Rebellenchefs Dschibril und Dschalil: Libyens neue Doppelspitze kämpft gegen das Chaos

Aus Tunis berichtet

Sie sind die Gesichter des neuen Libyens: Mustafa Abd al-Dschalil und Mahmud Dschibril bilden die Doppelspitze, die das Land in die Post-Gaddafi-Ära führen soll. Daheim genießen sie Respekt, das westliche Ausland hofiert sie - schließlich verteilen die beiden bald milliardenschwere Öllizenzen.

Libyen: Die Rebellen-Offensive Fotos
AP

Sie sind schon alte Bekannte: Zum vierten Mal war Mahmud Dschibril am Mittwoch im Elysée-Palast, traf Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Dschibril ist die Nummer zwei des libyschen Übergangsrates, doch die Tagesordnung las sich diesmal anders als bei seinen vorherigen Visiten: Ging es bislang darum, wie der Diktatur Muammar al-Gaddafis ein Ende bereitet werden kann, waren der Abgeordnete der libyschen Rebellen und der französische Staatschef nun einen Schritt weiter.

Da der Sturz Gaddafis nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint, konnte endlich der Neuanfang Libyens geplant werden. Dabei standen zwei Fragen im Mittelpunkt:

  • Wie soll die internationale Gemeinschaft dem Land nach vier Jahrzehnten Krypto-Sozialismus auf die Beine helfen?
  • Und welche Privilegien erhalten die westlichen Partner im Gegenzug bei der Ausbeutung der reichen libyschen Rohstoffschätze?

Frankreich rechnet sich dabei große Chancen aus: Sarkozy setzt darauf, dass die Libyer ihm sein Engagement für den Nato-Einsatz in dem nordafrikanischen Land vergelten werden. Die Luftangriffe auf Gaddafis Armee hatten im März vor allem auf Drängen der Regierungen in Paris und London begonnen. Und auch für einen anderen Alleingang möchte Sarkozy nun entlohnt werden: Nach Dschibrils erstem Besuch in Paris im März hatte er die libysche Rebellenregierung anerkannt - lange vor anderen westlichen Staaten. Politisch hat der erfolgreiche Nato-Einsatz Sarkozy bereits recht gegeben, nun wären fette Verträge in Libyen ein weiterer Erfolg für den Präsidenten, der sich kommendes Jahr zur Wiederwahl stellen muss.

Staatschefs umgarnen die Rebellen

Das neue Libyen hat viel zu bieten, seine Repräsentanten werden in westlichen Hauptstädten umgarnt. Es sind vor allem zwei Männer, die dabei hofiert werden: der Paris-Reisende Dschibril und Mustafa Abd al-Dschalil. Dass Dschibril dabei prominenter im internationalen Rampenlicht steht, obwohl Dschalil wohl der eigentliche Entscheidungsträger ist, hat einen einfachen Grund: Dschibril hat an der Universität Pittsburgh studiert und gelehrt, drei Jahrzehnte in den USA gelebt und spricht exzellent Englisch. Er bewegt sich unter Westlern wie unter seinesgleichen und kommt bei Ausländern gut an. In von "Wikileaks" veröffentlichten Depeschen der US-Botschaft in Tripolis wird er als "ernsthafter Gesprächspartner" genannt.

Dschalil hingegen spricht keine Fremdsprache. Er studierte Arabisch und Islamwissenschaften, soll bei arabischen Gesprächspartnern Eindruck machen, aber zu Ausländern keinen Draht haben.

Dschalil und Dschibril: In Libyen werden sie seit Beginn der Revolution in einem Atemzug genannt. "Sie gelten als sich gut ergänzende Doppelspitze" sagt Mohammed Ghazawi, Moderator beim Rebellen-TV "Freies Libyen". Dschalil bringe Erfahrung als Jurist mit, Dschibril sei als gewiefter Geschäftsmann bekannt, so der Journalist. Zwar hätten beide Männer in der Vergangenheit für das Regime Gaddafis gearbeitet, "aber wer hat das nicht. Jeder, der im alten Libyen eine Karriere gemacht hat, tat dies nur von Gaddafis Gnaden". Die Bevölkerung halte Dschalil und Dschibril zu Gute, dass sie sich recht früh vom System gelöst hätten, so Ghazawi in Tunis.

Früher waren die Rebellen Gaddafi-Vertraute

Dschalil wurde 1952 in der ostlibyschen Stadt Baida geboren, wie auch sein Kollege Dschibril gehört er den Harabi-Stämmen an. Nach seinem Arabischstudium arbeitete er als Anwalt im Büro des Staatsanwalts von Baida und wurde 2007 von Gaddafi zum Justizminister ernannt. Zwar machte er als Minister einerseits systemkonforme Politik, wagte es aber andererseits, Kritik an Gaddafi zu üben. Dies brachte ihm den Respekt in der Bevölkerung ein, auf den er heute bauen kann.

Im Januar 2010 ging er sogar so weit, aus Protest gegen die Inhaftierung politischer Gegner live im nationalen Fernsehen seinen Rücktritt bekanntzugeben. Doch Gaddafi ließ ihn nicht gehen. Dschalil war dann der erste prominente Politiker der alten Regierung, der sich am 21. Februar der Revolte in Bengasi anschloss. Heute ist er Präsident des Übergangsrats.

Dschibrils Ansehen hingegen beruht in Libyen erst einmal darauf, dass er zurückgekommen ist. Anstatt weiter in den USA ein bequemes Leben zu führen, Management-Bücher zu schreiben und als Finanzberater arabischer Königshäuser viel Geld zu verdienen, ließ er sich 2007 vom damals noch reformorientierten Gaddafi-Sohn Saif al-Islam überzeugen, heimzukehren und Chef des "Nationalen Rats für wirtschaftliche Entwicklung" zu werden.

Obwohl Dschibril bald erkannte, dass in Gaddafis Libyen kein Platz für Neuerungen war, versuchte er, ausländische Investoren ins Land zu bringen und die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Nachdem er sich im März dieses Jahres vom Regime lossagte, machten ihn die Rebellen zu ihrem Außenminister, Dschibril ist seitdem Weltreisender in Sachen Revolution. Der spät zur Politik Berufene scheint schnell zu lernen: Er war es, der Sarkozy davon überzeugte, den Rebellenrat frühzeitig anzuerkennen.

Welche Aufgaben die Doppelspitze erwartet

Die Doppelspitze Dschalil-Dschibril wird sich nach dem bevorstehenden Sturz Gaddafis gewaltigen Aufgaben stellen müssen. Das libysche Wirtschaftsleben muss wieder angekurbelt, die kriegsgeschädigte Infrastruktur instand gesetzt werden. Polizei und Armee müssen reformiert, Beamtengehälter bezahlt, Schulen neu eröffnet werden. Doch bevor sich die Führer der Rebellen daran machen können, ein von 42 Jahren Willkürherrschaft zerschundenes Staatswesen zu sanieren, müssen sie verhindern, dass der Neubeginn von Racheakten und Chaos überschattet wird. Dschalil hat in den vergangenen Tagen mehrfach mit seinem Rücktritt gedroht, sollten die Turnschuhkrieger der Rebellentruppe sich nicht an die auch im Krieg geltenden Gesetze halten.

Seine Aufrufe zu Disziplin sind Teil einer Kampagne, mit der die Rebellen versuchen, dem in Tripolis herrschenden Chaos Herr zu werden. Sie wollten ein zweites Bagdad vermeiden, sagte Rebellensprecher Mahmud Schamman ausländischen Reportern in Bengasi. In der irakischen Hauptstadt war es nach dem Fall Saddam Husseins zu Plünderungen und Racheakten gekommen. Um dies zu verhindern, versuchen die Rebellen, eine speziell ausgebildete Einheit nach Tripolis zu schicken. Dort sollen die Männer das Nationalmuseum und andere Kulturgüter schützen.

Auch die politische Spitze der Rebellen ist auf dem Weg nach Tripolis. Schon in diesen Tagen wollen sich Männer des Übergangsrates nach Tripolis aufmachen. Ihre dringlichste Aufgabe laut einem Ratssprecher: in den befreiten Stadtteilen die Versorgung mit Wasser, Strom, Gas und Lebensmitteln zu sichern.

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Fotostrecke
Kampf gegen Gaddafi: Tripolis nach dem Rebellen-Sturm

Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Abdullah al-Thani (zurückgetreten 28. August 2014; amtierend); umstritten

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