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Reaktionen auf Litwinenkos Vergiftung: "So blöd kann Putin doch nicht sein"

Die Vergiftung des Kremlkritikers Litwinenko wird in der internationalen Presse unterschiedlich bewertet. Die einen sehen eine Spur in den Kreml, andere argumentieren, ein Mord sei nicht in Putins Interesse.

"The Times", Großbritannien:

"Putin ist durch diesen Mord in schwere Verlegenheit gebracht worden. Für sein Streben, Russland wieder zu einem weltweit respektierten Staat zu machen, sind Anschuldigungen, er führe ein Gangsterregime, nicht hilfreich. Er muss deshalb den britischen Ermittlern vollständige Kooperation und uneingeschränkten Zugang zu allen anbieten, die sie befragen wollen. Eine Weigerung oder Ausflüchte müssten als Beweis einer Komplizenschaft verstanden werden. Russland sollte auch nicht den Eindruck vermitteln, dass es dies für eine Episode hält, die in ein paar Wochen vergessen ist. Jede Politik des Aussitzens sollte auf eine stärkere Reaktion Großbritanniens stoßen. Litwinenko war ein Bürger dieses Landes. Seine Ermordung ist ein Angriff auf unsere Gesetze, unsere Demokratie und unsere Lebensweise."

"La Repubblica", Italien:

"Sein Tod ist ein Komplott, fast mit Sicherheit ein Staats-Komplott, und wahrscheinlich das Komplott eines stahlharten und mächtigen Staates wie es das Russland Putins ist. Darauf deuten einige überzeugende Indizien hin. Das erste (...) ist die Methode: Vergiftung. Ein Dilettant haut Dir ein Messer in den Rücken oder schießt Dir in den Magen. Auch das Organisierte Verbrechen, die Mafia, organisiert Komplotte: Autobomben sind ihre Spezialität. Aber nur der Geheimdienst einer Regierung benutzt eine hoch entwickelte und komplexe Methode wie die Vergiftung.

Im Fall Litwinenko kommt dabei noch die verwendete Substanz hinzu: (...) Ein radioaktiver Stoff. Das ist etwas, was man nicht in der Apotheke kauft und auch nicht in der Küche selbst fabriziert. Eine sehr seltene, äußerst schwer zu beschaffene Substanz. Und die Logik sagt uns, dass nur eine Nuklearmacht sie haben kann. Und wie viele Nuklearmächte gibt es auf der Welt? Sagen wir mal etwa zehn. Und wie viele von diesen zehn hassten Litwinenko und konnten ein Interesse daran haben, ihn zu ermorden? Nur eine, Russland. Um ihn zum Schweigen zu bringen, um jemand anderem Angst einzujagen oder aus einem anderen obskuren Grund."

"The Guardian", Großbritannien:

"Nahezu alle Anschuldigungen gegen den Kreml und den russischen Auslandsgeheimdienst sind entweder von früheren KGB-Offizieren erhoben worden, aus denen MI6-Agenten wurden, oder durch Freunde, Verbündete oder Angestellte von Boris Beresowski - jenes russischen Oligarchen der Jelzin-Ära, dessen Auslieferung unter dem Vorwurf der Veruntreuung Russland bislang vergeblich verlangt. Selbst wenn Russlands Behauptung, es habe Mordaktionen im Ausland schon vor langer Zeit aufgegeben, nicht unbedingt zutrifft (ein tschetschenischer Rebellenführer wurde 2004 in Katar getötet), macht doch Russlands Argument durchaus Sinn, dass ein solcher Skandal das letzte ist, was Präsident Putin derzeit brauchen kann. Warum sollte der Kreml einen Aufschrei der Empörung im Westen durch die Tötung eines unbedeutenden Kritikers in London riskieren?"

"Die Presse", Österreich:

"So blöd kann der russische Präsident Wladimir Putin doch eigentlich nicht sein, dass er vor jeder wichtigen Reise ins westliche Ausland bei seinen Geheimdiensten den Mord an einem Kritiker in Auftrag gibt, der ihm dann seine ganze Reise versaut. (...) Zur Ausschaltung Litwinenkos bedurfte es gar keines Befehls aus dem Kreml. Bei allem Autoritarismus unter Putin gibt es heute genügend Kräfte, die auf eigene Faust Rechnungen begleichen. Die Auftraggeber des Mordes sind am ehesten im Geflecht zwischen russischen Ex-Tschekisten, Neo-Mafiosi und Alt-Apparatschiks zu suchen. Aber dieses Geflecht wird sich auch für Scotland Yard als undurchdringlich erweisen."

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