Sorge um Ägypten: "Eine Katastrophe für die ganze Region"

Sicherheitskräfte und Demonstranten in Kairo: Furcht vor Kettenreaktion Zur Großansicht
AFP

Sicherheitskräfte und Demonstranten in Kairo: Furcht vor Kettenreaktion

Zerbricht Ägypten am blutigen Konflikt zwischen Militär und Muslimbruderschaft? Die Sorge vor einem Bürgerkrieg wächst. Experten in Berlin und Straßburg warnen vor einer Kettenreaktion in der arabischen Welt.

Kairo/Berlin - Am Wochenende sind Dutzende Menschen bei Zusammenstößen zwischen Muslimbruderschaft und Militär in Ägypten gestorben, weltweit herrscht Entsetzen über das Blutvergießen. Die Sorge vor einer Kettenreaktion in der arabischen Region wächst, selbst ein Bürgerkrieg wird nicht mehr ausgeschlossen. Wie geht es jetzt weiter? Europäische Außenexperten pochen auf mehr internationalen Druck, um die Krise beizulegen.

"Ich hätte die Armee nicht für so dumm gehalten, Demonstranten zu attackieren und einen neuen Konflikt zu provozieren. Das Maß der Eskalation ist erschreckend", sagte der Grünen-Fraktionschef im Europaparlament, Daniel Cohn-Bendit, am Montag SPIEGEL ONLINE. Er forderte ein gemeinsames Vorgehen von EU und USA: "Wir müssen gemeinsam auf das Militär einwirken, damit es die Jagd auf die Mursi-Anhänger beendet."

Cohn-Bendit schlug vor, etwa finanzielle Hilfen für Ägypten daran zu knüpfen, ob die demokratisierenden Prozesse im Land vorangehen. Der Grünen-Politiker mahnte zugleich, dass bei Neuwahlen die Muslimbrüder eingebunden werden müssten, "sonst gibt es nur Potential für weitere Massenproteste".

Kann Ägyptens Gewalt andere Länder anstecken?

Bei den jüngsten Zusammenstößen zwischen Anhängern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi und Sicherheitskräften kamen mindestens 80 Menschen ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Truppen der Bereitschaftspolizei hatten auf islamistische Demonstranten gefeuert, die gegen die Absetzung Mursis protestierten. Bereits Anfang Juli erschossen Sicherheitskräfte 53 Mursi-Anhänger.

Der SPD-Außenpolitiker Rolf Mützenich zeigte sich erschüttert, dass zwei Jahre nach dem Arabischen Frühling die Gewalt wieder ausbreche. "Wir müssen feststellen, dass alle Regierungen nach dem Umbruch nicht bereit waren, die Macht zu teilen und Kompromisse einzugehen. Das muss sich ändern", sagte Mützenich SPIEGEL ONLINE.

Der SPD-Politiker warnte vor den Folgen für die gesamte Region, sollte sich die Krise nicht beilegen lassen. "Die internationale Gemeinschaft muss an jene Kräfte appellieren, die mäßigend wirken können. Sonst könnte Ägypten eine Kettenreaktion in der arabischen Welt auslösen."

Appellieren, mahnen, verhandeln: Viel mehr bleibt den internationalen Akteuren derzeit nicht übrig. Längst haben sich der Konflikt in Ägypten und auch die Auseinandersetzungen in Tunesien von einer Staats- zur Identitätskrise entwickelt. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton will im Laufe des Tages in Kairo mit der Führung der Übergangsregierung und Vertretern der Muslimbruderschaft sprechen.

"Ich halte einen Bürgerkrieg für möglich"

Doch es ist ungewiss, ob außenpolitischer Druck allein die Lage entspannen kann. Der Chef des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten im Europaparlament, Elmar Brok, sprach von einer "Entscheidungsschlacht zwischen zwei Staatsvorstellungen, die nicht zusammenpassen". "Es scheint derzeit nicht zu gelingen, die verschiedenen Strömungen zu vereinen - die Anhänger eines islamistischen Staates, christliche Minderheiten, junge Modernisierer, säkulare Kräfte", sagte der CDU-Politiker SPIEGEL ONLINE.

"Die jüngste Eskalation ist eine Katastrophe für die ganze Region. Ich halte einen Bürgerkrieg für möglich", so Brok weiter. Die internationale Gemeinschaft müsse das Militär und die Übergangsregierung dazu bringen, schnell einen Fahrplan für eine Verfassung mit demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien aufzustellen, forderte er. Zudem müssten 2014 Neuwahlen angesetzt werden. "Die Muslimbruderschaft sollte sich darauf einlassen und die Straße verlassen. Alle Seiten sollten auf diese Weise zur Beruhigung und Kooperation beitragen", so der Europapolitiker.

Der Grüne Cohn-Bendit warnte zugleich davor, in Ägypten von einem drohenden Bürgerkrieg zu sprechen - ganz gleich, wie sich die Situation weiter entwickele. "Der Begriff Bürgerkrieg ist irreführend. Denn sollten die Auseinandersetzungen in einen Krieg münden, handelt es sich um einen Konflikt zwischen Armee und Fundamentalisten. Die Bürger sind dabei nicht Hauptakteure, sondern Opfer."

Fotostrecke

16  Bilder
Straßenkämpfe in Ägypten: Mauern als Barrikaden, Steine als Waffen

amz

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. unlösbarer Widerspruch
_meinemeinung 29.07.2013
Der Widerspruch zwischen den Islamisten und den Säkularen ist unlösbar. Das gilt nicht nur für Ägypten, sonden für alle islamschen Staaten. Es wird in naher Zukunft zum offenen Konflikt kommen, soviel scheint sicher. Religion war noch nie ein guter Ratgeber, wenn es um Machtfragen geht. Ein guter Kriegsanlass aber allemal. Die meisten Kriege der Menschheitsgeschichte waren religiös unterfüttert, es tötet sich ja auch leichter, wenn es für "den einen Wahren Gott" geschieht...Wie weit diese Geisteskrankheit namens Religion geht, sieht man an den Selbstmordattentätern speziell im Irak. Die töten sich selbst und Massen Unbeteiligter im Namen ihres Gottes... Das ist so krank. Alles Gesagte gilt übrigens für jede Religion, nur der Buddhismus macht eine Ausnahme.
2. Richtiger Weg
spiegelleser_12345 29.07.2013
Zitat von sysopAFPZerbricht Ägypten am blutigen Konflikt zwischen Militär und Muslimbruderschaft? Die Sorge vor einem Bürgerkrieg wächst. Experten in Berlin und Straßburg warnen vor einer Kettenreaktion in der arabischen Welt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/reaktionen-auf-aegypten-konflikt-ein-buergerkrieg-ist-moeglich-a-913629.html
Die Appeacement Politik der Engländer vor achzig Jahren führte uns in eine der schlimmsten Katastrophen. Wären damals mehr Deutsche aufgestanden und hätten den Radikalen die Meinung gesagt, wäre uns und anderen viel erspart geblieben. Was in Ägypten passiert ist ein rechtzeitiger Aufstand gegen unmenschliche mittelalterliche Kräfte. Was hier niemand erwartet hatte ist ein moderner Islam, der mit den rückständigen Fundamentalisten wenig anfangen kann. Wir sollten die demokratischen und modernen Kräfte in Ägypten unterstützen und den Radikalen ihre Grenzen zeigen.
3. Es geht doch
babarella 29.07.2013
nichts über die ach so "cleveren" und "realitätsnahen" Vorschläge dieser sebstgerechten Besserwisser in Brüssel, Berlin, Strassburg. Darauf 'warten' die Menschen in Ägypten doch förmlich ! Demokratische Prozesse in Ländern mit weit über 70%Analaphetenquote einzufordern (und was anderes tun diese 'Politiker' nicht ) ist schon fast grotesk wenn es nicht so weltfremd wäre. Hier zählt primär, wer das tägliche Brot bezahlt und wenn der nicht mehr bezahlt, kommt die nächste Gruppierung dran ! Demokratie ?? Die einzige, auch auf längere Sicht betrachtet, Demokratie wird im Nahen Osten auch weiterhin Israel sein und bleiben.
4. Verschlimmerung durch Rumeiern
jenom 29.07.2013
Es gibt keine Demokratie ohne klare Trennung von Staat und Kirche. Dieses Grundprinzip aus kurzsichtiger Profitgier über den Haufen zu werfen wird sich langfristig bitter rächen. Verfassungskonforme Demokraten sollten jetzt eigentlich alles tun, um die Befreiung von mittelaterlicher Religion zu unterstützen.
5. es hat nicht mit der Religion zu tun...
epavli 29.07.2013
...sondern mit den Menschen, die sie missverstehen und für ihre radikalen Motive zweckentfremden. Dass Buddhisten da besser sind...? schauen Sie mal nach Fernost, bevor Sie so eine ziemlich schwache und unfundierte Behauptung aufstellen. Im übrigen ist es mE unvermeidbar, dass die Islamisten ihre Grenzen aufgezeigt bekommen und in den Ländern Nordafrikas eine Demokratisierung inklusive Trennung von Kirche und Staat herbeigeführt wird. das hat leider in der gesamten Geschichte dieser Welt zu blutigen Auseinandersetzungen mit vielen Todesopfern geführt. bleibt zu wünschen, dass dieser Prozess nicht von allzu langer Dauer ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Machtkampf in Ägypten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 62 Kommentare
Fotostrecke
Machtkampf: Krawalle in Ägypten

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Ägypten-Reiseseite

Karte

Hilfe für Ägypten-Urlauber
Deutsche Vertretungen
Krisenstab des Auswärtigen Amts: 030-50003000

Deutsche Botschaft in Kairo
Telefon: (0020 2) 27 28 20 00
Bereitschaftsdienst in dringenden Notfällen: 012 213-6538
Honorarkonsulat in Alexandria: (002-03) 486-7503
Honorarkonsulat in Hurghada: (002-065) 344-3605, (002-065) 344-5734
Hotlines der Reiseveranstalter
TUI: 0511-567 8000 (9 bis 20 Uhr)
Neckermann Reisen und Thomas Cook: 06171-65 65 190
Bucher Reisen: 06171-65 65 400
Air Marin: 01805-36 66 36
Öger Tours: 01805-24 25 58
Condor: 01805-767757
Rewe (ITS, Jahn Reisen, Tjaereborg, Condor): 02203-42 800
FTI: 0800-2525444 (9 bis 22 Uhr)
5vorFlug: 0800-2525113 (9 bis 20 Uhr)
L'tur: 0800-21 21 21 00 (8 bis 24 Uhr)

Fluggesellschaften
Lufthansa: Sonder-Telefonnummer, unter der Flüge ausschließlich ab Kairo gebucht werden können +49-30-50570341

Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
Condor: www.condor.com oder per Telefon unter +49-180-5767757