Paris - Es war ein hitziges Duell vor einem gigantischen Publikum. 17,8 Millionen Franzosen sahen die TV-Diskussion zwischen den Präsidentschafts-Kandidaten Nicolas Sarkozy und François Hollande. Auch im Ausland fand das Streitgespräch großes Interesse. Einen klaren Sieger konnten jedoch weder die französischen, noch die internationalen Zeitungen ermitteln.
Die britische "Times" attestiert ein Unentschieden: "Es gab keinen klaren Sieger in dem Duell. Sarkozy spielte den Staatsmann und machte sich lustig über Hollandes mangelnde Erfahrung. Der Konkurrent glänzte dafür mit Schlagfertigkeit und großartigem Detailwissen. Aber es ist klar, dass es Sarkozy nicht gelungen ist, den Herausforderer entscheidend zu schlagen. Dabei hatte er ihm im Wahlkampf immer wieder die Fähigkeit abgesprochen, ein Land zu führen."
Die Zeitung "La Presse de la Manche" aus Cherbourg am Ärmelkanal schreibt zu dem Fernseh-Duell: "Die beiden Kandidaten sind sich treu geblieben, sie haben verbissen gekämpft, jeder argumentierte auf seine Art, keiner ließ seinem Gegner etwas durchgehen. (...) Diese Konfrontation war also eine Art Gipfeltreffen zwischen den beiden einzigen Bewerbern, die noch im Rennen für das höchste Amt im Staate sind. Sie hat den Zuschauern, vor allem aber den Regierungen in Europa und anderswo, die Gelegenheit gegeben, den Kurs besser zu verstehen, den unser Land am Abend des zweiten Wahlgangs (am Sonntag) einschlagen wird."
Das französische Regionalblatt "Le Journal de la Haute Marne": "Der Kampf war hart. Es stand viel auf dem Spiel. Für (den Sozialisten) François Hollande ging es darum, seinen Vorsprung in den Umfragen zu halten. (Amtsinhaber) Nicolas Sarkozy hingegen musste vor allem ein Handicap überwinden, das sich in den Umfragen widerspiegelt. Wer hat gewonnen? Wer hat verloren? Eine rituelle Frage. Die Antwort darauf hängt von den Überzeugungen eines jeden von uns ab. Immerhin können wir objektiv feststellen, dass keiner der beiden Kandidaten eingeknickt ist. Jeder ist bei seiner ideologischen Position geblieben."
Die italienische Tageszeitung "La Stampa" findet, Hollande habe im TV-Duell um die Präsidentschaft in Frankreich den Angriff des Amtsinhabers Nicolas Sarkozy abgewehrt: "Es ist das übliche Ergebnis bei einem solchen mit zu großen Erwartungen verfolgten Finale: unentschieden. Und dennoch war diese TV-Diskussion zwischen Hollande und Sarkozy keine farblose Sache. Der Präsident greift an und gestikuliert, der Herausforderer stellt eine unerwartete Entschlossenheit zur Schau. Es fehlte nur am Ende ein K.o.-Schlag. Und dieses Unterschieden passt Hollande alles in allem gut. Für Sarkozy, der je nach Umfrage acht bis zehn Prozentpunkte zurückliegt, ist das nicht in Ordnung. (...). Inhalte? Die üblichen. Keiner zog eine neue Idee aus der Tasche, auch weil vier Tage vor der Wahl die Ideen jetzt ausgegangen sind. Hollande setzt Sarkozy mit dessen Bilanz zu, und dieser kontert von rechts, er habe nicht nur Verdienste, sei allerdings auch nicht der einzige Schuldige."
Die konservative Tageszeitung "Die Presse" aus Wien sieht Hollande im Vorteil: "Die Wahl am Sonntag ist ein Referendum über Sarkozy. Und das ist dessen größtes Handicap. Denn es spricht vieles gegen ihn, aber nur wenig für seinen Herausforderer. Hollande hat kaum etwas anzubieten außer eine verkorkste Karriere voller Niederlagen und einen eklatanten Mangel an Regierungserfahrung. Sein größtes Verdienst ist es, nicht Sarkozy zu sein. Mit eigenständigen Ideen oder gar einer Vision für Frankreich ist er bisher nicht aufgefallen. (...) Sarkozys Narzissmus, seine Bling-Bling-Attitüden und seine hohle Prinzipienlosigkeit sind schwer auszuhalten. Die ausländerfeindliche Pose, mit der er im Wahlkampf-Finish im rechtsextremen Lager der Frustrierten punkten wollte, war einfach nur widerlich. Und doch wäre der Gaullist die bessere Wahl für Frankreich. Denn er verdrängt, anders als sein Konkurrent, zumindest die wirtschaftliche Realität seines Landes nicht."
Die "Neue Zürcher Zeitung" aus der Schweiz konnte leichte Vorteile für den Amtsinhaber entdecken: "Die Fernsehdebatte am Mittwochabend hat hohe Erwartungen erfüllt. Während nahezu dreier Stunden kreuzten der Staatspräsident und der Herausforderer der sozialistischen Partei, François Hollande, im Fernsehstudio die Klingen. Ausrutscher und klare Fehler blieben aus. Aber Sarkozy wirkte kompetenter, erfahrener und verteidigte seine Amtszeit brillant. Man sah einen anfänglich sehr gefasst und selbstsicher wirkenden Hollande, der sich - falls am Sonntag gewählt - als Präsident der Gerechtigkeit und des Aufschwungs positionierte. In Umfragen vor der Debatte lag der sozialistische Herausforderer mit 53 bis 54 Prozent der Stimmen klar vorne. Weiter zugelegt hat Hollande aber mit Sicherheit nicht. Ob Sarkozy den Rückstand stark abbauen konnte, wird sich am Sonntag zeigen."
Die bulgarische Zeitung "Kapital Daily" schreibt über Sarkozys Versuch, Wähler am rechten Rand zu werben: "Nicolas Sarkozy unterschätzt die Wähler der Nationalistin Marine Le Pen nicht, aber in den Tagen vor der Stichwahl konnte er nicht einmal sie gewinnen. Er weiß, dass er ohne deren Stimmen mit Sicherheit verlieren wird, doch außer die Immigranten anzugreifen und zu versuchen, auf der Saite der französischen Identität zu spielen, tat Sarkozy nichts Innovatives, um seine Chancen zu vergrößern, im Élysée-Palast zu bleiben. (...) Seine letzte Chance, den Sozialisten (François Hollande) wenigstens aufzuholen, war die einzige TV-Debatte. (...) Dieses direkte Duell galt als Sarkozys letzte Möglichkeit, die als unumgänglich erscheinende Niederlage zu vermeiden."
jok/dpa/dapd
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