion Waziristan verloren hatte, die CIA auf Schadensersatz. Die Klage richtete sich nicht nur namentlich gegen US-Verteidigungsminister Robert Gates und CIA-Chef Leon Panetta, sondern auch an "Mr. Jonathan Banks, CIA Station Chief Islamabad".

Wie der Name bekannt geworden war, blieb seinerzeit unklar. Auch damals, mutmaßten Beobachter, musste jemand aus dem Establishment geplaudert haben. Banks wurde sofort aus Pakistan abgezogen.

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insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
syramon 09.05.2011
1. Logisch
Zitat von sysopEin Geheimagent im grellen Licht der Öffentlichkeit: Pakistanische Medien haben den Namen des CIA-Chefs von Islamabad veröffentlicht - eine Woche nach dem Tod Bin Ladens.*Damit reagiert der US-Verbündete offenbar*darauf, dass er durch die Kommandoaktion vor der ganzen Welt blamiert wurde. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761466,00.html
die Antwort auf die öffentliche Blossstellung Pakistans. Die Vorgehensweise schürt nur Hass. Warum wohl?
mitbestimmender wähler 09.05.2011
2. Reaktion Wunderbar
Und hoffentlich verkaufen sie den Geheimen Hubschrauberschrott den tüchtigen Chinesen. Ja in allen Punkten eine gelungene Mission der Amis
hasdrubal 09.05.2011
3. Was für eine Blamage!
Erst wird Pakistan blamiert, nun blamiert es sich selbst. Man hat den Eindruck, dass die Regierung zwar offiziell den Kampf gegen Al Quaida unterstützt aber gleichzeitig weite Teile der Institutionen des pakistanischen Staates Al Quaida durchaus zugeneigt sind. Ich kann durchaus verstehen, dass man einen solch unzuverlässigen Staat ungerne in geplante Aktionen miteinbezieht, sofern es nicht unbedingt notwendig ist.
notty 09.05.2011
4. Pakistan
Zitat von sysopEin Geheimagent im grellen Licht der Öffentlichkeit: Pakistanische Medien haben den Namen des CIA-Chefs von Islamabad veröffentlicht - eine Woche nach dem Tod Bin Ladens.*Damit reagiert der US-Verbündete offenbar*darauf, dass er durch die Kommandoaktion vor der ganzen Welt blamiert wurde. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761466,00.html
Die USA sollten Pakistan als das behandeln, was es ist...ein korrupter Sumpf von Terrorismus, der als Rekrutierungs-, Ausbildungs-, Rueckzugs-, Logistikzentrum fuer internationale Aktionen fungiert.
martian-spy-trap 09.05.2011
5. Recht so...
Wer die Souveränität verbündeter Staaten dermaßen mit Füßen tritt, hat auch nichts anderes zu erwarten.
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