Milizen-Bündnisse gegen Assad Syrische Rebellen schmieden Kampfallianzen

Syrische Rebellengruppen verbünden sich zunehmend, um Geld und Waffen aus dem Ausland zu sichern. Besonders großen Zulauf haben islamistische Allianzen. Doch ausgerechnet bei der Qaida-nahen Nusra-Front droht Ärger.

AP

Von Ulrike Putz, Beirut


Erst waren es Proteste, dann ein Aufstand, nun ein Krieg: Der Konflikt in Syrien hat sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren grundlegend gewandelt. Zunächst hatten es die Regimetruppen lange mit kleinen, autonom agierenden Freischärlertrupps zu tun, inzwischen stehen sie mehreren Rebellenarmeen gegenüber.

Immer mehr vormals autarke Einheiten sind bereit, ihre Selbstbestimmung aufzugeben und sich einem zentralen Kommando unterzuordnen. Der Grund: Seitdem Unterstützer zunehmend Geld und Waffen nach Syrien schicken, gibt es für versprengte Rebellentrupps einen Anreiz, sich in größeren Strukturen zu organisieren.

"Bewaffnete Gruppen, die weiter mitmischen und relevant sein wollen, müssen Kontakte zu einer größeren Rebellenfraktion aufbauen. Nur über die bekommen sie Zugang zu einem Gönner, nur so kommen sie an Geld", sagt Aron Lund, ein führender Experte für syrische Rebellengruppierungen. Seit Ende des vergangenen Jahres sei deshalb zu beobachten, dass sich kleine Rebellentrupps zusammentäten. Bislang hätten sich etwa 10 bis 15 lose Koalitionen formiert, so Lund, der unter anderem für das Schwedische Institut für Internationale Angelegenheiten schreibt.

Die Vereinheitlichung der Rebellentrupps ermöglichte es Beobachtern in den vergangenen Monaten, sich ein genaueres Bild von den Kämpfen in Syrien zu machen. Zwar sind die Allianzen der Rebellentrupps dauernd im Fluss, doch lassen sich Strukturen erkennen.

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  • In der Freien Syrischen Armee (FSA) haben säkulare und nationalistische, aber auch islamisch geprägte Einheiten eine Heimat gefunden. Die FSA besteht nach eigenen Angaben aus etwa 80.000 Mann und wäre damit der größte Truppenverbund der Rebellen. Kommandeur ist General Salim Idris, der jedoch weniger auf dem Schlachtfeld als am Konferenztisch aktiv ist und dort unermüdlich um Unterstützung aus dem Ausland bittet. Die FSA erhält den Löwenanteil der Geldspenden und Waffenlieferungen, die aus dem westlichen wie arabischen Ausland nach Syrien gelangen. Dies ist auch der Grund, warum die FSA so großen Zulauf hat. Inzwischen haben sich die in Homs entstandenen Faruk-Bataillone ebenso der FSA angeschlossen wie die den Muslimbrüdern nahe stehende Tauhid-Brigade.

  • Den größten Teil der FSA machen heute jedoch islamistische Gruppen aus. Diese radikalen Gruppen innerhalb der FSA sind in der Unterabteilung Syrische Islamische Befreiungsfront (SILF) zusammengefasst. Die Trupps haben sich schillernde Namen gegeben: Da sind die Islamischen Brigaden aus Damaskus, die Brigaden der Märtyrer Syriens und die Falken der Levante aus der Region Idlib. Ihre Offiziere behaupten, etwa 25.000 Mann unter Waffen zu haben. Die SILF folgt einer Ideologie, die Lund so beschreibt: "Weniger Assad, mehr Islam." Die gemäßigt religiöse Färbung der Truppe sei eine logische Folge der Genese des Aufstands gegen Assad. "Viele dieser Einheiten sind aus Grüppchen entstanden, mit denen sich die konservative Landbevölkerung selbst verteidigt hat", so Lund. Viele SILF-Brigaden sollen Gelder aus Saudi-Arabien beziehen.

  • Wichtigste Dachorganisation der Hardliner unter den Kampftruppen ist die Syrische Islamische Front (SIF), die sich im Dezember 2012 gegründet hat. Ihr gehört unter anderem der angeblich 10.000 Mann starke, in Aleppo, Idlib und Hama operierende Verband Harakat Ahrar al-Scham al-Islamija ("Islamische Bewegung der freien Männer Syriens") an. Insgesamt sollen 25.000 Mann in der SIF organisiert sein. Sie betrachtet den Kampf gegen Assad als "Heiligen Krieg" und somit als religiöse Pflicht. Radikale Prediger in den Golfstaaten sammeln Geld für die SIF, die für einen islamischen Staat mit der Scharia als Rechtsgrundlage kämpft. Mit der Qaida-nahen Nusra-Front arbeitet sie nur begrenzt zusammen, es gibt ideologische Streitigkeiten. Die SIF lehnt jede ausländische Einmischung in den Bürgerkrieg ab. "Diese Gruppen haben großen Zulauf, weil in den von Rebellen kontrollierten Gebieten zunächst Chaos herrschte. Islamistische Gruppen, die dann die Scharia einführen, bringen zumindest Recht und Ordnung zurück", sagt Lund.

  • Die Dschabhat al-Nusra, die "Unterstützungsfront für das syrische Volk", versteht sich als syrischer Ableger von al-Qaida. Die radikalste aller Rebellengruppen soll laut Schätzungen westlicher Geheimdienste etwa 5000 Kämpfer haben. Sie ist die militärisch erfolgreichste Rebellengruppe, die im ganzen Land aktiv ist. Im Dezember 2012 wurde die Nusra-Front von den USA als Terrororganisation eingestuft. Die Nusra-Front kooperiert gelegentlich mit anderen Einheiten, geht aber keine langfristigen Bündnisse ein. Den großen Erfolg der Nusra-Front erklärt Lund mit deren medienwirksamen Operationen: "Wenn andere Gruppen einen Checkpoint auf dem Land angreifen, hört niemand davon. Aber wenn die Nusra-Front Selbstmordattentate mitten in Damaskus verübt, folgt sie damit einer medienfreundlichen Choreografie."

Bedrohlich könnte die jüngste Spaltung der Nusra-Front werden: Im April sagte sich deren syrische Sektion nach einem Streit von ihrer ursprünglich irakischen Mutterorganisation los. Nun operieren beide Qaida-nahe Gruppen in Syrien, ihre Führer streiten darum, wer den echten Dschihad führt. "Es besteht die Gefahr, dass diese Gruppen sich gegeneinander wenden", sagt Lund. "Oder sie könnten versuchen, sich gegenseitig mit spektakulären Aktionen zu übertrumpfen."

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bronck 27.06.2013
1. Warlords
Dann ist ja abzusehen welche Warlords sich nach dem Sturz der Regeirung um die Macht streiten werden. Und der Bürgerkrieg mit seinem Morden wird weitergehen. Somalia/Irak etc. 2.0
thinkrice 27.06.2013
2.
Wir können schon mal anfangen ein paar Evakuierungsschiffe Richtung Syrien zu schicken um die Christen, Alawiten und Drusen in Sicherheit zu bringen sollte der Aufstand erfolgreich sein. Es ist ein Armutzeugnis für die westliche Welt, wie sie die Ursprungsländer des Christentums in die Hände von radikalen Islamisten fallen lässt und diese bei dem angestrebten Massaker auch noch tatkräftig unterstützen. Nachdem bereits der Irak nahezu vollständig, Ausnahme ist das Kurdengebiet, von Christen entvölkert wurde, wird nun das nächste Land von Christen und Andersdenkenden gesäubert. Wir können uns darauf einstellen, dass nach dem Krieg in Syrien keinesfalls Schluss sein wird, sondern der Funken auf den Libanon überspringt. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens den Nationalstaat Syrien gibt es erst in der Form nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Syrien oder Bilad al-Sham war bis Ende des Ersten Weltkrieges lediglich ein Begriff für ein Gebiet vom Taurus-Gebirge bis zum Sinai und auch heute noch betrachten viele Syrer den Libanon und die türkische Provinz Hatay zu Syrien zugehörig. Zweitens haben die Islamisten die Vision eines zusammenhängenden Kalifats, welches alle jemals durch Muslime eroberte Gebiete beinhaltet. Darunter fallen auch Südspanien und etliche andere europäische Gebiete. Wie können wir es zulassen, dass Ethnien und Religionen die Jahrhunderte in dieser Region lebten nun aus ihrem Zuhause vertrieben werden. Sind wir derartig naiv, dass wir nicht erkennen welches Ende dieser Bürgerkrieg für große Teile der Bevölkerung nehmen wird? Ist uns Machtpolitik und Geostrategie wichtiger als das Schicksal der verfolgten Minderheiten? Opfern wir Millionen Christen um den Iran zu schwächen? Werden die mehr als 2 Millionen irakischen Flüchtlinge nun erneut vertrieben?
kl1678 27.06.2013
3.
---Zitat von spon--- "Oder sie könnten versuchen, sich gegenseitig mit spektakulären Aktionen zu übertrumpfen." ---Zitatende--- im Grunde kann man ja nur auf Knien die Götter anflehen, dass Assad die Kontrolle über die Sarin-Depots behält, dass sich die "Freunde Syriens" letztlich doch nicht durchsetzen.
harmlos01 27.06.2013
4. Es ist ja eigentlich schon niedlich...
wenn es nicht so traurig wäre. Die kämpfen da unten seit über zwei Jahren und kommen nun langsam darauf, dass eine einheitliche Komandostruktur eine feine Sache wäre. Den Jungs helfen keine Waffen und kein Geld! Die brauchen erst einmal Verstand!
lebenslang 27.06.2013
5. pleite
Zitat von sysopAPSyrische Rebellengruppen verbünden sich zunehmend, um Geld und Waffen aus dem Ausland zu sichern. Besonders großen Zulauf haben islamistische Allianzen. Doch ausgerechnet bei der Qaida-nahen Nusra-Front droht Ärger. http://www.spiegel.de/politik/ausland/rebellen-in-syrien-bilden-allianzen-und-koalitionen-a-907799.html
135000 mann also, zumindest wird jetzt klar warum die USA pleite sind, 135000 mann ausländische CIA-söldner verfuttern viel, das kostet geld.
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