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Reaktion auf Raketenangriff: Israel droht Hamas mit "beispielloser Gewalt"

Von , Tel Aviv

14 schwer verletzte Israelis, darunter eine Mutter mit Kind: Die Rakete aus dem Gazastreifen traf ein Einkaufszentrum im Stadtzentrum von Aschkelon - und Israel mitten in den 60-Jahr-Feiern. Jetzt droht Premier Olmert mit blutiger Vergeltung - zur Freude der Hamas.

Der Tag in Israel hatte verheißungsvoll begonnen. US-Präsident George W. Bush war am Mittag in Tel Aviv angekommen und flog dann nach Jerusalem, um an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Staatsgründung teilzunehmen. "Wir betrachten die Heilige Erde als einen besonderen Ort und die Israelis als unsere Freunde", sagte Bush bei seiner Ankunft. Beide Länder verbinde ihr Streben nach Demokratie und ihre "dauerhafte Allianz gegen Terroristen und Tyrannen". US-Bürger und Israelis könnten stolz auf ihre Vergangenheit sein.

Auch Staatspräsident Schimon Peres gab sich in seiner Eröffnungsrede zuversichtlich. Er sei überzeugt, dass der Frieden machbar sei und dass die Region einer besseren Zukunft entgegengehe – man müsse nur die Weichen richtig stellen. Dann werde der neue Nahe Osten Realität.

Doch plötzlich wurde das Land in die Gegenwart zurückgeholt. Am Mittwochabend schlug eine palästinensische Grad-Rakete in Aschkelon ein. Offiziellen Angaben zufolge wurden dabei mindestens 14 Menschen verletzt. Eine Frau und ihr Baby erlitten schwere Verletzungen.

Dies sei eine gefährliche Eskalation im Konflikt mit der radikal-islamischen Hamas, sind sich Militärkommentatoren in Tel Aviv einig. Israel werde darauf hart reagieren müssen. Andernfalls entstehe der falsche Eindruck, dass Israel die Küstenstadt mit 100.000 Einwohnern kampflos aufgebe.

Am späten Mittwochabend flog die israelische Luftwaffe einen Angriff auf die Stadt Gaza. Dabei wurden der Nachrichtenagentur AP zufolge zwei Hamas-Mitglieder getötet und vier Personen verletzt.

Die Hamas wünscht sich den Gegenschlag

Mehrere palästinensische Organisationen, darunter der Islamische Dschihad, hatten zuvor stolz behauptet, den Raketenangriff auf Aschkelon ausgeführt zu haben. Wer es wirklich war, weiß man derzeit nicht. Sicher ist aber, dass die Hamas, die im Gazastreifen regiert, dafür verantwortlich ist. Denn ohne Einwilligung der Hamas läuft im Gazastreifen nichts – und sie sucht die Provokation. Sie weiß, dass aus israelischer Sicht mit einem Angriff auf Aschkelon die Schmerzgrenze überschritten ist. Bewusst spielt sie mit diesem Risiko, mehr als das: Sie wünscht sich den Gegenschlag geradezu herbei.

Dem Angriff liegt offensichtlich eine strategische Entscheidung der Islamisten zugrunde. Der Zeitpunkt des Angriffs ist geschickt gewählt – just am Tag, an dem sich Israel feiert, zusammen mit Prominenz aus der ganzen Welt. Als die Rakete einschlug, besprach Bush mit Premier Ehud Olmert gerade die jüngste Entwicklung im Libanon und den zunehmenden Einfluss Irans in der Region. Die Gaza-Frage trat da fast in den Hintergrund. Doch mit der Rakete wurden die regionalen Prioritäten zumindest kurzfristig verschoben und zurechtgerückt. Die Hamas rief sich auf blutige Weise in Erinnerung und demonstrierte, dass mit ihr zu rechnen ist.

Wie wird Olmert reagieren?

Kurz bevor Olmert die Nachricht vom jüngsten Angriff auf Aschkelon erhielt, hatte er der Hamas mit massiven Gegenschlägen gedroht, sollte sie weiter israelische Ziele angreifen. "Wir werden anhaltende Angriffe auf unschuldige Zivillisten nicht tolerieren können," sagte Olmert. Er hoffe, dass Israel nicht zu Mitteln greifen müsse, die es bisher nicht gegen die Hamas eingesetzt habe - und kündigte "bislang beispiellose Militärgewalt" an, falls sie den Beschuss Israels nicht sofort stoppe.

Jetzt darf darüber spekuliert werden, was Olmert damit gemeint hat und wie er auf diesen jüngsten Angriff reagieren wird. Solange Bush in der Region ist, orakeln Beobachter in Tel Aviv, werde sich Olmert zurückhalten, um seinen Gast nicht in Verlegenheit zu bringen. Doch über kurz oder lang wird sich Olmert dem innenpolitischen Druck nicht wiedersetzen können und ein massives Vorgehen gegen den Gazastreifen befehlen. Die militärische Aktion könnte unter anderem das Ziel haben, das Raketenarsenal im Gazastreifen zu zerstören.

Attacke neuer Qualität

Die Lage im Süden Israels ist seit Monaten gespannt, Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen zermürben die Bevölkerung. Allein in den vergangenen Tagen sind zwei Israelis durch Raketen getötet worden. Die Raketen zeigen Wirkung: Eine Genossenschaftssiedlung dicht an der Grenze entvölkert sich bereits, und auch die Stadt Sderot, das häufigste Ziel von Kassam-Raketen, wurde von mehreren Tausend Bewohnern verlassen.

Doch bisher waren vor allem Kleinstädte oder Dörfer vom Einschlag der Raketen betroffen. Der jüngste Angriff auf Aschkelon hat eine andere Qualität: Die Rakete schlug im dritten Stock eines Einkaufszentrum ein - mitten Stadtzentrum.

Bisher hat Israel seine Reaktion auf den Beschuss aus dem Gazastreifen auf zeitlich befristete Militäraktionen und ökonomische Sanktionen beschränkt - die meist die breite Bevölkerung treffen. Die Wirtschaftsmisere, so hoffte Jerusalem, werde einen Regimewechsel herbeiführen. Doch das Kalkül ging nicht auf. Die Hamas hat den Gazastreifen mit ihrem Machtapparat fester im Griff als je zuvor.

Die Rakete auf Aschkelon reduziert auch die Aussichten auf einen Waffenstillstand auf Null. Israel war von Anfang an nicht begeistert von dem Vorschlag, den Ägypten ausgearbeitet und vermittelt hat. Jerusalem befürchtet, dass die Hamas die Atempause für eine massive Aufrüstung missbrauchten würde – zum Beispiel, um Grad-Raketen nach Gaza zu schmuggeln. Jetzt aber käme die Zustimmung zur Waffenruhe einem Eingeständnis der Schwäche gleich – und das will sich Israel nicht leisten.

Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"

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Anschlag in Aschkelon: Raketentreffer im Einkaufszentrum


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