Reaktion auf Wahl in Iran Moskau setzt auf Ahmadinedschad

Mahmud Ahmadinedschad fliegt ein und der Kreml gratuliert zum Wahlsieg: Trotz Demonstrationen in Iran hält Moskau dem daheim umstrittenen Amtsinhaber die Treue. Man schätzt ihn als pragmatischen Partner in der Region - außerdem sind die Iraner gute Kunden bei Russlands staatlichen Waffenhändlern.

Von , Moskau


"Moskau glaubt den Tränen nicht", heißt ein in Russland beliebter sowjetischer Kinofilm. Das gilt aktuell auch für die Tränen iranischer Oppositioneller, deren Präsidentschaftskandidat die Wahlen verlor. Eher glaubt man im russischen Machtzentrum, dass man es noch länger mit Mahmud Ahmadinedschad als Präsidenten Irans zu tun haben wird.

Russischer Präsident Dmitrij Medwedew: Pragmatische Partnerschaft mit Ahmadinedschad
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Russischer Präsident Dmitrij Medwedew: Pragmatische Partnerschaft mit Ahmadinedschad

"Wir begrüßen den wieder gewählten Präsidenten Irans auf russischem Boden", sagt Vizeaußenminister Sergej Rjabkow zum Eintreffen Ahmadinedschads bei der Konferenz der Shanghaier Sicherheitsorganisation in Jekaterinburg im Ural. Beide Länder, so Rjabkow, verbinde "partnerschaftliche, gutnachbarliche, traditionell freundschaftliche Beziehungen".

Damit signalisiert der Kreml Distanz zu den oppositionellen Demonstrationen in Teheran. Aufmärsche mit englischsprachigen Transparenten, die in den Vereinigten Staaten Begeisterung auslösen, bewirken bei Moskauer Beobachtern eher distanzierte Reaktionen. Sie wecken Assoziationen an die von den USA unterstützten "farbigen Revolutionen" in Georgien und der Ukraine, die diese beiden Länder in Konflikte mit Russland trieben.

Warum man in Moskau das Regime Ahmadinedschads für stabil hält, erläutert das offizielle Organ des Verteidigungsministeriums "Roter Stern": "Das liegt wohl daran, dass Ahmadinedschad von der Mehrheit der Iraner als Mann von unten angesehen wird, der mehr oder weniger die Interessen der Empfänger kleiner Einkommen vertritt". Ahmadinedschad, so das von Militäraufklärern geschriebene Blatt, stünde für "einfache Worte, einfache Ideen, die den Armen in Stadt und Land verständlich sind".

Kein Treffen zu zweit

Dennoch hat es der russische Präsident Dmitrij Medwedew vermieden, den Eindruck hervorzurufen, er suche die Nähe oder gar einen Schulterschluss mit dem umstrittenen iranischen Führer. Ein zuvor geplantes Treffen zu zweit soll nicht stattfinden. Moskau hat zwar keine Allergie gegen Ahmadinedschad. Doch Russland und Ahmadinedschad verbindet kein Liebesverhältnis, sondern eine pragmatische Partnerschaft. Eine ähnliche Haltung nimmt China ein, die zweite Großmacht in der Shanghaier Sicherheitsorganisation.

Die russische Sicherheitspartnerschaft mit Teheran schließt Kritik an manchen Äußerungen des iranischen Staatschefs durchaus ein. Die obsessiven Zweifel des Teheraner Regenten am nazistischen Massenmord an den europäischen Juden hat Russlands Außenminister Sergej Lawrow unlängst als das bezeichnet, was sie sind: "völlig inakzeptabel".

Dankbar ist Moskau der Teheraner Führung vor allem für das, was sie nicht sagt und nicht tut. Die Islamische Republik verzichtet seit langem auf Revolutionsexport in die muslimischen Teile der ehemaligen Sowjetunion, was zeitweilig bittere Polemiken der tschetschenischen Separatisten hervor rief. Mehr noch, Iran half 1997 mit, einen Bürgerkrieg zwischen Islamisten und westlichen Kräften im mit Russland verbündeten Tadschikistan durch Verhandlungen beizulegen.

Moskauer Diplomaten gehen davon aus, dass Iran als stabilisierender Faktor in der asiatischen Region wirken kann, etwa durch Hilfe beim Wiederaufbau Afghanistans oder des Iraks. Dabei berücksichtigen russische Strategen auch, dass Irans Rolle im Nahen Osten wächst. Teheran hat Einfluss auf die schiitische Hisbollah im Libanon wie auch auf die palästinensische Hamas. Ein Weg zu Verhandlungen mit diesen Kräften, das weiß man in Moskau so gut wie in anderen europäischen Hauptstädten, führt über Teheran.

Zudem gelten die Iraner bei Russlands staatlichen Waffenhändlern als gute, weil zahlende Kunden. Was Irans Atomprogramm angeht, raten die Russen zu Gelassenheit. Ihr Auslandsgeheimdienst hat keine Erkenntnisse über eine bevorstehende atomare Bewaffnung des Landes. Bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie sehen Moskaus Atomhändler das Land als Absatzmarkt für Kernkraftwerke. Dass der Reaktor im südiranischen Buschehr, den die Russen bauen und dessen Brennstäbe nach Russland zurück geführt werden, nicht als Bombenmeiler taugt, wissen die Moskowiter so gut wie amerikanische Experten.

An einem nuklear bewaffneten Iran jedoch ist Moskau nicht interessiert. Nicht weniger Sorge aber mache man sich im Kreml über einen möglichen Militärschlag Israels gegen Iran, ließ Russlands Außenminister Lawrow kürzlich Gesprächspartner aus den USA wissen.



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