Reaktionen in Kairo Obamas Toleranz-Rede löst geteiltes Echo aus

Versöhnung mit den Muslimen - das war Barack Obamas Versprechen in Kairo. Bei aller Begeisterung über die Rede des US-Präsidenten bleiben die Menschen in der ägyptischen Hauptstadt skeptisch, ob auf die Worte auch Taten folgen. Doch eine entscheidende Botschaft ist angekommen.

Von Juliane von Mittelstaedt, Kairo


Statistisch betrachtet mag jeder vierte Ägypter den neuen US-Präsidenten - aber jeder zweite lehnt ihn ab. Die Daten stammen von einer Gallup-Umfrage im März, damit hatte Barack Obama schon vor seiner Rede in Kairo an diesem Donnerstag deutlich mehr Freunde als sein Vorgänger George W. Bush: Den mochte nur jeder 17. Ägypter.

Obama rief die Muslime in aller Welt in seiner Ansprache zu einem Neuanfang im gegenseitigen Respekt auf: "Ich bin hierher gekommen, um mich für einen Neubeginn zwischen den Muslimen und den USA einzusetzen." Er wolle den "Kreislauf von Misstrauen und Zwietracht" durchbrechen. Die USA und der Islam schlössen sich nicht gegenseitig aus und müssten nicht im Wettbewerb zueinander stehen. Vielmehr hätten sie gemeinsame Grundsätze wie Gerechtigkeit, Toleranz und die Würde jedes einzelnen Menschen.

Was also denken die Menschen in Kairo über die Rede?

Im Stadtviertel Zamalek auf der Nilinsel hat die Caféhaus-Kette "Beano's" angekündigt, die Rede des Präsidenten zu zeigen , live auf CNN, wie in allen ihren 25 Filialen. "Beano's" ist eine Art ägyptisches "Starbucks", es gibt Caramel Macchiato und Brownies. Obama hätte wohl seine Freude daran, wie sehr die Kultur seines Landes hier angekommen ist. Ein Dutzend Ägypter sind da, auch ein paar Ausländer sitzen vor dem Fernseher.

Als die Rede beginnt, schaltet der Filialmanager Ashraf Ramadan auf Nile TV um. Der ägyptische, aber englischsprachige Sender hat die schönsten Obama-Bilder der letzten Stunden zu einer bunten Dauerschleife zusammengeschnitten: Obama vor der Airforce One, Obama in der Sultan-Hassan-Moschee, Obama beim Foto-Handshake mit seinem Gastgeber Husni Mubarak, Obama bei der Militärparade, alles untermalt mit der ägyptischen Nationalhymne und dem Slogan "A new beginning from the heart of the Middle East."

Ungefähr so fühlen sie sich auch im "Beano's". Ashraf Ramadan steht vor dem Fernseher und schaut auf Obama wie ein stolzer Vater auf seinen Sohn, als dieser vor die sechs amerikanischen und sechs ägyptischen Flaggen tritt. Es fehlen nur kleine amerikanische Wimpel im Café, dann würde man sich wie auf einer Wahlparty der US-Demokraten fühlen. Der Filialmanager nickt zufrieden, als der Präsident aus dem Koran zitiert - drei Koranzitate, dreimal wohlwollendes Nicken von Ramadan. "Das zeigt, dass er unsere Religion zu schätzen weiß."

Wenn er es sich aussuchen könnte, hätte er lieber Obama zum Präsidenten als Mubarak. Nur ein bisschen enttäuscht ist er, dass Obama nichts zu der Amtsführung seines Kollegen gesagt hat, zur fehlenden Demokratie und der Unterdrückung Oppositioneller in Ägypten. Aber er tröstet sich selbst: "Ich denke, darüber werden sie wohl eher hinter geschlossenen Türen reden."

Einer der Gäste ist Imad Helmy, der Chef einer Tourismusagentur. Er ist Christ, aber das spiele keine Rolle, meint er: "Diese Rede war an uns alle gerichtet, an die ganze Welt, an alle Menschen. Eine wirklich globale Rede." Er seufzt: "Ich hoffe nur, die Menschen haben gut zugehört und verstehen auch, was er gesagt hat." Neben ihm auf dem roten Sofa drückt sich der Innenarchitekt Ahmad Gaber in die Kissen. Er hat einen Berg zerknüllter Papiere vor sich und drei Mobiltelefone, das Café ist sein erweitertes Büro, aber in den 50 Minuten, die die Rede dauert, drückt er jeden Anruf weg.

"Eine exzellente Rede", sagt er danach, und er meint das nicht nur inhaltlich. "Obama hat Charisma, er spricht frei, direkt vor den Menschen, nicht nur in einem Fernsehstudio, ohne abzulesen, das kennen wir hier nicht." Das mache ihn vertrauenswürdig, findet Gaber. Außerdem sei Obama auf den Punkt gekommen, habe nicht rumgeschwafelt, die Probleme direkt angesprochen. Natürlich, nur Worte, noch keine Taten, aber es sei der Beginn eines Dialogs. Ein Symbol, aber er hat gar nicht mehr erwartet. "Wir brauchen Symbole", sagt er. "Bush hat die Menschen gespalten, Obama hat sie wieder zusammengebracht."

Ortswechsel: eine Teestube am Khan-El-Khalili-Basar im Osten Kairos. Die ägyptische Mittelklasse, die im "Beano's" Panini isst und Englisch spricht, mag Obama. Aber wie sieht es aus mit den einfachen Ägyptern? In der Teestube sitzen nur Männer, viele mit langen Bärten und Dschalabijas, den bodenlangen Gewändern. Es gibt Falafel und Foul (Bohnen). Von Panini hat hier vermutlich noch keiner etwas gehört. Gegenüber liegt die al-Azhar-Moschee und auch die gleichnamige Universität, eines der wichtigsten Zentren des Islam, das Gegenstück zur säkularen Kairoer Universität, in der Obama seine Rede hielt.

Die Teestube hat einen altersschwachen Fernseher, die Männer haben die Rede des US-Präsidenten auf Al-Dschasira gesehen. "Es war sehr wichtig für uns, dass er aus dem Heiligen Koran zitiert hat", sagt einer der Männer, der sich nur Hassan nennt. Er sagt, Obama erscheine sympathisch, obwohl er doch ein Amerikaner sei. Aber das Misstrauen bleibt, euphorisch ist hier keiner, die Stimmung ist gedämpft.

"Bisher sind das nur Worte, wir müssen jetzt erst mal abwarten, ob sich etwas ändert", sagt er. "Die Amerikaner sind immer noch im Irak und in Afghanistan, und hat Obama nicht auch versprochen, Guantanamo zu schließen? Und was ist bisher geschehen?" Ein anderer wirft ein: "Ich glaube nur, was ich sehe." 50 Minuten, das ist einfach nicht genug, um acht Jahre Feindseligkeiten wegzufegen, aber das hat ja Obama auch selbst gesagt.

Ärgerlich finden sie es, dass Gläubige wegen der Sicherheitsvorschriften angeblich nicht in der Sultan-Hassan-Moschee beten konnten. Und dass so viele Straßen gesperrt sind, Geschäfte geschlossen, Angestellte frei haben, sogar die Studenten und Schüler, Tausende von Soldaten in den Straßen postiert sind, dass Dutzende Studenten in Haft genommen wurden und manche Anwohner die Anweisung erhielten, ihr Haus nicht zu verlassen und besser auch nicht aus dem Fenster zu schauen. "Und das alles für einen Besuch, der acht Stunden dauert."

Tiefer im Markt, direkt neben der Sultan-Parkuk-Moschee, hat Obama dafür umso loyalere Anhänger. Der Händler Gamal Ahmed Shosha hat Obama zum "New Tutankhamon of the World" ausgerufen und das auch auf Kupferplaketten und T-Shirts geprägt. Das hat sich gelohnt: Er hat 100 Kupferplaketten und 350 T-Shirts in den letzten Wochen verkauft. Ständig bleiben Touristen vor dem Laden stehen, um die Plakette zu fotografieren, einer trägt dazu sogar ein T-Shirt mit Obama-Porträt. Ein Verrückter im Basar schreit: Obama, Obama! Und zeigt dabei auf sich. So viel Obama war nie in Kairo.

Geholfen hat der Besuch auch dem Stadtbild, denn über alle Stationen Obamas fielen in den letzten Tagen Tausende von Arbeitern wie Heuschrecken her: Der Zaun um die Sphinx herum wurde gestrichen, Bürgersteigkanten wurden geweißelt, Lampen repariert, verdörrte Grünflächen bewässert und Müll eingesammelt. Der Dom der Cairo University wurde poliert, und die Sultan-Hassan-Moschee bekam einen neuen Teppich. Das sei doch etwas Gutes, sagt der Basarhändler Shosha, und das finden auch die Teetrinker und Panini-Esser, trotz politischer und ideologischer Differenzen.

Nur die Rede, sagt der Basarhändler Shosha, hätten sie leider nicht gehört. Sie haben im Laden nämlich keinen Fernseher, und das Geschäft ist nun mal wichtiger als ein paar Worte. "Aber Obama ist ein guter Typ", sagt er, und alle in dem engen Laden nicken mit dem Kopf. Hamada, einer der jungen Verkäufer, sagt: "Ich würde Obama gerne eine unserer Kupferplaketten geben. Wo kann ich ihn treffen?" Da ist der US-Präsident schon wieder auf dem Weg zum Flughafen - er fliegt jetzt nach Dresden, Buchenwald, Paris, in die Normandie. Hamada hat von diesen Orten nie gehört, aber egal, sagt er: "Hauptsache, die Menschen da sind so nett zu ihm wie wir."

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