G20 und der Fall Khashoggi Erdogans Frust-Gipfel

Der türkische Präsident wollte sich im Fall Khashoggi zum Chefaufklärer aufschwingen. Sein Ziel: den Einfluss Riads in der Region zu schwächen. Doch auf dem G20-Gipfel standen andere Themen im Fokus.

Recep Tayyip Erdogan und Mohammed bin Salman
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Recep Tayyip Erdogan und Mohammed bin Salman

Von und , Istanbul


Vor den Reportern beim G20-Gipfel in Buenos Aires nahm Recep Tayyip Erdogan noch einmal Anlauf. Die Ermordung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi sei ein "Test" für die gesamte Welt. "Wir waren noch nie mit einem derartigen Problem konfrontiert", sagte der türkische Präsident.

Doch die Worte Erdogans verhallten im Nachrichtenstrom aus Argentinien. Andere Themen dominierten die Gespräche - allen voran die erneuten Spannungen zwischen Russland und der Ukraine.

G20 wurde für Erdogan zum Frust-Gipfel. Schließlich ist er entschlossen, den Fall Khashoggi für sich zu nutzen. Das Treffen der 20 Staats- und Regierungschefs führender Wirtschaftsnationen sollte die nächste Gelegenheit sein, das Thema in die Schlagzeilen zu bringen und den Druck auf Riad zu erhöhen. Doch die Taktik geht nicht auf. Das merkte Erdogan bereits in den Vorwochen - und reagierte.

Immer wieder sickerten türkische Ermittlungsdetails an die Medien. Erdogan hoffte, so schildert es ein Vertrauter dem SPIEGEL, den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman zu schwächen, wenn nicht sogar zu stürzen.

Das Verhältnis zwischen der Türkei und Saudi-Arabien war bereits vor dem Mord an Jamal Khashoggi angespannt. Beide Staaten konkurrieren um eine Vormachtstellung in der Region. Erdogan unterstützt die Muslimbrüder, eine islamistische Bewegung, die von Mohammed bin Salman als Terrororganisation verfolgt wird.

Kampf um Einfluss

In Syrien kooperiert Ankara mit Iran, während Saudi-Arabien die Mullahs mit aller Macht bekämpft. Als Riad eine Blockade gegen Katar verhängte, schlug sich Erdogan auf die Seite des Emirats. Mohammed bin Salman bezeichnete die Türkei als Teil eines "Dreiecks des Bösen".

Der Mord an dem saudi-arabischen Regimekritiker war dabei eine willkommene Gelegenheit anzugreifen. Zu viele Fragen sind ungeklärt - insbesondere, was die Rolle des saudischen Kronprinzen angeht.

Anfang Oktober war der Journalist im Konsulat seines Heimatlandes in Istanbul umgebracht worden, als er dort Dokumente für seine Hochzeit abholen wollte. Unter immensem internationalen Druck auf Saudi-Arabien gab die autokratische Regierung erst viel später den Tod des Kolumnisten zu.

Jamal Khashoggi
REUTERS

Jamal Khashoggi

Doch wer ist verantwortlich? Riad beschuldigte hochrangige Regierungsmitarbeiter der Tat und versicherte, diese hätten nicht auf Befehl des Kronprinzen oder des Königs gehandelt. Diese Version wurde international als wenig glaubwürdig angezweifelt.

Einige Länder wie die USA und Kanada reagierten mit Sanktionen gegen Einzelpersonen, Deutschland verhängte einen zweimonatigen Stopp von Waffenlieferungen.

Ernüchterung bei Erdogan

Doch zu schärferen Konsequenzen kam es international bisher nicht. Obwohl Erdogans Geheimdienst weitere Details preisgab.

Dieser teilte jüngst ein Tonband aus dem saudi-arabischen Konsulat in Istanbul, das den Mord an Khashoggi dokumentieren soll, mit Verbündeten - darunter Deutschland und die USA. "Unsere Überzeugung war, dass die internationale Gemeinschaft handelt, sobald sie erfährt, was genau im Konsulat geschehen ist", sagt der türkische Regierungspolitiker gegenüber dem SPIEGEL.

US-Präsident Donald Trump hat schon vor dem Gipfel klar gemacht, dass er fest zu Mohammed bin Salman steht. Beim dem Treffen in Buenos Aires überließ Trump das heikle Thema aber seinem Außenminister Mike Pompeo. Einen Handschlag mit dem saudischen Kronprinzen, so wie Wladimir Putin ihn zelebrierte, wollte Trump nicht.

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Gipfel in Buenos Aires: G20 endlich komplett

Pompeo nimmt bin Salman nach neuen Vorwürfen beim Gipfeltreffen sogar in Schutz: "Ich habe alle Geheimdienstinformationen gelesen, die im Besitz der Regierung der Vereinigten Staaten sind", sagte er dem US-Sender CNN. "Es gibt keinen direkten Beweis, der ihn mit dem Mord an Jamal Khashoggi verbindet."

Ohnehin wird bin Salman beim Gipfel sehr freundlich behandelt. Offene Kritik oder auffällige Distanz: Fehlanzeige.

Erdogan gehen die Optionen aus

Was bleibt, ist unter anderem eine Aufforderung der beim G20-Gipfel vertretenen EU-Staaten. Sie drängen darauf, eine ausländische Begleitung der strafrechtlichen Ermittlungen in dem Fall zuzulassen. Frankeichs Präsident Emanuel Macron sprach den Thronfolger nach Angaben des Élysée-Palastes auf den Fall Khashoggi an. Er verlangte demnach, internationale Experten in die Ermittlungen zum gewaltsamen Tod von Khashoggi einzubeziehen.

Erdogans Worte fielen dagegen wesentlich schärfer aus: Er forderte während des Gipfels erneut die Auslieferung der Verantwortlichen an die Türkei. "Wir haben sie gebeten, uns die Beschuldigten zu geben, weil die Straftat in Istanbul geschah. Die saudi-arabischen Behörden geben sie uns immer noch nicht." Die Darstellung Riads enthalte "Widersprüche und Lügen".

Klar ist aber auch: Erdogan ist offenbar zunehmend ernüchtert. "Wir haben getan, was wir tun konnten, um dieses Verbrechen aufzuklären", sagt sein Vertrauter dem SPIEGEL. "Uns gehen langsam die Optionen aus."

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
KingTut 02.12.2018
1. Perfide
Mein Mitleid für Erdogan hält sich in Grenzen. Ihm geht es überhaupt nicht um das schicksal des grausam ermordeten Kashoggi, sondern nur darum persönlich zu punkten. Zumal er selbst genug Dreck am Stecken hat. Bestes Beispiel ist sein jüngster Deutschlandbesuch - von Steinmeier mit allen Ehren empfangen - und seitdem steht der türkische Journalist Can Dündar unter Polizeischutz, weil ERdogan ihn auf deutschem Boden zum Terroristen erklärte. Man kann nur von Glück reden, dass Dündar und weitere türkische Oppositionelle, die ins Fadenkreuz von Erdogan und seinen tausenden von Spitzeln in Deutschland geraten sind, noch am Leben sind. Deshalb gönne ich dem Möchtegern-Sultan seine Schmach. Niemand auf der Welt nimmt ihn ernst, bis auf unsere durch und durch naiven Politiker.
faberhomo 02.12.2018
2. Alles nur Show.
Erdogan ist eine Marionette Russlands. Im tiefsten Inneren seines Gedankenguts ist er ein Feind des schiitischen Irans. Nur wegen Russland ist er an sein Bündnis gebunden. Europa und die westliche Welt braucht eine starke Türkei aber das ohne Erdogan. Man muss ihm sämtliche Macht nehmen angefangen von der Wirtschaft. Siehe Russland: Touristen abgezogen und keine Lebensmittel mehr gekauft. Seitdem kriecht Erdogan vor Putin.
iasi 02.12.2018
3. Moral und Politik - passt eben nun mal nicht zusammen
Deutschland verhängt nicht nur einen Lieferstop für Waffen - und dies ganze 2 Monate lang - Deutschland behängt auch Herrscher, die mit Demokratie nichts am Hut haben, mit deutschen Verdienstorden. Natürlich die höchste Stufe, die einem deutschen Bürger verwehrt bleibt, auch wenn er sich noch so sehr für die Gemeinschaft und Demokratie verdient gemacht hat. Wenn´s um Politik und Geschäfte geht, können wir Deutschen mit jedem. Ja - wir Deutschen - denn wir haben sie schließlich gewählt, unsere Volksvertreter.
Poli Tische 02.12.2018
4. Ich teile Ihre Meinung zu Erdogan...
Zitat von KingTutMein Mitleid für Erdogan hält sich in Grenzen. Ihm geht es überhaupt nicht um das schicksal des grausam ermordeten Kashoggi, sondern nur darum persönlich zu punkten. Zumal er selbst genug Dreck am Stecken hat. Bestes Beispiel ist sein jüngster Deutschlandbesuch - von Steinmeier mit allen Ehren empfangen - und seitdem steht der türkische Journalist Can Dündar unter Polizeischutz, weil ERdogan ihn auf deutschem Boden zum Terroristen erklärte. Man kann nur von Glück reden, dass Dündar und weitere türkische Oppositionelle, die ins Fadenkreuz von Erdogan und seinen tausenden von Spitzeln in Deutschland geraten sind, noch am Leben sind. Deshalb gönne ich dem Möchtegern-Sultan seine Schmach. Niemand auf der Welt nimmt ihn ernst, bis auf unsere durch und durch naiven Politiker.
.... was aber nicht das Verbrechen an Khashoggi mindert. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass die "Wertegemeinschaft" Russland und Amerika die Mörder hofieren. Ganz gleich, welche Beweggründe Erdogan hat, es war ein abscheulicher, bestialischer Mord, der aufgeklärt und gesühnt werden muss!
Meconopsis 02.12.2018
5. ein verheerendes Signal
Es wäre ein starkes, ein sehr starkes Signal an alle Diktatoren und Menschenrechtsverletzer weltweit gewesen, wenn man den Kronprinzen in Buenos Aires festgenommen hätte. Denn ausnahmslos alle Indizien sprechen für ihn als Auftraggeber dieses brutalen Mordes. Wenn wir so jemanden wie Mohammed bin Salman durchkommen lassen, dann sind sämtliche unserer Rechts- und Moralgrundsätze nicht mehr viel wert.
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