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Rechtes Erfolgsblatt: Casino-Tycoon mischt Israels Zeitungsmarkt auf

Von Dominik Peters

Bunt, umsonst und sehr rechts: Die Gratiszeitung "Israel Hajom" hat es binnen drei Jahren zum Marktführer gebracht. Opposition und Medienbranche zürnen - denn Finanzier des Blattes ist ein US-Multimilliardär mit engen Beziehungen zu Ministerpräsident Netanjahu.

Gratiszeitung "Israel Hajom": Aufsteigerblatt vom Casinokönig Fotos
REUTERS

Berlin - Sie ist überall. Jeden Morgen. Egal, ob in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa: die hebräische Tageszeitung "Israel Hajom" (zu deutsch: "Israel heute")

Das stramm rechte Blatt wurde vor drei Jahren gegründet und hat den hart umkämpften israelischen Zeitungsmarkt seither stark verändert. Finanziert wird die Zeitung vom jüdisch-amerikanischen Multimilliardär Sheldon Adelson. Seine simple Strategie: "Israel Hajom" kostet keinen einzigen Schekel.

Das Blatt hat eine Auflage von 255.000 Exemplaren. Nun ist es zur reichweitenstärksten Zeitung des Landes avanciert, wenn auch nur mit einem sehr schmalen Vorsprung von 0,3 Prozent beim Leseranteil. Dass die bis dahin meistgelesene "Jediot Acharonot", jahrzehntelanger Branchenführer, damit ins Hintertreffen geriet, ist nicht der einzige Aufreger rund um die Gratiszeitung.

Denn das Blatt steht seit der ersten Ausgabe in der Kritik. Viele israelische Journalisten werfen Adelson vor, er habe seiner Redaktion eine regierungsfreundliche Berichterstattung verordnet. Jüngstes Beispiel: Als vor wenigen Wochen sechs israelische Soldaten bei einer Militärübung in Rumänien ums Leben kamen, wurde Ministerpräsident Benjamin "Bibi" Netanjahu von den Medien heftig attackiert, weil er angeblich den 19. Geburtstag eines seiner Söhne weiterfeierte und sich nicht sofort um den Fall kümmerte. "Israel Hajom"-Leser erfuhren nichts von der Kritik, nur die anteilnehmenden Worte Netanjahus wurden gedruckt. Auch als die Mitglieder der Likud-Partei im Sommer 2007 über ihren Parteivorsitz abstimmten, stand "Israel Hajom" hinter Netanjahu, forderte die Parteibasis dazu auf, wählen zu gehen und warb offen für seinen Sieg.

Uri Benziman, Medienexperte des Israel Democracy Institute, moniert in einem Interview mit dem englischen "Independent" die Parteilichkeit des Gratisblattes: "Wenn man verfolgt, wie sie ihre Zeitung aufmachen, wann sie Pro-Netanjahu sind und wann sie Informationen über ihn verheimlichen, dann erkennt man schnell, dass die Zeitung parteilich ist", sagte Benziman.

Kampfansage an die Konkurrenz

Bei der Gratiszeitung, die auch online als E-Paper kostenfrei zu lesen ist, wehrt man sich gegen die Kritik. Chefredakteur Amos Regev schrieb bereits in seinem Leitartikel in der ersten Ausgabe im Juli 2007, dass man für einen "fairen und ausgeglichenen Journalismus" stehe. Die Zeilen waren nicht nur Selbstverpflichtung, sondern auch Kampfansage: Den Lesern stehe "ein besserer Journalismus, ein anderer Journalismus" zu, schrieb Regev.

Die drei großen kostenpflichtigen hebräischen Tageszeitungen - "Haaretz", "Maariv" und "Jediot Acharonot" - betrachteten das neue Blatt daher als Bedrohung. Die engen und langjährigen Verbindungen zwischen dem Eigner Sheldon Adelson und dem heutigen Ministerpräsidenten Benjamin "Bibi" Netanjahu sorgten für Spott und Empörung. Die liberale "Haaretz" konstatierte, den Lesern gegenüber wäre es nur fair, wenn die Zeitung ihren Namen in "Netanjahu Hajom" oder "Bibi-Zeitung" umbenennen würde.

Und auch bei der "Maariv" reagierte man äußerst gereizt auf den neuen Konkurrenten - schließlich hatte Adelson vorher vergeblich versucht, das Blatt aufzukaufen. Und so konterte Ammon Dankner, damals noch Chefredakteur der "Maariv", die Kampfansage seines Kollegen mit einem bissigen Kommentar.

Es sei äußerst bedenklich, wenn der reichste Jude der Welt, der keinen israelischen Pass hat, dennoch in der Innenpolitik des Landes mitmischen wolle, schrieb Dankner. "Wenn eine Gratiszeitung, die einen unbändigen Willen zur Einflussnahme besitzt und von einer nie leerwerdenden Tasche unterstützt wird" mit Benjamin Netanjahu zusammenarbeite, "dessen nachrichtenmacherisches Ideal Fox News ist", dürfe das nicht nur den großen Tageszeitungen Sorgen bereiten, so Dankner.

Das war 2007. Heute, drei Jahre später, ist "Israel Hajom" ein Politikum. Linke und liberale Politiker sehen in der Gratiszeitung nicht nur ein Sprachrohr der Netanjahu-Regierung, sondern wähnen die Pressefreiheit in Gefahr.

Im vergangenen Dezember hatten einige Abgeordnete deshalb versucht, eine Gesetzesvorlage in der Knesset durchzubringen, die Ausländern verboten hätte, Zeitungen zu besitzen. Ein weiterer Entwurf beinhaltete ein Verbot des langjährigen Vertriebs kostenloser Zeitungen. Doch die Parlamentarier hatten keinen Erfolg. Adelson hatte gewonnen. Wie immer in seinem Leben.

Schillernder Casinokönig und machthungriger Milliardär

Der heute 77-Jährige wuchs als Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa in ärmlichen Verhältnissen in Boston auf und verdiente sich als Teenager ein paar Cents als Zeitungsjunge. Später kamen viele Dollars hinzu, als er als Kreditvermittler, Anlage- und Finanzberater arbeitete. In Las Vegas baute er die Computermesse Comdex auf, die rasch zu einem Besuchermagneten wurde, investierte dann in ein Casinohotel in Las Vegas und ein Kongresszentrum. Später kamen Casinohotels in Macau und Singapur hinzu. Das Magazin "Forbes" schätzt das Vermögen des Geschäftsmanns auf neun Milliarden Dollar.

Mit dem Geld unterstützt der Vater von fünf Kindern Projekte für und in Israel. Im Jahr 2006 gab er zusammen mit seiner israelischen Frau allein 25 Millionen für das Holocaust-Museum Jad Vaschem in Jerusalem. Geld gibt er auch seit Jahren für zionistische und konservative Gruppierungen in Israel und den USA. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bekam für seinen zweiten Wahlkampf Spendendollars von Adelson. In Israel unterstützt er einen rechten Think Tank.

Auch Benjamin Netanjahu profitierte von Adelsons Geld. Als der Likud-Politiker 1996 gegen Schimon Peres in den Wahlkampf um das Amt des Ministerpräsidenten zog, wurde er maßgeblich von Adelson unterstützt. Netanjahu gewann die Wahl.

Adelson hatte natürlich auch geschäftliche Interessen. Im Taucherparadies Eilat und auf einer Insel im Jordan wollte er Casinos eröffnen, obwohl in Israel und Jordanien Glücksspiel verboten ist. Sein Freund Netanjahu vermittelte dem Geschäftsmann laut US-Magazin "New Yorker" die Kontakte zum israelischen Botschafter in Jordanien und wies diesen an, Adelson ein Gespräch mit dem Herrscher des haschemitischen Königreichs zu vermitteln. Zwar scheiterte der Versuch, ein "Vegas with Water" zu gründen. Aber der engen Beziehung zwischen dem US-Milliardär Adelson und dem Spitzenpolitiker Netanjahu, der selbst jahrelang in Übersee gelebt hatte, schadete das nicht.

Ironie der Geschichte

Trotz der offenkundigen Freundschaft weist Adelson die Kritik an "Israel Hajom" zurück. "Ich habe die Zeitung gegründet, um den Israelis eine faire und ausgewogene Berichterstattung zu bieten. Das ist alles", sagte er der "Jewish Telegraph Agency". Der Milliardär dürfte sich nun auch darüber freuen, dass "Israel Hajom" nach nur drei Jahren zu einem durchschlagenden Erfolg geworden ist.

"Wir haben keine Idee, wie wir damit umgehen sollen", schreibt Ben-Dror Yemini, Kommentator der "Maariv". Und auch bei der 1939 gegründeten "Jediot Acharonot" ist man ratlos. Ausgerechnet dort, bei der "Zeitung der Nation", wie man jahrzehntelang geworben hatte. Die Ironie der Geschichte: Das Massenblatt begann seinen Siegeszug durch ähnliche Initiativen wie "Israel Hajom". Während des Sechs-Tage-Krieges 1967 etwa versorgte man die israelischen Soldaten mit kostenloser Lektüre.

Außerdem setzte "Jediot Acharonot" auf bunte und boulevardeske Themen und war die erste Zeitung, die gezielt begabte Journalisten zu sich holte und mit hohen Gehältern an sich band. Der damalige Branchenführer "Maariv" - der bis dato doppelt so viele Leser hatte wie alle anderen Zeitungen zusammen - hatte in der Folge das Nachsehen.

Nun ist die "Jedioth Acharonot" selbst nicht mehr Branchenprimus. Das Massenblatt hat zwar weiterhin eine treue Leserschaft, aber sie ist nicht überall. Jeden Morgen. Das ist nun die "Israel Hajom", egal ob in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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1. Privatmedien und private Meinungsmache
skepti 19.08.2010
Der Artikel ist zwar ganz interessant, weil er die Situation in Israel beschreibt - prinzipiell sagt er aber nicht neues. Privatmedien sind - auch in unserer Gesellschaft - dem Willen der Eigentuemer unterworfen. Ob dieser einen ordentlichen Profit machen moechte oder seine eigene Meinung verbreiten, ist ganz ihm ueberlassen. Durch die gleichen Prozesse, wie in anderen Teilen der Wirtschaft, ist mit der Zeit aus vielen kleinen Zeitungen eine kleine Gruppe von riesigen Medienkonzernen geworden (z.B. TimeWarner, NewsCorp, Bertelsmann, Springer und wenige andere). Diese Konzerne werden nunmal von einer kleinen Gruppe von Multimillardaeren kontrolliert.
2. Der Spiegel ist und bleibt der Spiegel! Mit der
atherom 19.08.2010
passenden Leserschaft. Ich denke nicht, dass sich eine deutsche/eine europäische Zeitschrift über die israelische Presselandschaft mokieren sollte. Es stimmt, die Zeitungen in Israel sind nicht gleichgeschaltet, aber sollte das nicht so sein? Sie nennen Haaretz "liberal", Manche nennen es "Die israelische Prawda". So, oder so: in Israel wird kein Blatt vor den Mund genommen. Hier, im Spiegel, darf ein Leser etwas über "Verquickung des Welt-Judentums" und die "Knechtung des gesamten arabischen Raumes" schreiben und dieser Kommentar wird einfach von der Redaktion akzeptiert. In Israel bleibt kein Thema tabu, auch die unangenehmen Themen nicht. In Deutschland verschweigt man z.B. einfach die Behandlung der Palästinenser in Libanon und derer letzte Entwicklung und da wäre die Bezeichnung Knechtung noch sehr zurückhaltend. Versuchen Sie im Spiegel zum Beispiel einen Roland Koch-kritischen Artikel zu finden, oder einen Artikel über die Affäre um eine mit ihm verflochtene Richterin Wolski. Nein, nein: auch mit "Israel haolam" bietet die israelische Presselandschaft eine Vielfalt, von Europa nur träumen könnte. Deutschland zuallererst. Und der Spiegel sowieso!
3. Pressefreiheit
liberator_ 19.08.2010
Den etablierten Medien haben Konkurrenz bekommen, die es wagt andere Meinungen zu vertreten. Offensichtlich gab es hierfür Raum. Wenn man den "Gegner" nicht inhaltlich schlagen kann liegt als nächster Schritt die öffentliche Verunglimpfung nahe. Gefolgt von Verbotsversuchen. Keine schönen Zeichen für die Presse- und Meinungsfreiheit. Kommt mir aber irgendwie bekannt vor aus Mitteleuropa.
4. An den Rändern stirbt die Wahrheit als erstes
vindex_sine_nomine 19.08.2010
Wenn eine Zeitung, ein Blog oder ein anderes Medium damit wirbt, daß es nun endlich das Volk mit der Wahrheit, dem besseren Journalismus oder auch nur weniger Lügen versorgt, muß man aufpassen. Jemand, der es ehrlich meint, klebt sich das Prädikat "Ehrlich" nicht auf die Stirn oder macht damit Werbung. Aber Medien an den Rändern sind nun einmal so, große Sprüche, daß nun endlich die Wahrheit kommt, und dann gibt es doch nur wieder jede Menge Desinformation und Märchen. Wobei es allerdings interessant wäre zu erfahren, ob die Zeitung auch überhaupt jemand liest und wie stark die Leser an den Wahrheitsgehalt der Zeitung glauben. Es kann ja auch sein, daß die Leute die kostenlose Zeitung als billiges Papier zum Zündeln, Einwickeln und co sehen und nicht als Informationsmaterial. Allerdings kommt die rechte bis rechtsextreme Regierung Israels ja auch nicht von ungefähr.
5. Kampf gegen rechts!
trendy_randy 19.08.2010
Das geht natürlich nicht. Da wird mit einem angeblichen rechtem Blatt die Konkurrenz aufgerollt? Die sich übervorteilt fühlenden Journalisten können auch hier vob Deutschland lernen. Hier gibt´s eine linke Kampftruppe - pardon Aufklärungstruppe - die Kioskbesitzer und/oder Zeitungsboten entsprechend belehrt, der eigenen Meinung entgegen stehende Printmedien aus deren Verteiler zu nehmen.
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