Rebellion gegen Peking Dutzende Tote in Tibet - neue Gewalt in Nepal und China

Nur spärlich sickern Informationen über die tibetische Rebellion gegen China nach außen. Die Exilregierung der Tibeter spricht von mindestens 30 Toten, wahrscheinlich sind es deutlich mehr. Die Führung in Peking droht den Demonstranten - doch es gibt neue, blutige Unruhen.


Dharamsala/Peking - Die Angaben über die Toten und Verletzten sind kaum nachprüfbar, doch so viel ist klar: Es ist eine blutige Rebellion. Mindestens 30 Menschen sollen nach Angaben der tibetischen Exilregierung bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen chinesischen Sicherheitskräften und protestierenden Tibetern getötet worden sein. "Wir haben 30 bestätigte Opfer", sagte ein Sprecher der Exilregierung heute in Nordindien. "Diese Information basiert auf Telefonanrufen von Tibetern nach draußen." Zuvor hatten die Exil-Tibeter von bis zu 100 unbestätigten Toten gesprochen.

Nach Informationen des exil-tibetischen Zentrums für Demokratie und Menschenrechte in Indien (TCHRD) gab es allein am Jokhang-Tempel und Ramoche-Tempel und einem Markt im Zentrum von Lhasa rund 25 Tote. Hunderte seien verletzt worden. Die Unruhen hatten auch andere Orte sowie Klöster in den Provinzen Gansu und Qinghai erfasst. In Gansu sollen auch Schüsse gefallen sein.

Der US-Sender Radio Free Asia zitierte Tibeter, wonach bis zu 80 Menschen getötet worden seien. Bewohner von Lhasa, die telefonisch kontaktiert werden konnten, sprachen auch von deutlich mehr Opfern. Das Staatsfernsehen zeigte Bilder von randalierenden Tibetern, die Autos umstürzten, Geschäfte angriffen oder versuchten, heruntergelassene Läden oder Gitter aufzubrechen. Die Sprecherin sagte, dass es durch "eine kleine Gruppe von Leuten" zu Zerstörungen, Schlägereien und Plünderungen gekommen sei.

Die chinesischen Behörden meldeten zunächst offiziell zehn Tote. "Die Zahl der Verletzten und Toten steigt weiter", berichtete gleichwohl die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Viele Polizisten seien schwer verletzt worden.

Die Lage in Lhasa war am Samstag angespannt. Soldaten hatten Straßensperren errichtet. Panzer waren aufgefahren, wie Augenzeugen berichteten. Die exil-tibetische Regierung teilte an ihrem Sitz im nordindischen Dharamsala mit, dass "Kriegsrecht" über Lhasa verhängt worden sei. Tibets Regierungschef Qiangba Puncog hatte das zuvor aber in Peking bestritten.

Unruhen in Nepal und China

In Nepal und im Nordwesten Chinas kam es nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen erneut zu gewaltsamen Protesten. Die Gruppen Internationale Kampagne für Tibet und Kampagne Freies Tibet teilten unter Berufung auf Augenzeugen mit, die Demonstranten hätten zahlreiche Regierungseinrichtungen in Xiahe zerstört. In der Stadt befindet sich das Labrang-Kloster, einer der größten buddhistischen Tempel der Welt außerhalb des Autonomen Gebiets Tibet. "Es wurde Tränengas auf die Menge abgeschossen", sagte Matt Whitticase von der Kampagne Freies Tibet in London. Xiahe liegt in der nordwestlichen chinesischen Provinz Gansu, in der viele tibetischstämmige Menschen leben.

Einzelheiten über die Proteste waren schwer in Erfahrung zu bringen. Ein Mann an der Rezeption eines Hotels im Stadtzentrum von Xiahe bestätigte telefonisch, dass am Samstag demonstriert worden sei. Auch über einen Einsatz von Tränengas gegen die Protestierer berichtete er.

Die Kampagne Freies Tibet sprach von mindestens tausend Teilnehmern an den Protesten in Xiahe, während die Sprecherin der Internationalen Kampagne für Tibet, Kate Saunders, von bis zu 5000 Demonstranten sprach. "Wir haben bestätigte Berichte über schwere Ausschreitungen in der Umgebung des Labrang-Klosters", sagte Saunders.

In der nepalesischen Hauptstadt Katmandu protestierten derweil rund 200 Tibeter vor dem Büro der Vereinten Nationen. Die Polizei habe rund 20 Demonstranten abgeführt, berichtete ein AFP-Journalist.

In Sydney stürmten Exil-Tibeter das chinesische Konsulat. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Sieben Demonstranten wurden festgenommen. Auch in Berlin und anderen Städten kam es zu Protesten. In Indien nahmen Tibeter in Dharamsala wieder einen Marsch nach Tibet auf. Die indische Polizei hatte einen ähnlichen Versuch vor zwei Tagen unterbunden und 102 Tibeter festgenommen.

Tibets Sicherheitsbehörden stellten den Teilnehmern an den Ausschreitungen ein Ultimatum, um sich zu ergeben. Wer sich bis Montag um Mitternacht stelle, könne mit Strafminderung und "Nachsicht" rechnen. Die tibetische Regierung bestritt, dass Sicherheitskräfte das Feuer auf die Demonstranten eröffnet haben. Tibets Regierungschef sagte am Rande des Volkskongresses in Peking: "Wir haben keine Schüsse abgegeben." Die Agentur Xinhua berichtete dagegen, die Polizei habe "Warnschüsse" abgegeben. Die Polizisten seien aber angewiesen worden, keine Gewalt gegen Angreifer anzuwenden.

Olympia-Organisatoren gelassen

Das exil-tibetische Parlament forderte die Vereinten Nationen auf, einen Sondergesandten nach Tibet zu schicken. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich besorgt über die Unruhen. "Gewalt - egal von welcher Seite - führt zu keiner Lösung der offenen Fragen", sagte Merkel laut Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Zugleich rief Merkel zu einem Dialog zwischen Chinas Regierung und dem Dalai Lama auf. Nur so könne eine nachhaltige Lösung gefunden werden. Berlin unterstütze den Anspruch der Tibeter auf religiöse und kulturelle Autonomie.

Chinas Behörden warfen dagegen der "Clique um den Dalai Lama" vor, die Unruhen "vorsätzlich geplant" zu haben. "Wir haben genug Beweise, dass diese Aktion eine politische Verschwörung ist, die von der Clique des Dalai Lamas geplant worden ist", las eine Sprecherin im Fernsehen einen Text der Staatsagentur vor. Ein Xinhua-Kommentar forderte die Weltgemeinschaft auf, ihre Haltung gegenüber dem Dalai Lama zu überprüfen: "Der Dalai Lama und seine Clique haben keinen einzigen Tag von Gewalt und Terror abgesehen." Aus seinem indischen Exil hatte das religiöse Oberhaupt der Tibeter am Vortag allerdings sofort nach Ausbruch der Unruhen zur Gewaltlosigkeit aufgerufen.

Die Organisatoren der Olympischen Spiele betonten am Samstag, die Gruppen, die die Spiele als Plattform für ihre Unabhängigkeitsbemühungen benutzen, seien nur eine kleine Minderheit. China lehne jeden Versuch ab, die Spiele zu politisieren. "Das chinesische Volk, einschließlich die Landsleute in Tibet, freuen sich sehr auf die Austragung der Spiele."

phw/dpa/AFP/Reuters

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