Frankreichs Wahlsieger "Macron schlägt die Welle des Populismus zurück"

Große Erleichterung: Nach dem Sieg von Emmanuel Macron bei der französischen Präsidentschaftswahl sehen internationale Politiker Europa gerettet. Andere warnen vor fünf schweren Jahren. Die Reaktionen im Überblick.

Macron nach seinem Wahlsieg am Sonntag
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Macron nach seinem Wahlsieg am Sonntag


Nur wenige Minuten war der Sieg von Emmanuel Macron alt, da kamen schon Glückwünsche aus Deutschland. Sein Erfolg sei ein Sieg für ein geeintes Europa, twitterte der Regierungssprecher Steffen Seibert. Zwei Stunden später telefonierte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem 39-Jährigen. "Die Bundeskanzlerin freut sich darauf, im Geist der traditionell engen deutsch-französischen Freundschaft vertrauensvoll mit dem neuen Präsidenten zusammenzuarbeiten", teilte Seibert anschließend mit.

Die Erleichterung ist groß, dass der Kanzlerin eine Zusammenarbeit mit Marine Le Pen erspart bleibt. Und auch andere Staats- und Regierungschefs zeigen sich erleichtert, dass der proeuropäische Linksliberale bei der Stichwahl am Sonntag mit unerwartet großem Abstand vor der rechtsextremen Kandidatin Le Pen landete. (Lesen Sie den Newsblog zur Wahlnacht hier.)

"Er hat Hoffnung, Zuversicht ausgesprochen", sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Sonntagabend in der Politik-Talkshow Anne Will im Ersten. Die Rechtspopulistin Le Pen dagegen habe stets voller Hass auf Europa argumentiert und habe Sündenböcke für Missstände gesucht. Grünen-Politiker Jürgen Trittin zeigte sich weniger euphorisch. Zwar habe die Mehrheit der Franzosen gegen Rassismus und Protektionismus gestimmt, sagte er. Aber es müsse erschrecken, dass mehr als ein Drittel der Wähler sich für die Rechtspopulistin entschieden habe.

Der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, Manfred Weber (CSU), erwartet vom künftigen französischen Präsidenten, dass er sein Land fit für die Zukunft macht. "Jetzt muss Frankreich aufholen, muss aufschließen zu den Staaten in Europa", sagte Weber im ZDF-"Morgenmagazin". Das sei dringend nötig nach fünf Jahren des Stillstands unter dem sozialistischen Präsidenten François Hollande. Ifo-Chef Clemens Fuest sagte, wenn es Macron gelinge das Land zu reformieren, werde ganz Europa davon profitieren.

Von einem "großen Sieg" sprach Donald Trump bei Twitter. Der US-Präsident beglückwünschte Macron beim Kurznachrichtendienst und schrieb: "Ich freue mich sehr darauf, mit ihm zusammenzuarbeiten". Trump waren zuvor Sympathien für Le Pen nachgesagt wurden.

Sein Vorgänger Barack Obama, wenngleich nicht mehr im politischen Amt, machte seine Präferenz vor dem Votum klar. In einem Video sagte er, Macron richte sich an die Hoffnungen der Menschen, nicht an ihre Ängste.

Glückwünsche aus Frankreich kamen auch: Der scheidende Präsident François Hollande gratulierte Emmanuel Macron telefonisch zu seinem Wahlerfolg - und wünschte ihm alles Gute. Im August 2014 hatte Hollande den weitgehend unbekannten Politiker in sein Kabinett geholt - nicht einmal drei Jahre später löst Macron seinen Ex-Chef nun ab.

"Partnerschaft auf höheres Niveau bringen"

In der Nacht zum Montag wurde Macron mehrfach an die internationale Verantwortung erinnert, die er als Präsident Frankreichs trägt. Als ständige Mitglieder im Weltsicherheitsrat müssten beide Länder besonders für Frieden und Entwicklung in der Welt einstehen, sagte Chinas Präsident Xi Jinping laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. China sei bereit, gemeinsam mit Frankreich die "umfassende strategische Partnerschaft" auf ein höheres Niveau zu bringen.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ließ Macron per Mitteilung Glückwünsche ausrichten. "Eine der größten Bedrohungen der Welt ist heute der radikal-islamische Terror, der Paris, Jerusalem und so viele andere Städte auf der Welt heimgesucht hat", sagte Netanjahu. "Frankreich und Israel sind langjährige Verbündete und ich bin sicher, dass wir unsere Beziehungen weiter vertiefen werden."

So reagiert die internationale Politik

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Der ehemalige Chef der EU-feindlichen britischen Ukip-Partei, Nigel Farage, reagierte hingegen enttäuscht auf den Wahlsieg Macrons. "Emmanuel Macron bietet fünf weitere Jahre des Versagens, Kompetenzübertragung an die EU und offene Grenzen. Wenn Marine Le Pen sich darauf konzentriert, kann sie 2022 gewinnen", schrieb er am Sonntagabend auf Twitter.

Auch in der internationalen Presseschau gibt es skeptische Stimmen. So kommentiert etwa die die konservative französische Tageszeitung "Le Figaro": "Wir sollten uns nicht täuschen: Das Frankreich Macrons, dieses positive, dynamische, reformorientierte Land, das offen für Europa ist, existiert und es ist glücklich über seinen Sieg. Aber es repräsentiert in Wirklichkeit nur ein Viertel der Franzosen." Fast die Hälfte der Bürger zähle zu den Anhängern der Rechtspopulistin Marine Le Pen oder aber des Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon.

Die Franzosen haben mit ihrem Votum die Katastrophe einer Präsidentschaft der Rechtspopulistin verhindert - jetzt brauche Macron aber viel Glück, um Wandel, Wachstum, Einheit und Heilung zu bewerkstelligen, schreibt die britische Tageszeitung "The Guardian".

Die großen Medien in den USA waren sich einiger. "Macron schlägt die Welle des Populismus zurück und sichert sich die französische Präsidentschaft", titelte die "Washington Post". Die "Los Angeles Times" hebt auf die migrationskritische Linie seiner Konkurrentin ab. "Macron widersteht der nationalistischen Anti-Einwanderungskampagne Le Pens, trotz niedriger Wahlbeteiligung und einer Flut von gehackten Dokumenten in letzter Minute." Die "New York Times" hält Macrons Sieg für eine "große Erleichterung für die Europäische Union".

Frankreich-Wahl
Vorläufiges Endergebnis
Wahlbeteiligung: 74,62%
Macron
En marche!
66,06%
Le Pen
Front National
33,94%
1. Wahlgang: 24,01%
Sonstige: 54,69%
1. Wahlgang: 21,30%
Quelle: Franz. Innenministerium (Stand: 8.5.2017, 08.39 Uhr)

vks/dpa/Reuters

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Seite 1
marthaimschnee 08.05.2017
1. seht es als letzte Chance für die EU
allerdings ist zu befürchten, daß die aufgrund Macrons Werdegangs zu erwartende wie auch seine angekündigte Politik nur ein weiteres Paket Sargnägel sein werden
NahGha09 08.05.2017
2. Pyrrhussieg?
---Zitat--- "Macron schlägt die Welle des Populismus zurück" ---Zitatende--- Abwarten! Bei aller Freude über einen verhinderten Sieg der Frau Le Pen, sollte man nicht vergessen, dass Macron auch nicht den großen Rückhalt in der Gesellschaft hat. Seine neoliberalen Pläne und seine Verquickungen mit der Großfinanz könnten zu einem bösen Erwachen führen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er letztlich der EU (auch in Deutschland) mehr Schaden zufügt als Marin Le Pen.
vox veritas 08.05.2017
3.
Vielleicht sollte man mit dem Verteilen der Lorbeeren abwarten, zumindest bis zur Übernahme der Amtsgeschäfte.
Xantos73 08.05.2017
4. Ganz ruhig...
ja bitte nicht gleich so euphorisch. Schön, schön das er gewonnen hat, ja. Le Pen hätte an den Grundfesten der EU gerüttelt und wird es noch, aber nun auch weiterhin aus der Oppostionsrolle heraus. Das jedoch gestärkt, das sollte man nicht vergessen. Und ich will hier auch gar nichts schlecht reden, aber warten wir mal ab was an Daten noch aus dem Hackerangriff erwächst. Sollten da Schweinereien ans Tageslicht kommen, die Macron schwer beschädigen, wird seine Freude über den Wahlsieg nur von kurzer Dauer sein. Was seinen Durchmarsch angeht und wie er hier im Artikel dargestellt wird, als allein in seiner Person begründeter Sieg, da wäre ich sehr vorsichtig. Wer so schnell steigt hat in der Regel Starthilfen und Unterstützungen erhalten von Interessensgruppen die dies so wollten. Eine finanzstarke Lobby würde ich meinen und wer in eine Sache investiert tut das nicht ohne Grund. Den Arbeitsmarkt öffnen? Will heißen prekäre Jobs? Also Niedriglohn und Aufweichung von Anstellungsverträgen, sprich Kündigungsfristen, Befristungen usw. - so wie in Deutschland? Lustisch! Na ich drück den Franzosen die Daumen das alles gut geht. Und das Spiel muss ja auch weiter gehen. Nach diesem Sieg wird an den Börsen bestimmt erst mal ne Flasche auf gemacht. Meine unmaßgebliche Lebenserfahrung und Meinung - nach nem dicken Rausch kommt meißt ein fetter Kater. Hoffen wir mal das der nicht zu dolle ausfällt.
kobra21 08.05.2017
5. Es wird teuer!
Der Jubel über den Wahlsieg von Macron ist groß in Europa, vorallem auch in Deutschland. Hat man aber gestern die ersten Kommentare gehört, so konnte man zwischen den Zeilen sehr deutlich hören, dass dieser Wahlsieg in Frankreich für Deutschland sehr teuer werden wird. Die politischen Forderungen von Macron sind nicht zuletzt an Deutschland gerichtet. Er gibt Deutschland einen wesentlichen Teil der Schuld an der Situation in Frankreich und anderen Krisenstaaten in Europa. Dabei verschweigt er, wie andere auch, dass Deutschland fast ein Drittel der finanziellen Lasten in der EU schultert. Durch den Brexit dürften die Belastungen für Deutschland noch steigen. Diese Lasten können nur durch die wirtschaftliche Kraft Deutschlands übernommen werden. Macron klammt das, wie andere auch, gerne aus. Hinzu kommt, dass es abzuwarten bleibt, ob es Macron im Juni gelingen wird, eine parlamentarische Mehrheit für seine Vorhaben zu bekommen. Wenn man Außenminister Gabriel oder Frau Gesine Schwan in der Sendung "Anne Will" gehört hat, soll Deutschland noch mehr zahlen. Es stellt sich die Frage, ob die Bürger in Deutschland angesichts der vielen eigenen Probleme vor der Haustür dazu bereit sind. Kaputte Straßen und Brücken, kein Geld für Kita, Schulen und Universitäten, niedrige Einkommen und Renten, ein kränkelndes Gesundheitssystem usw. sollten zunächst die Hausaufgaben deutscher Politiker sein, bevor sie sich wieder aufmachen die Probleme in anderen Ländern lösen zu wollen.
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