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Reaktion nach Anschlägen: Manchmal möchte ich Norweger sein

Norwegen hat besonnen und ohne vorschnelle Schuldzuweisungen auf die Attentate reagiert. In Berlin lief dagegen sofort die Empörungsmaschine an: Gesetze verschärfen, Neonazis verbieten. Kann in der deutschen Politik nicht einfach mal Ruhe sein? Fragt Christoph Schwennicke.

Skulptur des Zeitungslesers in Oslo: Ein Land unter Schock Zur Großansicht
AFP/ Scanpix/ Aleksander Andersen

Skulptur des Zeitungslesers in Oslo: Ein Land unter Schock

Der Zeitungsleser war mir sofort aufgefallen. An dieser Bronzeskulptur in der "Akers Gata", vor dem Redaktionsgebäude der Boulevardzeitung "VG", waren wir wenige Tage vorher vorbeigelaufen. Hinunter zur Nationalgalerie, in der Edvard Munchs "Schrei" inzwischen hinter dickem Panzerglas hängt.

Am 22. Juli saß dieser Zeitungsleser nun plötzlich inmitten eines Chaos aus Trümmern, blutenden und gestikulierenden Menschen. Ein Bild wie Ground Zero. Die Kommentatoren bei CNN und BBC versahen die wackeligen Live-Bilder vom Anschlag in Oslo mit allerlei Mutmaßungen, die sich hernach als Unsinn erweisen würden. Dann folgten die unfassbaren Nachrichten von der Ferieninsel im Tyri-Fjord.

Wir hatten ein Jahr lang eine Gasttochter aus Norwegen in unserer Familie und sie jetzt nach Hause gebracht. Ein etwas anderer Urlaub, zu Gast bei ihren Eltern, die, wie es sich gehört in Norwegen, eine idyllische einsame Hütte am See besaßen. Eine Zeit, in der viele Freunde zu Besuch waren, Künstler, Nachbarn, Verwandte. Ein kleiner Einblick in eine Gesellschaft, die mir inniger und verbundener vorkam als unsere.

Eine Nation von Nachbarn

Norwegen ist ein Riesenland von fast 400.000 Quadratkilometern. Vom südlichsten Zipfel, dem Leuchtturm von Lindesnes, sind es 3500 Kilometer bis nach Kirkenes an der Grenze zu Russland. Aber Norwegen ist eben auch ein kleines Land, mit seinen knapp fünf Millionen Einwohnern, von denen die meisten in Oslo, Bergen, Trondheim und Stavanger leben. Irgendwie kennen sich alle untereinander, und natürlich kennt Johanne, unsere Gasttochter, auch das Feriencamp auf Utøya. Wir waren auf Nakholmen im Oslofjord, wo eine ehemalige Ferienanlage der Sozialdemokraten inzwischen in eine Siedlung aus Wochenendhäuschen übergegangen ist. Auch dort der Eindruck: Hier kennt irgendwie jeder jeden.

Dieses Norwegen kam mir selig vor, und beneidenswert: eine Landschaft, die einem den Atem verschlägt, Menschen, die sich nahe sind, und das umgeben von einem Meer voller Fische und Öl. Der sagenhafte Ölfonds - mit einer Einlage von über 500 Milliarden Euro -, den ein Sozialpolitiker in Deutschland wahrscheinlich sofort verpulvern würde, wird in Norwegen gehütet und bleibt weitgehend unangetastet wie ein nationaler Schatz.

Norwegen stellt alles zurück - für die Trauer

Ein möglicherweise etwas langweiliges Land, aber ein glückliches Land, war dieses Norwegen meinem unrepräsentativen Eindruck nach. Bis zum 22. Juli 2011. Dann war es mit einem Mal ein zutiefst unglückliches Land.

Was mich bald nach dem Schock über die Ereignisse faszinierte, war der Umgang Norwegens mit dieser Tragödie. Als politisch denkenden Menschen in Deutschland kann einen das regelrecht neidisch machen. Der Ministerpräsident, ein vermeintlich unscheinbarer und unnahbarer Mensch, erweist sich als idealer, besonnener Krisenmanager. "Die Menschen in Norwegen reagieren mit Liebe und nicht mit Hass", sagen Prinz Haakon und Premier Stoltenberg wie unisono, und das, was jedenfalls hier ankommt, stimmt mit ihren Aussagen überein.

Norwegen verfällt nicht in einen besinnungslosen Wettbewerb von Sicherheitsforderungen, Norwegen stellt selbst berechtigte Fragen (Warum hatte die Polizei keinen eigenen Hubschrauber?) zurück und bemüht sich zuerst darum, diesen gesellschaftlichen Zusammenhalt, diese Nation aus Nachbarn nicht zu beschädigen, sondern eher noch zu stärken. Die wichtigste Frage kommt zuerst: Wie lebt Norwegen als verwundete Gesellschaft so frei und offen und nachbarschaftlich weiter?

Deutsche Reflexe: Gesetze, Verbote

Was für ein Unterschied zu unserem Land! Kaum war der Kunstdünger in Oslo detoniert, kaum waren die Todesschüsse auf Utøya verhallt, da forderte Herr Uhl von der CSU die Vorratsdatenspeicherung, woraufhin ihm Frau Roth von den Grünen vorhielt, ein innenpolitisches Süppchen auf dem norwegischen Feuer zu kochen - nicht ohne im selben Atemzug ihr eigenes aufzusetzen und mehr Überwachung des Rechtsextremismus zu fordern. Alle weiteren Forderungen bis hin zum NPD-Verbot kamen wie erwartet. Gegen den deutschen Politiker ist der pawlowsche Hund ein vernunftbegabtes Wesen, das den Mut aufbringt, sich seines Verstandes zu bedienen.

Warum muss Politik in Deutschland so sein? Warum muss jeder und jede jede Gelegenheit nutzen, das zu sagen, was er oder sie immer schon gesagt hat? Warum kann nicht einfach mal Ruhe sein?

Norwegen verarbeitet stumm das kollektive Trauma

Wer sich den "Schrei" von Munch in der Nationalgalerie in Oslo anschaut, der sieht einen Menschen, dem das unfassbare Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht. Als das weltberühmte Gemälde am helllichten Tage aus dem Museum gestohlen wurde, da war Norwegen das letzte Mal in den Schlagzeilen. Sieben Jahre ist das nun her. Auch damals ging es um die Kehrseiten einer offenen und von Vertrauen getragenen Gesellschaft.

Dieses Entsetzen von Munchs Schrei steht allen Norwegern ins Gesicht geschrieben, nur einem nicht, dessen verstörend selbstgefälliges, selig-absentes, teigiges Gesicht im Fond eines Polizeiwagens man sich wieder und wieder fassungslos betrachtet.

Die Menschen in Norwegen schreien stumm und verarbeiten das kollektive Trauma. Hierzulande hebt dagegen das übliche Geschrei an.

Manchmal möchte ich gern ein Norweger sein.

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1. Empörungsblatt
T-Rex, 02.08.2011
Zitat von sysopNorwegen hat besonnen und ohne vorschnelle Schuldzuweisungen auf die Attentate reagiert. In Berlin lief dagegen sofort die Empörungsmaschine an: Gesetze verschärfen, Neonazis verbieten. Kann in der deutschen Politik*nicht einfach mal Ruhe sein? Fragt Christoph Schwennicke. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777728,00.html
Sprach der Journalist im Empörungsblatt.... ;-)
2. Norwegen ruht in sich selbst
maximillian64 02.08.2011
Im Gegensatz zu Norwegen ruht Deutschland eben nicht in sich selbst. Mag es an der schwachen Politikergeneration liegen oder an der Erkenntniss das in Deutschland der Gemeinsinn einem egomanischen Selbsterhaltungs- und Bereicherungstrieb des politischen Personals und Bürger gewichen ist. Mann hat den eindruck das vor lauter "reagieren" keine strategischen Ziele mehr verfolgt werden, jeder gegen jeden kämpft, alles sich in Flucht und auflösung befindet. Für einen kleinen politischen Vorteil wird massiv Porzelan zerschlagen und diese Destruktive Haltung geht auch noch quer durch die Parteien durch. Deutschland ist reif für eine neue Politik (Gott bewahre uns vor einer Rechten) die den Gemeinsinn fördert und die Integrität des Landes bewahrt.
3. .
frubi 02.08.2011
Zitat von sysopNorwegen hat besonnen und ohne vorschnelle Schuldzuweisungen auf die Attentate reagiert. In Berlin lief dagegen sofort die Empörungsmaschine an: Gesetze verschärfen, Neonazis verbieten. Kann in der deutschen Politik*nicht einfach mal Ruhe sein? Fragt Christoph Schwennicke. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777728,00.html
Diese zwei Textstellen sagen eigentlich alles: "Warum muss Politik in Deutschland so sein? Warum muss jeder und jede jede Gelegenheit nutzen, das zu sagen, was er oder sie immer schon gesagt hat? Warum kann nicht einfach mal Ruhe sein?" Nach diesen Fragen kann man nur zu dem Schluss kommen: "Manchmal möchte ich gern ein Norweger sein." Ein sehr schöner Beitrag der endlich mal die Fragen stellt, die hier in unserem Land nicht gerne gestellt werden. Wieso lassen die Norweger sich von so einem Ereigniss nicht beirren und wieso lassen wir uns von einer vermeidlichen Bedrohung wie dem turbantragenden Islamisten in unserer Freiheit einschränken? Wieso können nicht auch wir mit mehr Offenheit und mehr Transparenz antworten? Wieso bekommen Menschen wie Uhl überhaupt Airtime?
4. ...
ginlai 02.08.2011
Zitat von sysopNorwegen hat besonnen und ohne vorschnelle Schuldzuweisungen auf die Attentate reagiert. In Berlin lief dagegen sofort die Empörungsmaschine an: Gesetze verschärfen, Neonazis verbieten. Kann in der deutschen Politik*nicht einfach mal Ruhe sein? Fragt Christoph Schwennicke. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777728,00.html
Danke, dem ist wirklich nichts hinzuzufügen, außer einem: nicht nur die Politik verfällt umgehend in den üblichen Empörungs- und Forderungswahn, sondern auch die Massenmedien. Umso wohltuender daher dieser Kommentar.
5. ...
hokie 02.08.2011
dem kann ich mich nur anschliessen ... fehlend in der Aufzahlung von Mister politisch korrekt aka "Christoph Schwennicke" ist aber: Warum wird jeder private Waffenbesitzer in der deutschen Gesellschaft als potentieller Amoklaeufer behandelt? Und mit einem irren Massenmoerder vergleicht?
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"Abscheuliche Akte der Gewalt"

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Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 5,166 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschefin:
Erna Solberg

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Waffen in Norwegen
Zahlen
Die Zahl der Schusswaffen, die sich in Privatbesitz befinden, wird auf rund 1,4 Millionen geschätzt, bei einer Bevölkerung von etwa fünf Millionen Menschen. Die hohe Zahl ist vor allem auf die Jagd zurückzuführen: Nach Angaben der Behörden besaß vor drei Jahren ungefähr jeder zehnte Norweger eine Jagdlizenz. Ähnlich beliebt ist das Sportschießen.
Waffengesetze
Die Waffengesetze Norwegens sind vergleichsweise strikt. Privater Waffenbesitz ist möglich, allerdings unter strengen Auflagen. Dass auch sie nicht vor grausamen Verbrechen schützen, beweist der Massenmord durch Anders Breivik: Er hatte seine Schusswaffen offenbar auf legalem Weg erworben.
Allgemeine Vorschriften
In Norwegen dürfen laut dem Waffengesetz "vernünftige und verantwortungsbewusste" Personen ab 18 Jahren Schrotflinten und Gewehre besitzen. Handfeuerwaffen sind ab 21 erlaubt. Wer einen Waffenschein haben möchte, muss seine Gründe darlegen. Meistens werden hier die Jagd oder Sportschießen genannt. Es darf keine Vorstrafe vorliegen. Dies traf auf Anders Breivik zu.
Waffenbesitz für die Jagd
Die meisten Waffenscheine werden in Norwegen für die Jagd vergeben. Für die Jagdlizenz müssen Anwärter einen 30-stündigen Kurs absolvieren. Zudem müssen sie einen Multiple-Choice-Test bestehen. Der Jagdschein muss jährlich erneuert werden, allerdings nur durch die Entrichtung einer Gebühr. Breivik erwarb die halbautomatische Schnellfeuerwaffe Ruger Mini 14, die die Standardmunition westlicher Streitkräfte verschießt, offenbar auf diesem Weg. "Ich habe den einwöchigen Jagdkurs absolviert", schreibt er im September 2010 in sein Tagebuch. "Die Polizei hat keinen Grund, meinen Antrag abzuweisen."
Waffenbesitz für das Sportschießen
Wer als Sportschütze einen Waffenschein erwerben will, muss einen mindestens neunstündigen Sicherheitskurs absolvieren, der zu zwei Dritteln aus praktischen Übungen mit der Waffe besteht. Der Kurs endet mit einem schriftlichen Test, der allerdings kürzer ist als im Fall des Jagdscheins. Nach dem bestandenen Test müssen die Anwärter über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens 15-mal an einem Training im Schützenverein teilnehmen. Erst danach darf man einen Waffenschein beantragen. Auch seine Pistole, eine halbautomatische Glock 17 scheint Breivik auf diesem vorgeschriebenen Weg erworben zu haben: "15-mal Training im November, Dezember und Januar wurden abgeschlossen und dokumentiert. Der Antrag für eine Glock 17 wurde Mitte Januar abgeschickt", schreibt Breivik in seinem Tagebuch.
Unterbringung von Waffen
Waffen und Munition müssen in einem verschlossenen Schrank gelagert werden. Der Polizei ist es erlaubt, die Unterbringung zu überprüfen.
Transport von Waffen
Das Mitführen von Waffen an öffentlichen Plätzen ist streng geregelt. Der Besitzer darf nur aus bestimmten Gründen Waffen transportieren, etwa wenn sie zur Reparatur müssen oder er auf dem Weg zur Jagd ist. Die Waffen dürfen nicht geladen und nicht nach außen hin sichtbar sein. Es ist verboten, sie am Körper zu tragen. Selbst Polizisten tragen in Norwegen im Normalfall keine Pistolen bei sich. Die Waffen müssen im Polizeiwagen in einer verschlossenen Box gelagert werden. Die Beamten dürfen sie erst herausholen, wenn sie die Erlaubnis eingeholt haben. Insofern war schon das Auftreten Breviks ungewöhnlich, als er auf der Insel ankam: Er soll zwei Waffen offen getragen haben.

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