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Reaktion auf Unruhen: Israel hält Ägyptens Diktator die Treue

Von Gil Yaron, Jerusalem

Während Medien in Europa die Proteste in Ägypten bejubeln, verfolgt das offizielle Israel die Entwicklung mit Sorge. In Jerusalem steht man fest zum Diktator Mubarak, dem wichtigsten Verbündeten in der arabischen Welt - aus Angst vor den Alternativen.

Polizisten auf den Straßen von Kairo: "Die Lage dort wird sich beruhigen" Zur Großansicht
REUTERS

Polizisten auf den Straßen von Kairo: "Die Lage dort wird sich beruhigen"

Israel ist normalerweise ein Land, in dem Politiker zu jedem Thema eine Meinung haben und sie auch gern kundtun. Doch seit mehreren Tagen hüllt Israels Führungsriege sich in einer Frage in untypische Stille. Niemand ist bereit, zu den Unruhen in Ägypten einen offiziellen Kommentar abzugeben. Nicht etwa, weil die Krawalle im südlichen Nachbarland hier niemanden interessierten, ganz im Gegenteil: Die Nachrichtensendungen, die sich normalerweise täglich von sechs Uhr morgens bis kurz nach Mitternacht einer intensiven Nabelschau hingeben, berichten ununterbrochen über die Ereignisse in der arabischen Welt, von Tunesien bis zum Libanon

Fasziniert, ja begeistert kommentieren Radio, Fernsehen und Zeitungen den Mut der Demonstranten in den Straßen Kairos und vermitteln den Eindruck als ergötzten sie sich nicht nur am historischen Spektakel, sondern als sei es ihnen tatsächlich an Demokratie im Land am Nil gelegen.

Doch das offizielle Israel legt sich einen Maulkorb an: "Wir verfolgen aufmerksam die Ereignisse, mischen uns aber nicht in die inneren Angelegenheiten eines Nachbarstaates ein", lautet die knappe Antwort des Außenministeriums auf Anfragen.

Da ist es ein glücklicher Zufall, dass Benjamin Ben Elieser vergangene Woche seinen Ministerposten niedergelegt hat und jetzt als Oppositioneller der Arbeiterpartei frei seine Meinung sagen kann: "Ich halte eine Revolution in Ägypten für unmöglich, die Lage dort wird sich beruhigen", sagt Ben Elieser. Der im Irak geborene ehemalige Verteidigungsminister gilt als ausgewiesener Experte für israelisch-arabische Beziehungen, und als Freund des ägyptischen Geheimdienstchefs Omar Suleiman.

Ben Eliesers Aussage deckt sich mit der Einschätzung israelischer Geheimdienste und Nahostexperten, die auf die Stärke von Ägyptens Armee setzen. Elieser erläuterte gleichzeitig Israels Haltung zu den Protesten: "Wir können ohnehin nichts tun, außer Mubarak unserer Unterstützung zu versichern und darauf hoffen, dass die Geschehnisse in Ruhe an uns vorüberziehen", schließlich sei "Ägypten Israels wichtigster Verbündeter in der Region".

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Aufstand in Ägypten: Steine gegen die Staatsmacht
Für Israel steht mehr als ein kalter Frieden auf dem Spiel

Ägypten war der erste arabische Staat, der mit Israel 1979 Frieden schloss, doch das Verhältnis der Nachbarstaaten ist heikel. Gute Beziehungen sind auf Regierungskader beschränkt. Enge Verbindungen zwischen den Zivilgesellschaften werden vom Regime in Kairo unterbunden. Die Berufsverbände von Ärzten, Ingenieuren oder Rechtsanwälten beispielsweise verpflichten ihre Mitglieder beim Eintritt in den Verband dazu, nicht zur Normalisierung der Beziehungen mit Israel beizutragen.

Auch 30 Jahre nach dem Friedensvertrag belaufen sich die Handelsbeziehungen auf einen Wert von gerade einmal 150 Millionen US Dollar. Ein skurriles Beispiel für das, was man in Ägypten über Israel denkt, lieferte vor wenigen Wochen der Vizegouverneur der Sinai-Halbinsel. Der behauptete nach einer Haifischattacke an der Küste, man könne nicht ausschließen, dass der mörderische Fisch vom israelischen Geheimdienst ausgesetzt worden war, um der ägyptischen Tourismusindustrie zu schaden. Nach dem blutigen Attentat auf eine Kirche in Alexandria zu Neujahr mutmaßten Sprecher der Muslimbruderschaft, Israel sei für den Anschlag verantwortlich, weil es Zwist zwischen Christen und Muslimen säen wolle.

Es ist eben diese Muslimbruderschaft, die Israel zu Mubarak halten lässt. Sie gilt als die populärste politische Bewegung im Land der Pyramiden. Und sie lässt keinen Zweifel daran, wie sie zum Friedensvertrag mit Israel steht: Sie will ihn sofort aufkündigen. "Demokratie ist etwas Wunderschönes. Trotzdem ist es für Israel, die USA und Europa von höchstem Interesse, dass Mubarak an der Macht bleibt", sagt deswegen Eli Schaked, in den Jahren 2003-2005 Israels Botschafter in Kairo.

Für Israel steht mehr als nur ein kalter Frieden und wenig Handel auf dem Spiel: "Noch nie deckten sich die strategischen Interessen Israels so sehr mit denen der sunnitischen Staaten wie heute", meint Schaked. Spätestens die Veröffentlichung der WikiLeaks-Dokumente zeigte, was er meint: Die arabische Welt, und allen voran Mubarak, sieht genau wie Israel in Iran und seinen Verbündeten wie der Hamas in Gaza und der Hisbollah im Libanon eine existentielle Bedrohung.

Furcht vor Schulterschluss zwischen Islamisten in Kairo und der Hamas in Gaza

"Sollte sich in Ägypten ein Regimewechsel ereignen, würden die Muslimbrüder dort das Ruder übernehmen, und das hätte für die Region unkalkulierbare Folgen", sagt Schaked. Mit Sorge nimmt man in Jerusalem zur Kenntnis, dass Ägyptens Armee auch nach 30 Jahren Frieden hauptsächlich für einen Krieg gegen Israel rüstet und trainiert.

Eine Annullierung des Friedensvertrags würde für Israel eine neue Front mit der elftgrößten Armee der Welt eröffnen, die mit modernsten amerikanischen Waffen gerüstet ist. Doch noch mehr als einen unwahrscheinlichen Waffengang gegen Ägypten fürchtet Israel einen Schulterschluss zwischen Islamisten in Kairo und der Hamas in Gaza, die sich selbst als Tochterorganisation der Muslimbruderschaft versteht.

Heute bekämpft die ägyptische Armee, oft mehr schlecht als recht, den Waffenschmuggel im Sinai, die wichtigste Nachschubroute der Hamas. Ein Regime, das die Grenzen zu Gaza für Waffenlieferungen öffnet, würde für Israel zu einer lebensbedrohlichen Gefahr.

Schaked hält die Forderungen aus dem Westen für eine Öffnung und mehr Demokratie in Ägypten für einen fatalen Fehler: "Es ist eine Illusion zu glauben, der Diktator Mubarak könne von einer Demokratie abgelöst werden. Ägypten ist noch nicht demokratiefähig. Allein die Rate der Analphabeten liegt bei über 20 Prozent", sagt Schaked. Die Muslimbrüder seien die einzige reale Alternative, mit verheerenden Konsequenzen für den Westen: "Sie werden ihre anti-westliche Haltung nicht ändern, wenn sie an die Macht kommen. Das ist nirgends geschehen - weder im Sudan, noch im Iran oder Afghanistan."

So bleibe letztlich nur die Wahl zwischen einer pro-westlichen oder einer feindlichen Diktatur: "Es ist unser Interesse, dass jemand aus der unmittelbaren Umgebung Mubaraks sein Erbe antritt, um jeden Preis." Dabei könne man kurzfristig massives Blutvergießen nicht ausschließen: "Es wäre nicht das erste Mal, dass Unruhen in Ägypten brutal niedergeschmettert würden", sagt Schaked.

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insgesamt 79 Beiträge
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1. Ab wann darf kritisch gefragt werden ?
augu 27.01.2011
Zitat von sysopWährend Medien in Europa die Proteste in Ägypten bejubeln, verfolgt das offizielle Israel die Entwicklung mit Sorge. In Jerusalem steht man fest zum Diktator Mubarak, dem wichtigsten Verbündeten in der arabischen Welt*- aus Angst vor den Alternativen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741986,00.html
Als ich das um die Mittagszeit vermutete, wurde mein beitrag nicht veröffentlicht.
2. Israel sorgt sich zu Recht
chrisfromm 27.01.2011
Ist doch klar. Ein Land wie Israel welches den ganzen Nahen Osten mehr oder weniger gegen sich aufbringt. Die israelische Regierung und die Hartliner unterdrücken doch selbst in ihrem Land die Araber. Nun wollen die Nordafrikanischen Staaten selbst über ihre Zukunft bestimmen dürfen, genau so wie es die Juden damals auch wollten. Man kann nicht Wasser predigen, aber Wein saufen.
3. Diktator Mubarak????!!!!
dieMegamaschine, 27.01.2011
Es ist schon sehr erstaunlich, nein bedenklich oder befremdlich, wenn man plötzlich vom "Diktator" Mubarak schreibt. Bis jetzt hatten ja wohl die Westmächte kein Problem mit ihm, da er den USA und Israel dort frei Hand lässt. Siehe die massive Behinderung internationaler Hilfslieferungen für das Palästinensergebiet durch Kairo.
4. Einfach
Klaschfr 27.01.2011
Israel wird immer zu dem halten, der ihm am meisten nutzt, wo er politisch auch immer steht. Es fragt sich, wie lange das noch gut gehen wird. Und dann? Aber dafür hat Israel ja Deutschland und insbesondere seine Kanzlerin mit ihrer alternativlosen Treue!
5. Iran läßt grüßen?
Walther Kempinski, 27.01.2011
Revolution ist an und für sich eine feine Sache, wenn sie in Ländern stattfindet, wo eine Diktatur herrscht. Dies mag ja in Tunesien, Ägypten...in allen arabischen Staaten so sein. Aber ich hab da immer den Iran im Hinterkopf. Die ganzen heutigen Exiliraner, vornehmlich Studenten und die gebildete Oberschicht, haben damals den Schah von Persien auch vom Thron gejagt. Dann jedoch kams ganz anders, der Khomeinie kam angeschissen und tja, es wurde schlimmer als vorher. Ins eigene Bein geschossen möchte man da bildlich sprechen. Israel jedenfalls sorgt sich zu Recht. Wir hier im Norden können uns das wie im Aquarium anschauen, aber die Israelis müssen sich dann mit den Spinnern umherschlagen, die dann den Thron erobern, ohne dabei von der Weltengemeinschaft wegen Menschenrechten gekreuzigt zu werden. Den Spagat kriegt niemand hin, auch wir Deutschen nicht, siehe Kundus.
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Proteste gegen Mubarak: Ägypten in Aufruhr

Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

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Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 8,358 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

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