Rebellenführer Fattah Junis Gaddafis gefährlichster Gegner

Er war ein enger Weggefährte des Diktators Gaddafi, jetzt führt er die Rebellen an: In Bengasi erläutert General Fattah Junis die Strategie der Aufständischen - die müssen unbedingt die Schlüsselstadt Adschdabija halten. Aber ihre Truppen sind geschwächt, ihr Sieg wird immer unrealistischer.

Rebellenführer Fattah Junis: "Gaddafis Leute sind müde"
AFP

Rebellenführer Fattah Junis: "Gaddafis Leute sind müde"

Aus Bengasi berichtet


Zwei Wagen der Armee warten vor dem Eingang, sechs Männer mit Kalaschnikows sichern die Türen, rufen sich Kommandos zu. Am Eingang des Tibesty-Hotels in der Rebellenhochburg Bengasi wird das Gepäck durch Röntgenkontrollen geschleust, oben halten Leibwächter an den Panoramafenstern nach Attentätern Ausschau. Im Konferenzraum des ersten Stocks vor der großen Flagge der Revolution sitzen die letzten verbliebenen Journalisten der Stadt. Vor ihnen der zur Zeit vielleicht gefährlichste Mann für Gaddafi: Abd al-Fattah Junis.

Der silberhaarige, 67-jährige General im Flecktarn trägt an der Brust noch seine alten Gaddafi-Orden, vor sich hat er eine Landkarte des libyschen Küstenstreifens ausgebreitet. Seit sechs Stunden führt er den Oberbefehl über die Einheiten der Rebellen, die zuvor nur in losen Gruppen agierten. Noch am Morgen galt Omar Hariri als Anführer der Armee, doch bei Pressekonferenzen erzählte der Alte, lange Zeit politischer Gefangener Gaddafis, lieber seine Lebensgeschichte, als etwas zu Taktik und Strategie zu sagen. Mit Fattah Junis ist dagegen zum ersten Mal ein erfahrener General an der Spitze der Rebellen - und ein alter Partner von Machthaber Gaddafi.

Fattah Junis half 1969 als 25-jähriger Offizier seinem zwei Jahre älteren Kameraden Muammar, die Radiostation in Bengasi zu übernehmen, er war 42 Jahre lang Leiter der "Commando-Unit", einer Einheit von Spezialkräften in Bengasi. Unter Gaddafi stieg er bis zum General und Innenminister auf.

Doch jetzt, beim Aufstand in Libyen, distanzierte er sich als einer der ersten und einflussreichsten Männer des Regimes. Er half, die Militärbasis, die sogennante Katiba, mit seinen Panzern zu erobern, und überzeugte in seinem letzten Telefonat den Diktator, Bengasi nicht zu bombardieren. Für eine Flugverbotszone kontaktierte ihn der britische Außenminister William Hague. Trotzdem war seine Rolle in der Übergangsregierung wochenlang nicht klar, galt er doch manchen noch als alter Gaddafi-Mann. Jetzt hat sich Fattah Junis positioniert.

Adschdabija ist entscheidend für die Verteidigung des gesamten Ostens

Im Tibesty-Hotel spricht er vor den Journalisten darüber, wie wichtig es ist, Adschdabija zu halten, die nächste große Stadt westlich von Bengasi mit mehr als 70.000 Einwohnern, zwei Autostunden entfernt. Der Ort gilt im Gegensatz zu Brega und Ras Lanuf als zentral für die Verteidigung des gesamten Ostens. Denn von Adschdabija führt die gut ausgebaute Küstenstraße nach Bengasi - aber es gibt auch eine direkte Straße nach Tobruk im Osten und eine weitere in den Süden zu den Jalu-Ölfeldern. Wenn Adschdabija fällt, so die Befürchtung, würde die Armee Gaddafis direkt nach Tobruk fahren und Bengasi einkesseln. Dann könnten die Einwohner nur noch mit Schiffen flüchten - sollten Gaddafis Kriegsschiffe dann nicht schon eingelaufen sein.

Aus Adschdabija berichten Augenzeugen, dass Journalisten und Fotografen nicht mehr erwünscht seien. Die Hotels sind geschlossen, viele Familien geflüchtet, Fotografieren ist verboten. Dutzende Wagen würden aus der Kampfzone westlich von Adschdabija zurückkehren. Es gibt Gerüchte, dass die Stadt, eigentlich berühmt für ihre Widerstandskämpfer, sich Gaddafi anschließen könnte. Dann wären die Einheiten Gaddafis noch schneller in Bengasi. Viele Journalisten sind bereits nach Tobruk oder nach Ägypten gereist.

Die Verbliebenen diskutieren besorgt mit der militärischen Führung: "Herr General, Sie sprechen von einer Schlüsselstellung, aber ich war vor zwei Stunden an der westlichen Stadtgrenze von Adschdabija, da waren keine Soldaten, keine Sandsäcke, keine Waffen."

"Sie meinen, Sie sahen keine Verstärkung?"

"Es sah überhaupt nicht so aus, als ob die Stadt verteidigt werden sollte."

"Die Stadt nimmt eine Schlüsselstellung ein, sie wird verteidigt werden, wenn unsere Truppen sie erreichen."

"Herr General, Tripolis hat angekündigt, den Osten in wenigen Tagen zu erobern. Welche Informationen haben Sie, dass von Adschdabija direkt nach Tobruk vorgestoßen werden soll und Bengasi dann eingekesselt wird? Wie lange können Sie aushalten?"

"Das sind bloße Träume. Gaddafi hat nicht genug Kräfte, um weiter vorzustoßen, und Sie und Ihre Kollegen scheinen die Zahlen der feindlichen Armee etwas zu übertreiben. Gaddafis Leute kämpfen unterbrochen, sie haben nicht genug Essen und Munition, sie sind müde."

Der Chef des Übergangsrats ist untergetaucht

Müde und hungrig - es klingt, als spräche General Fattah Junis von seinen eigenen Leuten und nicht von den hochgerüsteten Gaddafi-Truppen. Die Einschätzung des Rebellenführers zeigt ein Problem dieser Revolution. Am Anfang erschien Gaddafi als der Irre, der nicht weiß, dass seine Tage gezählt sind. Jetzt erscheinen die Rebellen, mit denen westliche Medien von Anfang an sympathisiert haben, zunehmend als realitätsfremd. Vielleicht bleibt ihnen aber auch nichts anderes übrig. Sollte Gaddafi es schaffen, Bengasi einzunehmen, wären sie nicht mehr lange am Leben.

Abdul Hafiz Ghoga, der Sprecher der provisorischen Übergangsregierung, erklärte noch am Tag zuvor, dass Brega und Ras Lanuf "mehr oder weniger unter Kontrolle" seien. Dabei besagten alle Berichte von der Front das Gegenteil. Von "psychologischer Kriegsführung" ist die Rede, wenn man auf die eroberten Städte zu sprechen kommt, und dass man den Gerüchten nicht trauen darf.

Der anfangs gefeierte und von Frankreich anerkannte Nationale Übergangsrat ist in diesen Tagen abgetaucht. 31 Mitglieder soll er zählen, nur wenige Namen sind öffentlich bekannt, getroffen haben sie sich noch nie. Nur acht der Männer des Gremiums sollen in Bengasi sein. Der Kopf des Rates, Mustafa Abdul Dschalil, der ehemalige Justizminister, hält sich an einem unbekannten Ort auf. Seit ein Kopfgeld von 250.000 Dollar auf ihn ausgesetzt wurde, gibt er so gut wie keine Interviews mehr. Trotzdem soll es mehrere Konferenzen wöchentlich geben, die Kommunikation finde meist per Handy statt, sollten die Telefonnetze nicht zusammengebrochen sein.

Auf dem großen Platz in Bengasi rufen Männer mit schriller Stimme, dass der Sieg nahe sei, dass es ein Leben nach dem Tode gebe und man die Märtyrer nicht vergessen würde. Im ersten Stock eines angrenzenden Gebäudes fragt ein Mann vorsichtig: "Was halten Sie von diesen Leuten?" Und dann beeilt er sich zu sagen, dass man ihnen natürlich Glück wünsche, aber dass es auch wichtig sei, mit den alten Gaddafi-Treuen in der Stadt zu sprechen, man müsse schließlich das ganze Bild sehen.

Er wolle sich darum kümmern, in welchem Hotel man wohne.

insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Marellon 14.03.2011
1. Feige?
Ob man vielleicht die Herren Westerwelle und Sarkozy, den Herrn Cameron und die Frau Merkel, den Herrn Obama (und deren Vorgänger) und wie sie so alle heissen, feige nennen darf und soll? Seit vielen Jahren weiss man, dass Ghadaffi ein übler Schlächter ist. Seit vielen Jahren hätte man ihm den Marsch blasen können. Oder meinetwegen sollen - je nach Standpunkt. Aber viele Jahre hat man vor allem geschwiegen. Erst jetzt, angesichts seiner Schwierigkeiten, rasselt man mit dem Säbel und verlangt seinen Rücktritt. Und die ganz Mutigen empfangen oder anerkennen irgend einen "Übergangsrat", von dem niemand weiss, wes Geistes Kind er ist. Achja, ob man vielleicht die Herren Westerwelle und Sarkozy, den Herrn Cameron und die Frau Merkel, den Herrn Obama (und deren Vorgänger) und wie sie so alle heissen, nicht nur feige nennen darf und soll, sondern auch unbedarft?
gunman, 14.03.2011
2. Die Rebellen haben fertig.
Die Rebellen haben wohl bald fertig. Bin gespannt, wie die westliche Politik jetzt weiterhühnert. Ibs. die dämlichen Franzosen, die Gadaffi zuletzt sehr hoffiert haben und gegenwärtig den Rebllenrat anerkennen, können sich schon mal überlegen, wie es weitergehen soll.
S.I.C 14.03.2011
3. Verräter
So läuft es wohl da unten. Jahrzehntelang Nutznießer und kaum dreht sich der Wind wird übergelaufen. Die paar unter Drogen stehenden "Rebellen" sind bald weggeputzt und dann wird es eng für den im Artikel beschriebenen Feigling.
Vorarlberger 14.03.2011
4. Flugverbotszone JETZT
Jetzt nachdem die Arabische Liga für ein Flugverbot ist muss es endlich umgesetzt werden. Wenn Gaddafis Söldner Bengasi erreicht haben und tausende Menschen ermordet hat wird es zu spät sein. Übrigens bin ich wohl einer der wenigen hier die schon einmal in Libyen waren. Die Unterdrückung war durchaus spürbar. Das Gaddafi ein solcher Schlächter ist war für mich aber nicht ersichtlich. Jetzt ist es anders, jeder der nicht vor Ideologie oder Dummheit blind ist kann sehen was abläuft. Ein Volk kämpft für seine Freiheit gegen einen mörderischen Despoten. Das ist auch kein Bürgerkrieg. Es ist der Versuch die libysche Volksaufstand niederzuschlagen. Auf Seiten von Gaddafi sind "nur" Tausende Söldner und die loyalen Eliteeinheiten. Auf der anderen Seite das libysche Volk und übergelaufene Armeeeinheiten. Letztere haben aber kaum moderne Waffen. Von einer Truppe aus Lehrern, Arbeitern und vor allem jungen Kerlen zu erwarten das sie eine Chance gegen die Söldner haben ist naiv. Wenn Gaddafi nicht gestoppt wird gibt es ein Massaker und auf Jahrzehnte hinaus kein Verständnis mehr zwischen Arabern und "dem Westen".
fritzehü 14.03.2011
5. Ach ja
Zitat von S.I.CSo läuft es wohl da unten. Jahrzehntelang Nutznießer und kaum dreht sich der Wind wird übergelaufen. Die paar unter Drogen stehenden "Rebellen" sind bald weggeputzt und dann wird es eng für den im Artikel beschriebenen Feigling.
Übrigens, es ist sehr ruhig geworden im digitale Blätterwald der Online-Angebote zu Gaddaffi. Wo sind die Protagonisten der "Revolutionäre"? Schon mal überlegt was passiert, wenn Gaddafi an der Macht bleibt? Hallo Stämme aus Ost-Libyen - Willkommen in Europa. Darüber hinaus wird sich Gaddafi nunmehr einen feuchten Kehricht darum kümmern, weiter zukünftig als Europa-Schutzschild zu dienen um die "Zuwanderung" aus Afrika aufzuhalten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.