Fehler der türkischen Außenpolitik Erdogans Syrien-Debakel

Die Türkei wollte den Nahen Osten nach ihren Wünschen umbauen. Das geht schief - auch weil Präsident Erdogan in Syrien einen Fehler nach dem anderen macht. Nun droht die nächste Eskalation.

REUTERS

Von , Istanbul


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Der frühere türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu hat einen Begriff geprägt, der heute fast wie eine Parodie klingt: "Null Probleme mit Nachbarn", sagte der AKP-Politiker vor einigen Jahren, sei das Leitmotiv türkischer Außenpolitik.

Inzwischen hat sich dieses Prinzip ins Gegenteil verkehrt: Die Türkei war noch nie so einsam wie im Jahr 2017.

Recep Tayyip Erdogan hat viel dafür getan, sein Land zu isolieren: Er unterdrückt die Opposition in der Türkei, beschimpft die Europäer als "Faschisten" und "Terror-Unterstützer". Sein gefährlichstes und möglicherweise folgenschwerstes Spiel betreibt der türkische Präsident aber gegenwärtig im Nahen Osten - im Irak und in Nordsyrien.

Erdogan wollte einst die Region neu ordnen. Inzwischen geht es ihm nur noch darum, einen Kurdenstaat um jeden Preis zu verhindern. Das türkische Militär hat seinen Krieg gegen die kurdische Arbeiterpartei (PKK) verschärft. Türkische Jets flogen in den vergangenen Wochen Angriffe gegen die PKK im Irak und die YPG, den syrischen Ableger der PKK.

Die PKK war in den vergangenen Jahren für Dutzende Anschläge in der Türkei verantwortlich und wird von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft. Die YPG jedoch gilt als der wichtigste Partner des Westens, allen voran der Amerikaner, im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat". Auch Russland kooperiert in Syrien mit den Kurden.

Erdogan ist ein brillanter Innenpolitiker

Der türkischen Regierung ist es durch ihre Attacken gegen die YPG gelungen, gleich zwei Weltmächte, die USA und Russland, gegen sich aufzubringen.

Erdogan scheint das nicht zu kümmern. Er hat weitere Angriffe "über Nacht" in Syrien angekündigt. Sein Berater Ilnur Cevik drohte am Mittwoch sogar damit, die Türkei könnte US-Truppen in Syrien bombardieren, sollten diese weiter die YPG unterstützen.

Erdogan ist ein brillanter Innenpolitiker. Er versteht es besser als jeder seiner Rivalen, die türkische Gesellschaft zu lesen. Doch in der Außenpolitik reiht er seit Jahren eine Fehlentscheidung an die andere. In Syrien hat er sein Land auf diese Weise in eine Sackgasse manövriert, aus der es nun kaum mehr einen Ausweg gibt.

Noch vor wenigen Jahren waren Erdogan und Syriens Diktator Baschar al-Assad befreundet. Sie verbrachten einen gemeinsamen Urlaub im türkischen Bodrum. Nach Ausbruch der Proteste in Syrien 2011 drängte Ankara Assad vergeblich, Muslimbrüder in die Regierung aufzunehmen. Erdogan wandte sich von seinem einstigen Partner ab. Er sah, ermutigt von seinem damaligen Außenminister Davutoglu, im Arabischen Frühling die Chance, eine Führungsrolle in der Region einzunehmen.

Die imperialistischen Ambitionen der Türkei, von Beobachtern als "Neo-Osmanismus" beschrieben, haben sich nie erfüllt. Dies liegt vor allem daran, dass Erdogan die Dynamiken in der Region nicht verstanden hat - und bis heute nicht versteht.

Die türkische Regierung glaubte, mithilfe islamistischer Rebellen Assad innerhalb von wenigen Monaten stürzen zu können. Sie unterschätzte, wie weit das syrische Regime zum eigenen Machterhalt gehen würde.

Türkei schafft es nicht, syrische Gebiete zu sichern

Erdogan sah auch eine zweite Entwicklung nicht kommen: den Vormarsch der YPG in Nordsyrien. Die Kurden waren unter Assad marginalisiert. Doch sie erkämpften sich im Laufe des Krieges Territorium und, durch ihre säkulare Rhetorik, Sympathien des Westens.

US-Präsident Donald Trump betrachtet, wie schon sein Vorgänger Barack Obama, die YPG, trotz aller Drohungen aus Ankara, als Schlüsselpartner beim Sturm auf die IS-Hochburg Rakka. Erdogan versucht, diesen Vorstoß unbedingt zu verhindern. Er weiß, dass den Kurden nach einer erfolgreichen Operation in Rakka Gebietsansprüche kaum noch streitig zu machen wären.

Am 16. Mai trifft Erdogan Trump in Washington. Es ist unwahrscheinlich, dass er seinen amerikanischen Amtskollegen dazu bringen wird, die Allianz mit den Kurden aufzukündigen. Zu weit sind die Planungen für den Einsatz bereits fortgeschritten, zu wichtig ist Trump ein PR-Erfolg im Krieg gegen den IS. Die türkischen Luftangriffe gegen YPG-Stellungen haben das Vertrauen der Amerikaner in ihren Nato-Partner zudem weiter erschüttert.

Die Türkei läuft Gefahr, sämtliche Ziele in Syrien zu verfehlen: Sie wird Assad nicht los und muss stattdessen zusehen, wie die PKK/YPG einen eigenen Staat errichtet.

Die Koalition aus Assad, Russland und Iran hat von der Türkei unterstützten Rebellen zudem bis in die Provinz Idlib zurückgedrängt. Experten gehen davon aus, dass das Regime früher oder später auch Idlib einnehmen wird. Den Aufständischen, darunter etliche Dschihadisten, bliebe nur noch die Flucht über die Grenze - in die Türkei.

Erdogan wollte sein Land zu einer Ordnungsmacht im Nahen Osten machen. Nun droht es zu einem Auffangbecken für Extremisten zu werden.


Zusammengefasst: Die Türkei reiht in Syrien und im Irak Fehler an Fehler - und verspielt damit die angestrebte Rolle als Ordnungsmacht. Präsident Erdogan hat sich unter anderem beim Vorgehen gegen die kurdischen YPG-Einheiten verkalkuliert. Denn deren Beschuss ärgert Russland ebenso wie die USA. Bei seiner Reise nach Washington wird er auch erklären müssen, warum einer seiner Berater Angriffe auf US-Kräfte in Syrien ins Spiel gebracht hat.

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