Menschenrechtsverletzungen Uno wirft Türkei Verbrechen an Kurden vor

2000 Tote, bis zu 500.000 Flüchtlinge, ganze Stadtviertel zerstört: Die Uno beklagt massive Menschenrechtsverletzungen der türkischen Armee im Südosten des Landes. Die meisten Opfer seien Kurden.

Zerstörungen in Nusaybin
REUTERS

Zerstörungen in Nusaybin


Das türkische Militär hat seit Juli 2015 im Südosten des Landes schwere Menschenrechtsverletzungen begangen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht des Uno-Hochkommissariats für Menschenrechte, der am Freitag in Genf vorgestellt wurde.

Mehr als 30 Städte und Viertel seien von den Militäroperationen betroffen. Zwischen 335.000 und 500.000 Menschen wurden demnach vertrieben. Die meisten von ihnen sind Kurden.

Allein in der Stadt Nusaybin an der türkisch-syrischen Grenze seien fast 1800 Häuser beschädigt oder zerstört worden. In Sur, einem Stadtteil von Diyarbakir, habe die türkische Armee 70 Prozent der Gebäude systematisch beschossen und zerstört. Ganze Häuserblöcke seien dem Erdboden gleichgemacht worden.

Laut Erkenntnissen der Uno gingen die Zerstörungen ziviler Infrastruktur sogar noch weiter, nachdem die Sicherheitsoperationen offiziell für beendet erklärt worden waren.

Bei dem Militäreinsatz wurden demnach rund 2000 Menschen getötet, unter ihnen 800 Angehörige der Sicherheitskräfte und 1200 Zivilisten.

Da dem Hochkommissariat von der Türkei nach Uno-Angaben nicht erlaubt wurde, Vertreter in die Region zu schicken, erstellte es den Bericht auf der Basis von Satellitenaufnahmen zerstörter Ortschaften, Interviews von Opfern und Augenzeugen sowie Angaben von Nichtregierungsorganisationen.

Der Südosten der Türkei wird seit dem Scheitern der Waffenruhe im Sommer 2015 regelmäßig von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kämpfern der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und türkischen Sicherheitskräften erschüttert.

Seit der Niederschlagung des Militärputsches vom 15. Juli 2016 hat sich die Lage auch im Südosten der Türkei weiter verschärft. So seien seither 10.000 Lehrer wegen angeblicher PKK-Verbindungen entlassen worden. Zudem beklagt die Uno, dass die Regierung von Staatschef Recep Tayyip Erdogan demokratisch gewählte Politiker von ihren Posten enthob.

Der Hohe Kommissar für Menschenrechte warf der Türkei vor, dass die Verantwortlichen für die Verbrechen straffrei davonkämen. "Ich bin besorgt über Berichte, dass die Hinweise auf außergerichtliche Tötungen, besonders von Frauen und Kindern, in den 13 Monaten zwischen Juli 2015 und August 2016 nicht glaubhaft untersucht wurde", sagte Zeid Raad Al Hussein bei der Vorstellung des Uno-Berichts in Genf. "Es sieht so aus, als sei kein einziger Verdächtiger festgenommen oder angeklagt worden."

syd/AFP/dpa



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