Reaktionen auf Obamas Kairo-Rede "Seine Rede hat schon Stunden später gewirkt"

Die Rede von US-Präsident Obama an die islamische Welt war ein echter Durchbruch, meint der ägyptische Politologe Abd al-Munim Said. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über muslimische Hardliner, amerikanische Tabus - und die verbesserten Aussichten für Frieden in Nahost.


SPIEGEL ONLINE: Herr Said, war die Rede von US-Präsident Barack Obama in der Kairo-Universität wirklich ein Durchbruch auf der jahrzehntelangen Friedenssuche in Nahost und in der islamischen Welt?

Beifall für Obama: "Verbindlich festgelegt"
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Beifall für Obama: "Verbindlich festgelegt"

Said: Über Begriffserklärungen großer Worte lässt sich immer streiten. Doch Obamas Bruch mit Tabus und friedensfeindlicher Voreingenommenheit war selbstverständlich ein Durchbruch. Der junge Präsident hat dem viel zu oft bemühten "Kampf der Kulturen" das Aufeinanderzugehen, das Streben nach kultureller, religiöser und politischer Aussöhnung gegenübergestellt. Ich bin nicht für euphorische Ausrutscher bekannt, doch für mich steht fest: Das war nicht nur eine "politische Rede mehr", sondern ein Programm, wie es die Welt in dieser deutlichen Form seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hat.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Muslime, vor allem die Araber, hatten auf deutlichere Worte in Bezug auf den sich immer wieder blutig zuspitzenden Palästina-Konflikt gehofft.

Said: Das Staatsoberhaupt der westlichen Supermacht ist kein Tabakladenbesitzer, der die unterschiedlichen Geschmäcker seiner Kunden bedient. Obama richtet sich in seinen Grundsatzanalysen und moralischen Forderungen direkt an die betroffenen Menschen, nicht nur an die Entscheidungsträger in Parlamenten und Regierungen. Diese Taktik hatte er auch im amerikanischen Wahlkampf erfolgreich angewandt.

SPIEGEL ONLINE: Verfängt diese Vorgehensweise auch bei den Extremisten, die einen Kompromiss ja gar nicht wollen?

Said: Sie hat schon Stunden später gewirkt, auf beiden Seiten. Die israelischen Ultras sind von der weltweiten Akzeptanz des Obama-Appells und der schlagartig wachsenden Popularität des neuen Mannes im Weißen Haus derart verunsichert, dass sie sich direkter Kritik an seinem neuen Friedenskonzept enthalten. Nach meinen Erkenntnissen stößt die Rede auch auf Verständnis und Wohlwollen der Mehrheit der amerikanischen Juden. Auch Hamas hält sich mit allzu scharfer Kritik an Obama zurück, weil der Inhalt seiner Rede trotz aller Vorbehalte bei der Masse der Bevölkerung eben wieder Friedenshoffnungen weckt.

SPIEGEL ONLINE: Für die Palästinenser ist der Lackmustest die Frage, ob Obama es schafft, den israelischen Siedlungsbau zu stoppen und das arabische Ostjerusalem als Teil des besetzten Westjordanlands festzuschreiben.

Said: Obama hat sich verbindlich festgelegt, die Schaffung eines unabhängigen Staates Palästina zu betreiben, und zwar in den Grenzen von 1967. Außerdem hat er klargestellt, dass Jerusalem, dessen arabischen Ostteil Israel unter Verstoß des Völkerrechts annektiert hat, allen gleicherweise offen stehen muss. Das ist eine deutliche Absage an die Fortdauer der israelischen Oberhoheit über ganz Jerusalem.

SPIEGEL ONLINE: Das wird nicht nur die Siedler auf die Palme bringen…

Said: Barack Obama brach mit dem amerikanischen Tabu, israelische Positionen, die eine friedliche Lösung erschweren, a priori abzusegnen oder zumindest auszuklammern. Diese Ära ist seit gestern endgültig vorbei.

SPIEGEL ONLINE: In den jüdischen Siedlungen im Westjordanland leben bereits über 200.000 Israelis. Ist da eine Lösung überhaupt noch möglich?

Said: Auch das weiß Obama. Lösungsmöglichkeiten gibt es auch jetzt noch. Etwa 81 Prozent der jüdischen Siedler leben in drei großen Siedlungskomplexen nahe der Grenze von 1967, die drei Prozent der Gesamtfläche der besetzten Gebiete ausmachen. Israelis, Palästinenser und Amerikaner haben aber dem Prinzip eines Gebietsaustauschs schon vor vielen Jahren zugestimmt. Nach einem 2002 unterzeichneten Abkommen gelten alle Siedlungen, die nach März 2002 gebaut wurden, als illegal. Die müssen einem echten Frieden zum Opfer fallen, was die israelische Bevölkerungsmehrheit akzeptiert, wenn man Meinungserhebungen glauben darf.



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