Erdogans Nahost-Politik Der Sultan hat es sich verscherzt

Der türkische Präsident vergrätzt Europa. Umso wichtiger wären Erdogans Beziehungen zu den Ländern des Nahen Ostens. Doch auch dort liegen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander.

Recep Tayyip Erdogan mit dem Rabia-Zeichen
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Recep Tayyip Erdogan mit dem Rabia-Zeichen

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Die Geste fehlt bei keinem öffentlichen Auftritt Recep Tayyip Erdogans: Der türkische Präsident reckt die Hände in die Luft, streckt vier Finger aus und klappt den Daumen ein. Dann winkt er seinen Anhängern zu.

Diese Geste ist das sogenannte Rabia-Zeichen. Es ist benannt nach dem Rabia al-Adawija-Platz in Kairo, auf dem im August 2013 ägyptische Sicherheitskräfte Hunderte Anhänger der Muslimbruderschaft massakrierten. Rabia heißt "die Vierte", darum die vier Finger. Zunächst benutzten Oppositionelle in Ägypten dieses Zeichen, kurz darauf übernahm es Erdogan und verhalf ihm damit zu internationaler Bekanntheit.

Die vier Finger sind nicht nur ein Zeichen für Erdogans Solidarität mit den Muslimbrüdern, deren frei gewählter Präsident Mohamed Morsi von Ägyptens Armee weggeputscht und deren Sympathisanten seither in den Untergrund gedrängt wurden. Die vier Finger sind auch Ausdruck von Erdogans Hegemonialanspruch im Nahen Osten. Seit Jahren inszeniert sich der türkische Präsident als Schutzpatron der sunnitischen Muslime in der arabischen Welt - aufseiten der Muslimbrüder in Ägypten, der Aufständischen in Syrien und der Palästinenser im Nahostkonflikt.

Erdogans riskantes Syrien-Abenteuer

1923 gründete Mustafa Kemal Pascha die Republik Türkei, ein Jahr später wurde das osmanische Kalifat offiziell abgeschafft. Zum hundertsten Jubiläum dieser beiden Ereignisse will Erdogan nicht nur als türkischer Präsident mit weitreichenden Vollmachten regieren - er will auch an den verblichenen Glanz des Osmanischen Reichs anknüpfen, das einst von Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, große Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas regierte. Erdogans Anhänger träumen gar schon von einer Türkei in den Grenzen des Osmanischen Reichs von 1920.

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Doch dem Ziel, zur wichtigsten Regionalmacht zu werden, ist Erdogan in den vergangenen Jahren nicht nähergekommen, im Gegenteil: Sein wichtigster Verbündeter in der Region, Mohamed Morsi, wurde gestürzt. Die Beziehungen zu Ägypten, dem bevölkerungsreichsten arabischen Land, sind am Nullpunkt angelangt. 2013 wiesen beide Staaten ihre Botschafter gegenseitig aus. Wenig deutet darauf hin, dass sich daran auf absehbare Zeit etwas ändert.

In Syrien sieht die Lage aus Erdogans Sicht noch düsterer aus: Er war einer der ersten ausländischen Regierungschefs, die nach Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime 2011 den Sturz des Diktators forderten. Die Türkei nahm in der Folge Millionen Flüchtlinge aus Syrien auf, trug mit ihrer Unterstützung für islamistische Milizen aber zugleich dazu bei, dass der Krieg eskalierte und radikale Kräfte stärker wurden. Erdogans Ziel, die alawitische Assad-Dynastie in Damaskus zu stürzen und durch eine protürkische, sunnitische Regierung zu ersetzen, ist in weite Ferne gerückt.

Seit mehr als einem halben Jahr kämpfen türkische Truppen in Nordsyrien. Ziel ist es, die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) und die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) zurückzudrängen oder gar zu zerschlagen. Doch wie lange das dauert und an wen die Kontrolle des eroberten Gebiets anschließend übergeben werden soll, ist unklar. Ankara hat sich in Nordsyrien auf ein militärisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang eingelassen.

Der Kurs gegenüber Russland im Syrienkonflikt hat Erdogans Glaubwürdigkeit im Nahen Osten massiv geschadet. Erst machte Erdogan massiv Front gegen die russische Militärintervention aufseiten des Assad-Regimes, im November 2015 schoss die türkische Armee gar einen russischen Kampfjet ab.

Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan im Kreml
DPA

Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan im Kreml

Doch nun haben sich beide Seiten arrangiert: Erdogan sieht inzwischen tatenlos zu, wie russisches und syrisches Militär die von der Opposition gehaltenen Gebiete bombardiert. Als Ost-Aleppo fiel, kam die Türkei den Aufständischen nicht zur Hilfe. Ankara hält die Grenze zu Syrien für fast alle geschlossen, die 911 Kilometer lange Mauer entlang der Grenze ist schon zur Hälfte fertig. Bei ihrem jüngsten Treffen in Moskau klopften sich Erdogan und Wladimir Putin gegenseitig für ihre Zusammenarbeit in Syrien demonstrativ auf die Schulter.

Als Bittsteller bei den Golfmonarchen

In Ermangelung anderer Partner in der Region wendet sich die türkische Regierung verstärkt den Golfstaaten zu. Im Februar besuchte Erdogan Saudi-Arabien, Katar und Bahrain. Dort trat er jedoch weniger wie der Präsident einer Regionalmacht auf, sondern eher wie ein Bittsteller. Die Zahl der Auslandsinvestitionen in der Türkei ist 2016 um 42 Prozent gefallen, europäische Unternehmen beobachten den Kurs des Landes mit großem Argwohn. Erdogan setzt darauf, dass die wohlhabenden Golfstaaten diese Lücke füllen.

In knapp fünf Wochen stimmen die Türken in einem Referendum darüber ab, ob sie Staatschef Erdogan mit noch größeren Befugnissen ausstatten wollen. Das Gezerre um Wahlkampfauftritte türkischer Regierungsvertreter in Europa hat das Verhältnis zwischen Türkei und EU schon jetzt massiv beschädigt. Ein autoritär regierender Erdogan dürfte die Beziehungen nach dem 16. April noch weiter verschlechtern - mit negativen Folgen für die türkische Wirtschaft. Der starke Mann aus Ankara wird zukünftig wohl noch mehr auf Partner am Golf angewiesen sein.


Zusammengefasst: Recep Tayyip Erdogan will die Türkei zur führenden Regionalmacht im Nahen Osten machen. Doch derzeit sieht es nicht so aus, als würde ihm das gelingen. Mit Ägypten liegt er über Kreuz, in Syrien hat er seine Armee in eine Bodenoperation mit ungewissem Ende geführt. Und wirtschaftlich begibt er sich wegen der Spannungen mit der EU in Abhängigkeit von den Golfstaaten.

insgesamt 104 Beiträge
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toll_er 15.03.2017
1. Respekt
Ja, Herr Erdogan verscherzt es sich mit allen. Und das scheint ihn stark zu machen im eigenen Land. Es ist nicht hellseherisch, dass das Kartenhaus zusammenbrechen wird... Mit einem schreckliche. Erwachen für das türkische Volk. Das ist traurig, aber neunmal irgendwie doch selbstbestimmt. Aber: warum begibt sich der Spiegel auf die dümmlich verbale Ebene von Erdogan? Erdogan ist kein Sultan ! Mit solch flacher Witzigkeit spielt man ihm immer weiter in die Hände......
kabayashi 15.03.2017
2. Sultan?
Warum wird dieser Diktator nicht als das bezeichnt, was er ist? Schade, dass SPON hier nicht die gleichen markigen Bezeichnungen hinbekommt, wie es so grossmaulig bei Trump der Fall war...
james.n 15.03.2017
3. Zur führenden Regionalmacht ...
... im Nahen Osten verfügt die Türkei schlicht nicht über die dafür notwendige Wirtschaftskraft. Im Übrigen ist die Türkei, was Erdogan gern verschweigt, wirtschaftlich völlig abhängig von der EU. Kappt die europäische Gemeinschaft ihre Drähte zur Türkei, würde das schnell ein Fiasko für das Land am Bosporus bedeuten. Hinzu kommt, dass die Türkei mit Erdogan an der Spitze keine Persönlichkeit vorzeigt, die den Nahen Osten politisch zu führen in der Lage ist.
behemoth1 15.03.2017
4. Machtspiele
Alles dreht sich doch nur darum, die Macht in der Region neu umzuverteilen und dabei mischen viele andere auch mit. Wer ist nun Freund und Verbündeter und wer ist wessen Feind, ist das immer so eindeutig und ändert sich das denn nicht auch hin und wieder? Traurig ist nur, dass diese alles vernichten was sich die Menschen mühsam aufgebaut haben, aber daran kann man auch sehen, dass all die Anhänger doch nur Wahnsinnigen hinterherlaufen, sie überlegen nicht, das sie sich selbst damit antun. Warum brauchen wir immer einen Führer, einen der uns nur in unser Unglück stürzt, sind wir nicht in der Lage all das selbst einzuschätzen und unseren eigenen Weg zu suchen. Und Erdogan ist nicht der letzte Mann der so nach ganz oben kommen will, es hört nie auf, diese Leute kommen immer wieder erneut vorgekrochen und wir laufen ihnen hinterher. Kein Land, auch alle im Westen sind davon nicht gefeit, wir lassen uns immer wieder auf solche Typen ein.
Heigoto 15.03.2017
5. Guter Kommentar
Er listet deutlich auf, welche Nachteiel das Verhalten Erdogans hat. Er ist offensichtlich ein sehr schlechter Politiker, gefangen in seinem Wahm von der Auferstehung eines erneuten Großosmanischen Reiches. Den einzigen Trumph, den er hat in der Flüchtlingsfrage, übereizt er völlig. Zudem würde er erhebliche finazielle Nachteile in Kauf nehmen, falls er diesen Pakt aufkündigt. Die Türkei kann einem unter diesem Möchtegernsultan nur Leid tun.
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