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Rebellen in Tripolis: Gaddafis Regime bricht zusammen

Libyen steht nach langem Bürgerkrieg vor einem historischen Moment: Die Rebellen haben weite Teile der Hauptstadt unter Kontrolle gebracht. Trotz einzelner Gefechte - die Macht des Regimes zerbröselt. Drei Söhne Gaddafis sind in den Händen der Aufständischen.

REUTERS

Tripolis - 42 Jahre währte die brutale Herrschaft von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi, jetzt steht das nordafrikanische Land vor einer historischen Zäsur: Die Rebellen brachten in der Nacht zum Montag weite Teile der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle. Gaddafis Leibgarde hat sich offenbar ergeben.

In Tripolis bejubelten Tausende den Sieg der Aufständischen. In der Rebellenhochburg Bengasi und anderen Städten wurden Feuerwerkskörper gezündet und Freudenschüsse abgefeuert. "Wir gratulieren dem libyschen Volk zum Sturz von Muammar al-Gaddafi und rufen das libysche Volk auf, auf die Straßen zu gehen und das öffentliche Eigentum zu beschützen. Lang lebe das freie Libyen", heißt es in einer am Morgen verbreiteten Erklärung des Übergangsrats, berichtete die "New York Times" auf ihrer Website.

Am frühen Montagmorgen war Tripolis offenbar zu weiten Teilen in der Hand der Regimegegner. Viele Soldaten des Regimes seien gefangen genommen worden, hieß es. Ein Sprecher der Rebellen sagte dem Fernsehsender al-Dschasira, ein Teil von Gaddafis Truppen kämpfe noch und kontrolliere 15 bis 20 Prozent des Stadtgebiets.

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Libyen: Die Rebellen triumphieren
Am Montagmorgen wurden heftige Gefechte aus der Nähe des Gaddafi-Anwesens gemeldet. Augenzeugen berichteten, Panzer seien von dem Gelände gefahren und hätten die Umgebung beschossen.

In der Nacht hatten Fernsehsender Hunderte Menschen gezeigt, die auf dem Grünen Platz nahe dem Anwesen Gaddafis feierten und Freundenschüsse abgaben. Andere schossen auf Riesenposter mit dem Konterfei von Gaddafi. Laut al-Dschasira kündigte die Rebellen an, den Platz wieder in "Platz der Märtyrer" umzubenennen.

Die Rebellen feiern und tanzen

Al-Dschasira zeigte Bilder, wie jubelnde Menschen die Aufständischen auf den Straßen von Tripolis begrüßten und tanzten. Viele skandierten "Allah ist mächtig" oder "Tripolis wird frei sein". Auch aus anderen Städten des Landes wurden Freudenfeiern gemeldet. In der Rebellenhochburg Bengasi versammelte sich eine riesige Menschenmenge zu einem Freudenfest.

Angesichts des offenbar bevorstehenden Endes des libyschen Regimes rief ein führender Vertreter des Nationalen Übergangsrats zur Zurückhaltung auf. Am Tag des Sieges appelliere er an das "Gewissen und Verantwortungsbewusstsein" aller Kämpfer gegen Machthaber Gaddafi, sagte Mahmud Dschibril in einer in der Nacht zum Montag vom Fernsehsender der Rebellen, Libya el Ahrar, übertragenen Ansprache: "Rächt euch nicht, plündert nicht, greift keine Ausländer an und achtet die Gefangenen". Niemand dürfte Gefangene töten, auch dann nicht, wenn es sich um Vertraute Gaddafis, seine Kinder oder seine Familie handelt.

Die Übergangszeit biete eine gute Möglichkeit, "alle die Rechte vorzuleben, für die wir gekämpft haben", sagte Dschibril weiter, der als Regierungschef der Rebellen fungiert. "Ich bitte alle meine libyschen Brüder zu beweisen, dass wir in diesem kritischen Moment verantwortungsvoll handeln. Alle Welt beobachtet uns: Entweder wir schaffen die Demokratie oder wir entscheiden uns für die Rache".

Zwei Gaddafi-Söhne wurden festgenommen, ein dritter unter Hausarrest gestellt. Im Westen von Tripolis wurde der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Gaddafi-Sohn Saif al-Islam zusammen mit seinem Bruder Al-Saadi festgesetzt berichtete ein Sprecher der Aufständischen, Abu Bakr Tarbulsi. Der älteste Sohn, Mohammed al-Gaddafi, wurde in seinem Anwesen unter Hausarrest gestellt. Die Aufständischen würden für seine Sicherheit garantieren, sagte der Gaddafi-Sohn in der Nacht zum Montag in einem Telefoninterview des Fernsehsenders al-Dschasira.

Strafgerichtshof drängt auf schnelle Auslieferung von Gaddafi-Sohn

Gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al-Islam und seinen Schwager, den Geheimdienstchef Abdullah Sanussi, liegen internationale Haftbefehle vor. Ihnen werden schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH) rief den libyschen Übergangsrat in Bengasi deshalb auf, Saif al-Islam nach Den Haag zu überstellen. Schon an diesem Montag wolle man darüber verhandeln, wie die Auslieferung ablaufen könnte, sagte der Staatsanwalt Luis Moreno-Ocampo dem US-Sender CNN. Der nationale Übergangsrat setzt aber offenbar darauf, die Verantwortlichen in Libyen vor Gericht zu stellen. Dazu habe Libyen das volle Recht, betonte der frühere Botschafter des Landes in den USA, Ali Aujali, der inzwischen für den Übergangsrat spricht, im Sender al-Dschasira.

Gaddafi selbst hatte sich am späten Sonntagabend zum dritten Mal an diesem Tag an seine Anhänger gerichtet. In einer Audiobotschaft beschwor er im Staatsfernsehen seine Gefolgsleute: "Ihr müsst auf die Straße gehen, um die Ratten und Verräter zu bekämpfen. Alle Stämme müssen nach Tripolis marschieren, um es zu beschützen. Wenn nicht, werdet Ihr Sklaven der Kolonialisten werden." Plötzlich stoppte seine Stimme. Für die Unterbrechung der Nachricht gab es keine Erklärung.

Zuvor hatte Gaddafis Sprecher Moussa Ibrahim mitteilen lassen, die Regierung sei zu sofortigen Verhandlungen bereit, um den Angriff auf Tripolis zu beenden. Die Rebellen hätten es keinen Meter voran geschafft ohne die Hilfe der Nato, sagte Ibrahim. Er forderte das Militärbündnis auf, die Aufständischen vom weiteren Einmarsch abzubringen. Die Rebellen lehnten das Verhandlungsangebot jedoch ab. Sie bleiben bei ihrer zentralen Forderung: Gaddafi müsse das Land verlassen.

hen/fab/dpa/AFP/Reuters

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1. Glückwunsch
pzumk 22.08.2011
Congratulations Libya! Now do something with it! Herzlichen Glückwunsch, Libyen! Jetzt macht auch was daraus!
2. ...
Politikum 22.08.2011
Na, da ist man doch mal gespannt, wie sich das Volk nun lieb haben wird, wo der pöhse Diktator weg ist. Friede wird herrschen, Reichtum für alle, und Standesunterschiede werden abgeschafft. Soweit die Theorie. Vielleicht wird es aber auch nur wieder das Übliche: nach dem Diktator ist vor dem Diktator, wie man es aus allen anderen Ländern kennt, die mit Militärunterstützung "befreit" wurden.
3. da hat er wohl recht
janne2109 22.08.2011
---Die Rebellen hätten es keinen Meter voran geschafft ohne die Hilfe der Nato, sagte Ibrahim--- bringt das jetzt eine Demokratie wie wir sie kennen und vor allem wünschen um weiterhin an Libyens Öl zu kommen? Oder geht der Zank innerhalb der Stämme jetzt erst richtig los?
4. ...
JensDD 22.08.2011
na dann wird ja jetzt alles gut...
5. Nicht gemein machen
max.flügelschmied 22.08.2011
Zitat von sysopLibyen steht nach monatelangem Bürgerkrieg vor einem historischen Augenblick: Die Rebellen haben weite Teile der Hauptstadt unter ihre Kontrolle gebracht - die Macht des Regimes von Gaddafi zerbröselt. Drei seiner Söhne sind in den Händen der Aufständischen, der Diktator ist verschwunden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781518,00.html
Ich hoffe das uns Bilder wie bei der Tötung von Sadam erspart bleiben. Gadaffi mag ein schlimmer Finger sein man muss sich aber mit solchen Leuten gemein machen in dem man ihre Methoden kopiert.
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Krieg in Libyen: Aufständische sehnen Gaddafis Ende herbei

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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Libyen: Städte, Ethnien, Ölleitungen

Was Staaten zum Militäreinsatz in Libyen beitragen
Frankreich
Frankreich verfügt über rund hundert Kampfflugzeuge, vorwiegend vom Typ "Rafale" und "Mirage 2000", sowie Awacs-Flugzeuge zur Luftraumüberwachung. Zunächst kamen 33 Kampfflugzeuge zum Einsatz. Paris schickte zudem den Flugzeugträger "Charles de Gaulle" vom südfranzösischen Hafen Toulon aus in Richtung Libyen. Die Stützpunkte Solenzara auf Korsika und N'Djamena im Tschad können als Basis benutzt werden.
Großbritannien
Großbritannien hat Kampfflugzeuge vom Typ "Tornado" und "Eurofighter" in die Nähe von Libyen, auf den italienischen Stützpunkt Gioia del Colle, verlegt. Dort sind auch Awacs-Maschinen stationiert. Insgesamt sind derzeit 17 Maschinen im Einsatz. Zudem befinden sich die Fregatten "Westminster" und "Cumberland" im Mittelmeer.
USA
Die Vereinigten Staaten haben auf dem Stützpunkt Sigonella auf Sizilien F-15- und F-16 Kampfflugzeuge stationiert. Bisher waren 90 Maschinen an den Einsätzen beteiligt. Der Helikopterträger "Bataan" und zwei weitere Kriegsschiffe sollen am Mittwoch von den USA ins Mittelmeer aufbrechen, wo sie die Helikopterträger "Kearsarge" und "Ponce" ablösen sollen. Zudem befinden sich derzeit die Zerstörer "Barry" und "Stout" im westlichen Mittelmeer. Beide haben Marschflugkörper vom Typ "Tomahawk" an Bord, die am Wochenende eingesetzt werden und auch von U-Booten abgefeuert wurden.
VAE und Katar
Die Vereinigten Emirate (VAE) und Katar beteiligen sich ebenfalls an dem Einsatz. Die VAE entsenden zwölf Kampfflugzeuge zur Durchsetzung des Flugverbots über Libyen. Die jeweils sechs Flugzeuge der Typen F-16 und Mirage sollen sich an Patrouillenflügen zur Überwachung des von den Vereinten Nationen verhängten Flugverbots beteiligen. Katar nimmt mit vier Flugzeugen an dem Militäreinsatz teil.
Italien
Italien hat die Nutzung von sieben Luftwaffenstützpunkten angeboten. Die Luftwaffe hat mit 16 Maschinen in die Libyen-Mission eingegriffen, ein Kriegsschiff kam ebenfalls zum Einsatz.
Spanien
Spanien stellt vier F-18-Kampfjets, ein Flugzeug für die Luftbetankung, ein Marineüberwachungsflugzeug, eine Fregatte und ein U-Boot ab.
Kanada
Kanada hat die Beteiligung von sieben CF-18-Jagdbombern und vier weiteren Maschinen zugesagt, die in Italien stationiert werden. Zudem befindet sich die Fregatte "Charlottetown" in der Region.
Dänemark
Dänemark entsendet vier F-16-Jagdflugzeuge, zwei Reservekampfjets, ein Transportflugzeug auf einen Stützpunkt auf Sizilien.
Norwegen
Norwegen hat sechs F-16-Maschinen zur Durchsetzung der Flugverbotszone über Libyen bereitgestellt.
Belgien
Belgien hat die Beteiligung seiner sechs bei der Nato eingesetzten F-16-Jagdflugzeuge sowie den Einsatz eines Minenjagdboots angeboten.
Niederlande
Die Niederlande beteiligen sich mit sieben Kampfflugzeugen und einem Schiff an der Militäraktion.
Griechenland
Griechenland stellt Stützpunkte, zwei Flugzeuge und ein Kriegsschiff zur Verfügung.
Rumänien und Bulgarien
Aus Rumänien und Bulgarien wurde je ein Kriegsschiff in die Krisenregion verlegt.
Türkei
Die Regierung in Ankara trägt mit sieben Flugzeugen zu der Mission bei, darunter sechs F-16-Jets. Außerdem sind vier türkische Fregatten, ein U-Boot und ein Versorgungsschiff im Einsatz.

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