Türkei Erdogan entlässt erneut Tausende Staatsbedienstete

Vor fast genau einem Jahr versuchte das türkische Militär Erdogan zu stürzen. Seitdem geht der türkische Präsident kompromisslos gegen mögliche Kritiker vor. Nun hat er erneut mehr als 7000 Staatsbedienstete entlassen.

Recep Tayyip Erdogan
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Recep Tayyip Erdogan


Kurz vor dem Jahrestag des Putschversuchs sind in der Türkei mehr als 7300 weitere Soldaten, Polizisten, Ministeriumsmitarbeiter und Lehrkräfte an Universitäten entlassen worden. Das geht aus einem am Freitag veröffentlichten Dekret hervor.

Die Entlassenen sollen Verbindungen zu dem in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen haben. Die Regierung wirft Gülen vor, Drahtzieher des Militärputsches im vergangenen Jahr gewesen zu sein. Unter den Entlassenen seien gut 2300 Polizisten, meldete die Zeitung "Hürriyet".

Es ist nicht das erste Mal, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan massenhaft Staatsbedienstete entlässt. Nach dem gescheiterten Militärputsch vor einem Jahr wurden in der Türkei bislang etwa 50.000 Menschen festgenommen, weitere 100.000 wurden aus dem Staatsdienst entlassen oder suspendiert - darunter Lehrer, Richter, Soldaten und Polizisten.

Seit dem Militärputsch ist die Zahl der Asylbewerber aus der Türkei in Deutschland deutlich gestiegen. Insgesamt stellten im vergangenen Jahr 5742 Türken entsprechende Anträge - ein Jahr zuvor waren es noch 1767.

Gülen wirft Erdogan Hexenjagd vor

Gülen erhebt zum Jahrestag des Putschversuchs indes schwere Vorwürfe gegen die Regierung in Ankara. "Im Nachgang dieses tragischen Vorkommnisses wurden die Lebensumstände zu vieler unschuldiger Menschen verdunkelt", heißt es in einer Mitteilung. "Sie wurden widerrechtlich von ihren Arbeitsplätzen entlassen, festgenommen, eingesperrt und sogar gefoltert - alles auf Geheiß der Regierung", schrieb Gülen weiter. Er warf Erdogan eine Hexenjagd vor.

Gülen beteuerte erneut, er habe mit dem versuchten Umsturz nichts zu tun. Der Kleriker hatte im vergangenen Jahr dagegen die Vermutung geäußert, Erdogan selbst habe den Putschversuch in der Türkei inszeniert, unter anderem um eine Begründung für schärfere Strafverfolgung von Regierungskritikern zu haben. Die Regierung in Ankara verlangt von den USA seit Längerem die Auslieferung des Predigers, der einst als Weggefährte Erdogans galt. Ob es dazu kommt, ist unklar.

Gülen selbst hatte erklärt, er werde sich nicht gegen eine Auslieferung sträuben, sollten die USA so entscheiden. Gleichzeitig forderte er eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse vom Juli 2016. Sollten die Ermittler zu dem Ergebnis kommen, dass er selbst vor Gericht gestellt werden müsse, werde er ebenfalls keinen Widerstand leisten, kündigte Gülen nun an.

koe/dpa/AFP/Reuters

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