Rebellion gegen China: Blutige Proteste in Tibet - IOC-Präsident warnt vor Olympia-Boykott

Chinas Führung demonstriert Stärke: Sicherheitskräfte haben die Proteste in Tibet blutig niedergeschlagen, das Militär legt die Hauptstadt Lhasa lahm. Der weltweite Druck auf Peking wächst, von einem Olympia-Boykott will das Internationale Olympische Komitee jedoch nichts wissen.

Peking/Katmandu - Lhasa verharrt in einer verordneten Schockstarre. Nach den blutigen Unruhen haben Sicherheitskräfte die tibetische Hauptstadt in ihrem eisernen Griff. Panzer sind aufgefahren, das Militär hat Straßensperren errichtet, Touristen wurden angewiesen, Lhasa zu verlassen. Urlauber berichteten von einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften. Die gesamte Stadt sei regelrecht stillgelegt, berichtete ein 23 Jahre alter Ausländer. Ein weiterer Tourist, der Lhasa am Samstag verließ, erklärte, binnen 24 Stunden seien rund 140 Lastwagen mit Soldaten nach Lhasa gekommen.

Mindestens 30 Menschen sollen bei der blutigen Niederschlagung der Proteste getötet worden sein - es könnten aber auch bis zu 100 sein - zehn Mal so viel wie die amtlichen chinesischen Medien bestätigten. Die Zusammenstöße in Lhasa sind die schwersten seit 20 Jahren.

China reagiert mit Härte, auch wenn der internationale Druck wächst. Uno-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour forderte Peking auf, den Demonstranten ihr Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu gewähren und keine "exzessive Gewalt" anzuwenden. Eine Sprecherin von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, dieser verfolge die Situation aufmerksam. Bundeskanzlerin Angela Merkel rief angesichts der schweren Unruhen zu Gewaltverzicht und Dialog auf. "Gewalt - egal von welcher Seite - führt zu keiner Lösung der offenen Fragen", erklärte Merkel. Sie forderte China zum Dialog mit dem religiösen Führer der Tibeter, dem Dalai Lama, auf. Dieser äußerte sich besorgt und rief die chinesische Regierung und seine Landsleute auf, keine Gewalt anzuwenden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle durch die Vereinten Nationen .

Die Welt schaut auf China, gerade jetzt, im Jahr der Olympischen Spiele. Sollte die Rebellion noch blutiger werden, die Stimmen nach einem Boykott der Spiele könnten lauter werden. Grünen-Chefin Claudia Roth forderte heute bereits, mit den Olympischen Spielen müsse "großer und nachhaltiger Druck auf China ausgeübt werden, die brutale Unterdrückung der Tibeter und die Missachtung der Menschenrechte in China zu beenden".

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will von Boykott-Drohungen noch nichts wissen. Ein Boykott würde nichts ändern und nur die Athleten bestrafen, erklärte IOC-Präsident Jacques Rogge am Samstag. Auch Rogges Vize Thomas Bach warnte vor entsprechenden Aufrufen. "Der Boykott wäre der falsche Weg, weil dadurch Gesprächsfäden abgeschnitten würden", sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) der Deutschen Presse-Agentur, "die Geschichte hat gezeigt, dass Boykotte nicht zum Ziel führen".

Die chinesischen Olympia-Organisationen bemühten sich heute, die Proteste in Tibet herunterzuspielen. Die tibetischen Gruppen, die die Spiele als Plattform für ihre Unabhängigkeitsbemühungen benutzen, seien nur eine kleine Minderheit in der weltweiten öffentlichen Meinung, sagte der Sprecher des Organisationskomitees in Peking (BOCOG), Sun Weide. China lehne jeden Versuch ab, die Spiele zu politisieren. Dies widerspreche auch dem olympischen Geist. Die Spiele seien ein alter Traum der Chinesen. "Das chinesische Volk, einschließlich der Landsleute in Tibet, freut sich sehr auf die Austragung der Spiele." Auch der Fackellauf, bei dem das olympische Feuer auf den Mount Everest getragen werden soll, werde wie geplant stattfinden.

Behörden stellen Demonstranten Ultimatum

Die Behörden in Tibet gaben heute den Demonstranten die Schuld am Tod "unschuldiger Menschen". "Wir haben nicht das Feuer eröffnet. Wir werden aber hart mit diesen Kriminellen umgehen, die diese Aktivitäten zur Spaltung der Nation ausführen", hieß es in einer Erklärung. Allen Demonstranten, die sich bis Dienstag stellen, wurden mildernde Umstände in Aussicht gestellt.

In der westchinesischen Stadt Xiahe ging die Polizei am Samstag mit Tränengas gegen Sympathisanten der demonstrierenden Mönche in Tibet vor. Augenzeugen zufolge zogen Hunderte Menschen vom Kloster Labrang nach Xiahe, die Gruppe griff Verwaltungsgebäude an. Nach Angaben der in London ansässigen Gruppe Free Tibet wurden 20 Menschen festgenommen.

In Australien setzte die Polizei Medienberichten zufolge Schlagstöcke und Pfefferspray gegen Demonstranten vor dem chinesischen Konsulat in Sydney ein. In New York kam es aus zunächst ungeklärten Gründen kurzzeitig ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei, als Hunderte Exiltibeter vor dem chinesischen Konsulat demonstrierten - mehrere Menschen wurden verletzt, mehrere festgenommen . Auch in Indien und der nepalesischen Hauptstadt Katmandu gab es Demonstrationen.

Auslöser der Protestwelle war der 49. Jahrestag eines Aufstandes gegen die chinesische Armee - 1959 war der Dalai Lama aus seinem Sommerpalast als Soldat verkleidet über die Grenze nach Indien geflohen. Offenbar waren bei der ersten kleinen Kundgebung am Montag mehrere Mönche festgenommen worden. Daraufhin gingen Hunderte Geistliche auf die Straße - die Situation eskalierte.

phw/tno/AP/dpa/AFP

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