Erdogan auf dem G20-Gipfel Der Türsteher ist da

Just vor dem G20-Gipfel beschimpft Präsident Erdogan Deutschland erneut. Trotzdem wird Kanzlerin Merkel ihn bei Laune halten: Sie glaubt, auf die Türkei angewiesen zu sein - als Bollwerk gegen Flüchtlinge.

Recep Tayyip Erdogan, Angela Merkel in Hamburg
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Recep Tayyip Erdogan, Angela Merkel in Hamburg

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"Ihr Eintreten für mehr Freiheit, einen besseren Schutz der Menschenrechte und weniger staatliche Bevormundung ist für Sie, Herr Ministerpräsident, aber kein Zugeständnis an Europa. Sondern es ist Konsequenz Ihrer politischen Überzeugung (...). Auf die Unterstützung Deutschlands können Sie sich verlassen", verspricht Kanzler Gerhard Schröder in seiner Laudatio auf Recep Tayyip Erdogan.

Erdogan - ein Kämpfer für die Freiheit, ein Schützer der Menschenrechte, ein überzeugter Demokrat, ein Freund Deutschlands?

Am 3. Oktober 2004, dem Tag der Deutschen Einheit, vergibt Schröder in Berlin den Quadriga-Preis "Europäer des Jahres" an den "großen Reformpolitiker" und damaligen Premier der Türkei.

Heute, knapp 13 Jahre später, klingt Schröders Rede wie Satire.

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Erdogan in HH: Es darf gestritten werden

Erdogan hat sich von einem demokratischen Reformer, als der er tatsächlich einmal angetreten war, in einen Autokraten verwandelt. In der Türkei war in den vergangenen Jahren nur noch auf Eines Verlass: dass sich die Lage der Menschen- und Freiheitsrechte stetig zum Schlechteren entwickelt. Und auch das deutsch-türkische Verhältnis ist zu Bruch gegangen.

Wenn Erdogan nun zum G20-Gipfel nach Hamburg kommt, dann weniger als Ehren- denn als Problemgast. Die Bundesregierung hat dem türkischen Präsidenten, anders als in der Vergangenheit, verboten, eine Rede vor Landsleuten zu halten. Erdogan bezeichnete die Entscheidung in einem Interview mit der "Zeit" umgehend als deutschen "Selbstmord".

Zu bereden haben Merkel und Erdogan genug

Innenpolitiker hierzulande fürchten zudem, dass es am Rande des Gipfels zu Ausschreitung zwischen türkischen Regierungsanhängern und Gegnern kommen könnte. Auch kurdische Gruppen haben Demonstrationen angekündigt.

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Staatskarossen: In diesen Autos fahren Merkel, Trump und Erdogan

Erdogan wird Bundeskanzlerin Angela Merkel voraussichtlich noch vor Gipfelbeginn zu einem Gespräch treffen. Zu bereden haben die beiden genug: Mehrere deutsche Staatsbürger sitzen derzeit in der Türkei im Gefängnis, darunter die Journalisten Mesale Tolu und Deniz Yücel. Der türkische Präsident wiederum bezichtigt die Bundesregierung, Terrorismus zu unterstützen, da diese sich weigert, vermeintliche Putsch-Soldaten an die Türkei auszuliefern. Und dann ist da noch der eskalierte Streit um die deutschen "Tornado"-Kampfflugzeuge auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik.

Wie viel von diesen Themen bei der Zusammenkunft zwischen Merkel und Erdogan tatsächlich zur Sprache kommt, ist unklar. Regierungssprecher Steffen Seibert sagt, das G20-Treffen sei "kein Gipfel über die bilateralen deutsch-türkischen Verhältnisse". Die Bundesregierung wird versuchen, Erdogan halbwegs bei Laune zu halten. Sie mag den autoritären Kurs des türkischen Präsidenten befremdlich befinden; als Türsteher, der Flüchtlinge von Europa fernhält, glaubt sie ihn trotzdem weiter zu brauchen.

Für Erdogan geht es in Hamburg vor allem darum zu zeigen, dass er Mitglied im Club der Mächtigen ist. Er hat sein Land durch seine erratische Außenpolitik weitgehend isoliert.

Alleine gegen den Rest der Welt

So ist die Türkei mit dem Versuch, eine Vormachtstellung im Mittleren Osten einzunehmen, gescheitert. Sie hat sich in Syrien vergeblich bemüht, Diktator Baschar al-Assad zu stürzen. Saudi-arabische Medien werfen Erdogan vor, Terroristen zu fördern. Ägypten ruft sogar zu einem Boykott gegen die Türkei auf.

Mit den USA hat sich Erdogan über die Kurdenfrage zerstritten. Washington betrachtet die YPG, den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, als wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen die Miliz "Islamischer Staat". Die Türkei hält die YPG hingegen für eine Terrororganisation. Und die Europäer hat Erdogan nicht zuletzt durch seine wiederholten Nazi-Vergleiche ohnehin verprellt.

Innenpolitisch hat Erdogan sein autoritäres Gebaren bislang nicht geschadet, im Gegenteil: Seine Anhänger bewundern ihn für seinen selbstbewussten Ton gegenüber ausländischen Regierungschefs. Auf Dauer jedoch kann es sich auch die Türkei nicht leisten, alleine gegen den Rest der Welt zu stehen.

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i.dietz 06.07.2017
1. Erdogan bei Laune halten ?
Klar, Merkel schafft das mit ihren nichtssagenden "hohlen" Phrasen und dem Scheckbuch !
akarsu0 06.07.2017
2.
Es gibt immer jemanden der den Türsteher bezahlt. Wer ist denn jetzt der böse, derjenige der den Türsteher bezahlt, oder der Türsteher, der nur seinen Job macht? Abgesehen davon müssen diese rassistischen vergleiche nicht sein den Türken als ewigen Türsteher hinzustellen. Und solange die EU nicht endlich klare Kante zeigt, wird der Diktator nicht zu stoppen sein. Mir wäre es am liebsten die Türkei auszuladen, auch wenn das nicht möglich ist.
geschädigter5 06.07.2017
3.
Ich sehe in einem Treffen mit Erdogan keinen Sinn. Man sollte ihm deutlich machen, dass aufgrund seiner beleidigenden Äußerungen sich selbst weiter ins Abseits gebracht hat. In den Kreis der mächtigsten Wirtschaftsnationen gehört die Türkei sicherlich nicht mehr.
Neandiausdemtal 06.07.2017
4. Die Saudis, die Türken....
Sie werfen sich gegenseitig vor, Terroristen zu unterstützen. Tatsächlich sind die Regierenden beider Länder im Grunde selbst Terroristen. Merkel und Co müssen sich jedoch vorwerfen lassen, diese Banden zu unterstützen, bis hin zu Waffenlieferungen. Leider mischt meine eigene Partei da auch mit.
eckawol 06.07.2017
5. Und wieder schädigt Erdogan sein Land,
denn mit seinen Attacken dürfte die Zahl deutscher Touristen angesichts der grundlosen Verhaftungen von Deutsche in der Türkei weiter abnehmen.
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