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Reaktionen auf Jad-Waschem-Rede: Israel hadert mit dem Papstbesuch

Aus Jerusalem berichtet Ulrike Putz

Die Rede des Papstes in Jad Waschem spaltet die israelische Nation: Große Tageszeitungen beklagen, dass Benedikt keine Mitschuld der Kirche eingestand, doch führende Rabbiner loben die Botschaft. Auch die Palästinenser versuchen, den Besuch für ihre politischen Zwecke zu nutzen.

Es war kein leichter Einsatz für die Papst-Beauftragten des israelischen Senders Kanal 10: Kaum hatte Benedikt XVI. seine Ansprache in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem beendet, sollten sie das Gesagte auch schon live kommentieren. Das Problem des Moderatoren-Teams: Es war sich nicht einig. Und so oszillierten ihre Einschätzungen der Papst-Rede am Montag von "enttäuschend" bis "bewegend", von "gefühlsarm" bis "tiefsinnig".

Benedikt XVI. in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem: "Der Papst bittet nicht um Vergebung"
REUTERS

Benedikt XVI. in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem: "Der Papst bittet nicht um Vergebung"

Dass diejenigen, die den Papst in Schutz nahmen, in der folgenden nationalen Debatte überstimmt wurden, folgt der Logik der israelischen Medien: Empörung verkauft sich besser.

"Der Papst bittet nicht um Vergebung", titelte die Tageszeitung "Yedioth Ahronoth" am Tag danach. "Der Papst erwähnt die Rolle der Nazis im Holocaust nicht", protestierte "Haaretz". Wer genau las, musste jedoch zu dem Schluss kommen, das kaum Grund zur Aufregung besteht: Der Papst hatte den Holocaust bereits verdammt, als er am Montagmorgen noch auf dem Rollfeld des Ben-Gurion-Flughafens stand. Und dass Benedikt nicht Jad Waschem zu dem Ort machte, an dem er um Vergebung bitten würde, sah ihm letztlich sogar der Vorstandsvorsitzende der Gedenkstätte nach, Rabbi Israel Meir Lau.

Lau hatte sich in einer ersten Reaktion von der Papst-Rede "enttäuscht" gezeigt. "Er hat nicht gesagt, dass es ihm weh tut oder dass es ihm leid tut. Von einer Entschuldigung ganz zu schweigen", so Lau am Montag. In einem am Dienstag veröffentlichten Gastbeitrag im Massenblatt "Maariv" relativierte Lau seine Einschätzung jedoch. Einige Sätze hätten zwar gefehlt, schrieb der Rabbiner. Andererseits habe der Papst in seiner Rede Holocaust-Leugnern wie Bischof Richard Williamson und Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad eine "triumphale Antwort" gegeben.

Benedikt hatte betont, der Holocaust dürfe weder vergessen, noch geleugnet, noch geschmälert werden. Lau erinnerte daran, dass die erste Reise des Papstes außerhalb des Vatikan in die Kölner Synagoge geführt hatte. Auch in Sachen Entschuldigung zeigte sich Rabbi Lau in seinem Gastkommentar milder denn am Tag zuvor. Auch Papst Johannes Paul II. habe das jüdische Volk erst bei seinem Besuch an der Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt um Vergebung gebeten, schrieb Lau.

"Was in Israel gern vergessen wird, ist, dass nicht wir das Drehbuch für diesen Besuch schreiben", sagt Ilan Goren, einer der Papst-Berichterstatter des Kanal 10. Der Vatikan folge seinem eigenen Protokoll. Der Papstbesuch sei lang, da habe es wenig Sinn, nach Tag eins zu einer Generalkritik anzusetzen.

Auch David Rosen, einer der Ober-Rabbiner Israels und Mitglied im Komitee für interreligiöse Konsultationen hält die Papst-Kritik für übertrieben. Dass einige Israelis anscheinend nur darauf warteten, sich zu empören, sei "schade", so Rosen. Hitzige Debatten um Einzelheiten verstellten den Blick auf das Wesentliche: Dass der Papst in Freundschaft nach Israel gekommen sei und Millionen Christen dank seiner Anwesenheit hier auf das Heilige Land schauten.

Tatsächlich hatte es nach dem Gaza-Krieg und der Wahl der rechtsnationalen Regierung Benjamin Netanjahus im Außenministerium Befürchtungen gegeben, der Papst werde seinen Besuch absagen. Dass der Papst, immerhin geistlicher Führer von über einer Milliarde Christen, sich nun doch mit Israels Politikern zeigt, könne helfen, dem Staat auch bei seinen Kritikern Legitimation verschaffen, schrieb Anschel Pfeffer in der Tageszeitung "Haaretz". "Wir geben das sehr ungern zu, aber seit Gaza sind wir in sehr vielen Teilen der Welt zu Aussätzigen geworden", zitiert Pfeffer einen hochrangigen Berater der Regierung. Der Empfang für den Papst sei Teil einer Kampagne, das zu ändern.

Auch das israelische Tourismusministerium setzt größte Hoffnungen in die Pilgerreise. Eindringlich bat Tourismusminister Stas Misezhnikov vor der päpstlichen Ankunft einheimische Journalisten, einen Schwerpunkt der Berichterstattung auf das christliche Erbe Israels zu legen. Er hoffe, der Papst werde die katholischen Gläubigen auffordern, nach Israel zu kommen, so Misezhnikov. Um skeptische Israelis von den Vorzügen des Besuchs des Kirchenoberhaupts zu überzeugen, veröffentlichte das Ministerium zudem Zahlen: Jeder Pilger gebe während einer Israel-Reise mehr als tausend Euro aus, allein die Gläubigen, die den Papst begleiten, würden etwa 15 Millionen Euro im Land lassen.

Der israelische Staat will sich nach dem PR-Desaster des Gaza-Krieges in dieser Woche von seiner besten, wohl organisierten Seite zeigen. Die Planer schossen dabei allerdings übers Ziel hinaus: 80.000 Sicherheitskräfte seien im Einsatz, um den Besuch zu einem Erfolg zu machen, brüsteten sie sich vor der Anreise des Papstes. Nun stellte sich heraus: Die Zahl ist ein Mehrfaches dessen, was es in Israel überhaupt an Polizei und Wachleuten gibt. Die Sprecher der Sicherheitsbehörden hätten die Zahlen künstlich aufgeblasen, berichteten israelische Fernsehsender Montag. Sie hätten jeden eingesetzten Beamten fünf Mal gezählt - für jeden Tag der Papstvisite einmal.

Auch die Palästinenser versuchen, den Papstbesuch für ihre politischen Zwecke zu nutzen. Der Papst hält sich vornehmlich im Ostteil Jerusalems auf, wo auch die Vertretung des Vatikans liegt. Um ihren Anspruch auf den von Israel besetzt gehaltenen Teil der Stadt zu unterstreichen, ernannte sich die Palästinensische Autonomiebehörde kurzerhand zum Gastgeber des Papstes. Im Ambassador Hotel richtete sie am Sonntag ein eigenes Pressezentrum ein - wohlwissend, dass es von israelischen Sicherheitskräften geschlossen werden würde.

Am Montag war es dann so weit: Mit einem von Innenminister Yitzhak Aharonovitsch unterzeichneten Befehl betraten Polizisten das Hotel und lösten eine gerade stattfindende Pressekonferenz auf. Khatem Abdel Kader, Berater des Präsidenten Mahmud Abbas, zeigte sich geradezu zufrieden mit dem Vorgang. Die Räumung habe dazu beigetragen, im Zuge des Papst-Besuchs auf die Situation in Jerusalem aufmerksam zu machen. "Wir werden uns dem israelischen Druck nicht beugen."

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