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Rebellenhochburg Bengasi: Angst vor dem unsichtbaren Feind

Aus Bengasi berichtet

Der Westen hat die Offensive gegen das Gaddafi-Regime gestartet - in der Rebellenhochburg Bengasi bleibt die Lage angespannt: Die Furcht vor Verrat geht um, es soll Fälle von Lynchjustiz geben. Angst droht jede Hoffnung zu zerstören.

Bengasi: Die Gesichter der Aufständischen Fotos
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Mit einem alten, grauen Wischer schiebt Awath das Blut vor sich her, er schlängelt sich zwischen den vielen Schaulustigen in der Leichenhalle hindurch, bis er den Abfluss im Boden findet. Er arbeitet vorsichtig und konzentriert, Awath will es gut machen. Dutzende Male hat er am Samstag im Jala-Krankenhaus von Bengasi schon die braunen Fliesen gewischt. Aber immer wieder tropft neues Blut von den Tragen. Mit Schuhen tragen es die Menschen wieder herein.

"Ich mache das gerne", sagt Awath, "für mein Land. Aber dieses Blut heute hätte verhindert werden können."

Von draußen tragen Jugendliche Särge aus Spanplatten herein, ein ganzer Kia-Pick-up ist voll davon. Drinnen werden Leichentücher aus weißem Stoff zurechtgeschnitten, unter Wolldecken liegen 24 Tote. Der Raum ist voll, immer noch werden weitere Leichen hereingetragen, Angehörigen heben ihre Hände zum Himmel, weinen. Ein Junge ist gekommen, er kniet sich still neben eine lilafarbene Decke, schlägt sie zurück und schüttelt stumm den Kopf. Es ist sein älterer Bruder, der darunter liegt. Gestern haben sie noch zu Abend gegessen. Heute ruft ihn ein Freund an, sein Bruder sei tot. "Wie kann so etwas sein?", sagt er, wendet sich ab, will allein sein.

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Krise in Libyen: Neue Gefechte um Bengasi
Die Opfer, die hereingetragen werden, lassen selbst erfahrene Kriegsfotografen schlucken. Verbrannt durch Explosionen, blutüberströmt mit schweren Schusswunden, zerfetzt bei Raketenangriffen. Auch zwei Soldaten Gaddafis seien darunter, heißt es. An ihren Uniformen kann man sie nicht erkennen, Ausweise haben sie nicht. Um den Hals des einen ist ein grüner Schal gewickelt, die Farbe des alten Libyens, die Farbe des grünen Buches. Das reicht hier als Erkennungsmerkmal für den Feind. Auch der Pilot des abgeschossenen Rebellenflugzeuges liegt aufgebahrt in einem Nachbarraum, unter seinem orange-weißen Fallschirm, mit dem er abgesprungen ist. Die starren Augen und der Mund sind noch geöffnet. Sechs Geldscheine waren in seiner Tasche und ein rotes, von der Hitze verformtes Nokia-Handy. Die SIM-Karte ist noch heil, die Mitarbeiter des Krankenhauses versuchen, seine Familie anzurufen, vergebens.

Krieg der Worte

Nur wenige hatten hier in Bengasi nach der Uno-Resolution noch geglaubt, dass Gaddafi tatsächlich in die große Stadt einmarschieren würde. Die Einwohner nicht, weil sie es nicht glauben wollten. Die Journalisten nicht, weil sie es nicht glauben konnten. Nicht nach vier Wochen voller Gerüchte, gemäß denen Gaddafi wahlweise nach Ägypten vorstieß oder tot in seinem Befehlsstand lag. Selbst als Samstagmorgen um 5.00 Uhr die Wände des Ouzu-Hotels wackelten, weil das schwere Artilleriefeuer schon so nahe war, blieben die meisten in ihren Betten liegen. Man hatte sich gewöhnt an die Freudenschüsse, an die gewollten Explosionen, mit denen im Meer die Fische gefangen wurden, und an den Sprengstoff, der aus Versehen hochging. Selbst Geschäftsleute aus Bengasi tragen selbstgebastelte Sprengladungen mit sich - man weiß ja nie.

Auch vor dem nahegelegenen Al-Noran-Hotel glaubte am Morgen noch immer keiner daran, dass Gaddafi wirklich die Stadt angreifen würde. Der Reuters-Korrespondent erzählt dem "Times"-Korrespondenten, dass sein Büro gestern Abend angerufen hätte. Die wollten wissen, ob er bestätigen könnte, dass Gaddafis Truppen 50 Kilometer vor der Stadt wären. "Was soll ich denn machen?", sagt er, "die Telefone funktionieren nicht. Soll ich nachts 50 Kilometer in Richtung Gaddafi fahren und schauen, wo die Front endet?" Die Gerüchte stumpfen einen irgendwann ab. Als es vor drei Tagen hieß, zwei Flugzeuge von Gaddafis Luftwaffe seien von den Rebellen abgeschossen worden, berichtete BBC World News, die Flugzeuge gebe es gar nicht, der "New Yorker" schrieb, dass es nur ein Flugzeug gewesen sei, aber es sei von den eigenen Leuten abgeschossen worden, und Al-Dschasira sendete, es gebe die Flugzeuge natürlich, man habe Bilder.

Der Bürgerkrieg in Libyen ist auch ein Krieg der Informationen, mit Propaganda von beiden Seiten. Er wird geführt mit Panik und Angst und falschen Hoffnungen. Da reichen ein paar Vögel in der Ferne, auf die erregte Einwohner zeigen und rufen: "Die Flugzeuge aus Frankreich sind da!"

Doch als al-Dschasira am Samstag meldete, dass Gaddafis Truppen die Vororte erreicht hatten, als ein Flugzeug brennend vom Himmel stürzte, als die Massen "Allahu Akbar"-Gesänge anstimmten, als Tausende von Autos aus der Stadt fuhren, weil der Artilleriebeschuss immer näher kam, wussten alle, dass der Krieg Bengasi erreicht hat. Noch von der Revolution daran gewöhnt, errichteten die Einwohner Straßensperren, aus Steinen, Ästen, Müllcontainern oder Schubkarren, um Gaddafis Panzer aufzuhalten oder zumindest seine Fußsoldaten. Checkpoints entstanden an jeder Kreuzung, Nachbarn und Bekannte wurden durchgelassen, andere befragt.

Furcht vor dem unsichtbaren Feind

Am Samstagnachmittag erfolgt er dann doch, der lang erwartete Schlag der Alliierten. Unmittelbar nach dem Pariser Libyen-Krisengipfel starteten Frankreich, Großbritannien und die USA die erste Angriffswelle auf Gaddafis Streitkräfte. Ziele waren offiziellen Angaben zufolge Flugabwehrstellungen und andere militärische Einrichtungen an der Küste. Die ersten Luftattacken wurden von 20 französischen Kampfflugzeugen geflogen, die nach Angaben des Militärsprechers Thierry Burkhard alle sicher zu ihren Stützpunkten zurückkehrten. Danach feuerten amerikanische und britische Kriegsschiffe im Mittelmeer über 100 Marschflugkörper ab.

Sechs Stunden später war der Spuk auch in Bengasi wieder vorbei. Nur die Leichen blieben. Neben einer Straße östlich des Ouzu-Hotels wartet Muftah Abdul Mousis, 60, darauf, dass Gaddafis Truppen wieder zurückkommen. Mit seinen Leuten - alles freiwillige Kämpfer, Ingenieure, Bauarbeiter, Studenten - war er an der Garyounis-Universität, erzählt er. Als Gaddafis Panzerfahrzeuge kamen, habe man sie umstellt. Zwei Panzer wurden erbeutet. Sie fahren jetzt durch die Stadt, Jugendliche schwenken Fahnen. Wer ist euer Anführer? "Allah ist unser Anführer!" antworten sie. Wie sie auf dem grünen Standstreifen neben der Straße liegen, stolz erzählend unter dem Wolkenhimmel Bengasis, sieht es fast nach einem Picknick aus. Doch dann explodiert wieder irgendwas, alles springt auf, Mousis bringt seine Waffe, die wie eine tragbare Fliegerfaust aussieht, in Stellung. Es bleibt aber sehr zweifelhaft, ob das Gerät tatsächlich einsatzfähig ist.

Die Stimmung bleibt angespannt. Der Feind ist oft unsichtbar in der Stadt. Die Angst geht um, nicht nur vor den Soldaten, sondern auch vor den eigenen Nachbarn. "Ligan Thauria" heißt es im Krankenhaus, auf den Straßen, in den Hotels, wenn wieder einer verletzt wurde von den umherschwirrenden Kugeln. "Ligan Thauria", das seien Killer, die aus schwarzen Autos schießen, wahllos auf Passanten, um Angst zu verbreiten. Alte Kämpfer, die Gaddafi wieder reaktiviert habe. Vielleicht stimmt es, vielleicht nicht. Mit Schusswunden werden viele eingeliefert. Aber auch wenn kein Krieg in der Stadt ist, gibt es noch die freigelassenen Gefangenen, die Unfälle, die bewaffneten Jugendlichen.

Immer wieder gibt es Schlägereien vor Autos, Mobs stürzen sich auf die Insassen, die ihnen verdächtig vorkommen. Beim Gericht wurden am Samstagnachmittag vier Schwarzafrikaner mit Schwertern und Elektroschockern malträtiert, berichten Journalisten. Einer der Männer wurde dabei getötet. Es wäre die erste Lynchjustiz auf dem öffentlichen Platz im Zentrum der Stadt. Viele Schwarze werden von den Einwohnern Bengasis für Gaddafis Soldaten oder für Spione gehalten. Aber auch jeder Andere kann einer von der "Ligan Thauria" sein. Im Gericht gibt es jetzt "Gefängnisleute", die stolz über die neu gewonnen Macht Verhöre beginnen. Zwei Stockwerke darunter liegen Akten, auf denen "Top Secret" steht. Leute werden willkürlich gefangen genommen, Journalisten dürfen nicht mit ihnen reden, die Angehörigen wissen nicht, ob sie schon tot sind oder noch leben.

Das Zentrum der Revolution ist zum Zentrum der Angst geworden. Vielleicht muss die Stadt gar nicht von Gaddafi genommen werden, vielleicht zerfällt sie ganz allein, von innen.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Artikels wurde die Waffe des Libyers Mousis irrtümlich als Raketenwerfer bezeichnet. Wir bitten um Entschuldigung.

Mit Material von dpa

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1. Angst vor dem unsichtbaren Feind
ulli7 20.03.2011
Zitat von sysopDer Westen hat*die Offensive*gegen das Gaddafi-Regime gestartet - in der Rebellenhochburg Bengasi bleibt die Lage angespannt: Die Furcht vor Verrat geht um, es gibt Lynchjustiz. Angst droht jede Hoffnung zu zerstören. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752033,00.html
Da verwundert es nicht, dass sich die Journalisten der öffentlich rechtlichen Rundfunk-und Fernsehanstalten Deutschlands nicht in Bengasi blicken lassen. Die Berichterstattung direkt vor Ort scheint nicht ganz ungefährlich zu sein.
2. Was natürlich
hilfloser, 20.03.2011
die Frage aufwirft was nach dem Fall Gaddafies mit dem Land geschehen wird. Stammesinteressen, Islamischer Fundamentalismus, zerbrechende Infrastruktur, bewaffnete Bürger, Konzeptionslosigkeit, fehlende Führerpersönlichkeiten, agressive Streitkultur... Alles keine wirklich guten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Neubeginn. Aber eins nach dem anderen. Warten wir erstmal das Ende dieser Auseinandersetzung ab, dann sehen wir weiter. Ich denke die EU und USA sind durchaus in der Lage auch in der Post Gaddafie Zeit einen positiven Einfluß auszuüben. Verheerend wäre ein dauerhafter Bürgerkrieg bzw. gewalttätige Stammesauseinandersetzungen die jeden Fortschritt ersticken würde.
3. Somalia
atzigen 20.03.2011
Sollte dieser Spiegelbericht zutreffend sein dann haben sich die ,,Menschenrechtler,, aber saubere Freunde angelacht. Irgendwann gehen der International ,,Gemeinschaft,,(Grosse Mächte stehen abseits.) Die Bombenziele aus dann ist das Regim Gaddafi erledigt. Und wer übernimmt dann die Verantwortung? Die Bengasichaoten? Da zeichnet sich eher eine Somalisierung ab. Einfach ausgestattet mit einem Oilfass. Na Logo irgendwann braucht es dann doch Bodentruppen. Oil muss fliessen damit man die Menschen ernähren kann in Lybien. Dafür muss man den Wilden Stammeskriegern eine neue Diktatur verpassen. Sollte der Westen aufs Oil verzichten hat Europa gleich vor der Haustüre ein Seeräubernest. Na ja dann mal viel Spass beim nächsten Mittelmeerurlaub.
4. rebellen wirklich so froh ?
neuronenzenker 20.03.2011
ich bin mir nicht ganz sicher, ob der jubel der rebellen nicht aus dem hirn westlicher kriegspropaganda entspringt, die jubelbilder können aus befreiungstagen stammen und als die rebellen viele städte befreit haben, haben sie explizit eine einmischung des westens untersagt, aber dies war noch in zeiten der befreiung und könnte mittlerweile natürlich anders sein, nachdem gaddafi städte zurückerobert hat. Außerdem müssen die westlichen Verbündeten auch sehr aufpassen, denn einige rebellen fahren auch mit gekaperten panzern herum und ist sicherlich aus der luftaufklärung nur schwerr zu erkennen ?!
5. Sehr treffender Artikel
flower power 20.03.2011
Wer die unruhige Mentalität und das stets unwirsche Gedankengut der Libyer kennt, und auch vielen Nordafrikaner, der weiß auch dass es nie eine ausgewogene Demokratie geben kann. Die Stämme und Familien, und die Rollen von Männer in der Gesellschaft sind zu vorgegeben. Das wird ein langer und sehr teurer Prozess werden, der den Westen überfordert. Man kann leider nicht eine Partei favoritisieren. Zu widersprüchlich sind deren Einstellungen zu Leben, Demokratie und Freiheit. Doch nun jat sich der Westen in ein Abenteuer begeben. Viel Freude beim Guerilla-Krieg. Der wird noch jahrelang anhalten. In Afghanistan brennt es, im Irak, in Ägypten, in Tunesien....usw. Die Amis finden die Demokratie in Saudi-Arabien und Kuweit toll, die Franzosen die in Marokko.....ich lach mich schlapp. Dann kümmert euch mal dort alleine um den Fortschritt, wenn ihr nicht mit zwei Zungen sprechen wollt. Sarkozy ist ein schreiendes Huhn, er weiß Frankreich raucht ihn nicht. Er wird die Wahlen verlieren, dies war eine Verzweiflungstat von ihm, um noch einmal sich in den Fordergrund zu spielen. Elba wäre aber zu schön für ihn.
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Krise in Libyen: Neue Gefechte um Bengasi

Resolution 1973
Was erlaubt die Resolution?
Das Papier geht deutlich über das zunächst angestrebte Flugverbot hinaus. Jetzt können auch Luftschläge gegen die Truppen von Diktator Gaddafi geführt werden. Seine Luftwaffe könnte so schon am Boden zerstört werden. Auch Angriffe auf Gefechtsfahrzeuge und Stellungen sind möglich, ebenso auf die Söldner-Kolonnen, die ständig unterwegs sein sollen. Vom Meer aus könnten Kreuzer oder U-Boote Marschflugkörper abfeuern.
Was erlaubt die Resolution nicht?
Definitiv ausgeschlossen ist der Einsatz "einer Besatzungstruppe in jeder Form und in jedem Teil der Republik Libyen". Bodentruppen wird es also nicht geben. Und: Jedes militärische Eingreifen muss dem Schutz von Zivilisten dienen.
Wer darf handeln?
Am Beginn des Einsatzes standen Einsätze von Nato-Flugzeugen aus Frankreich, Großbritannien und Kanada. Sie starteten zur Luftüberwachung. Weitere Staaten haben angekündigt, sich zu beteiligen - unter anderem die USA. In Abstimmung mit der Uno darf aber jedes der 192 Mitgliedsländer handeln, auch allein. Insbesondere die arabischen Nachbarn Libyens sollen miteinbezogen werden.
Sieht die Resolution ausschließlich militärische Schritte vor?
Nein, das ist der kürzeste, wenn auch stärkste Teil von Resolution 1973. Das Papier verschärft auch die Kontrollen des Waffenembargos und verbietet die Versorgung der ausländischen Söldner in Libyen. Zudem sieht es Reisebeschränkungen für die libysche Nomenklatur vor, deren ausländische Konten zudem eingefroren wurden.
Gibt es stärkere Instrumente? Wie sind die Erfolgsaussichten?
Die Autorisierung zu militärischer Gewalt ist die stärkste Waffe des Sicherheitsrates. Die Erfolgsaussichten sind recht hoch - wie die umgehend angekündigte Waffenruhe aus Tripolis zeigte. In der Vergangenheit haben sich solche Resolutionen, etwa in Korea, dem Irak oder Ex-Jugoslawien, oft als wirkungsvoll erwiesen - meist aber erst, nachdem die angedrohte militärische Gewalt auch eingesetzt wurde.

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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