Von Keno Verseck
Mitgeholfen hatte bei der Organisation der gewaltsamen Proteste die einige Monate zuvor gegründete Web-Seite kuruc.info, seit damals die zentrale und meistbesuchte Plattform ungarischer Rechtsextremer. Die Seite verbreitet extrem aggressive antisemitische, antiziganistische, chauvinistische und homophobe Inhalte und organisiert periodisch regelrechte Hetzjagden auf Personen, bevorzugt unter der Rubrik "Sammelplatz für genetischen Müll", manchmal mit furchtbaren Folgen: Im Dezember 2007 beispielsweise wurde der ehemalige sozialistische Politiker Sándor Csintalan überfallen und schwer misshandelt. Die Kuruc-Seite hatte zuvor monatelang eine Kampagne gegen die "jüdische Ratte" geführt. Die mutmaßlichen Akteure des Überfalls, darunter der ungarische Neonazi-Führer György Budaházy, wurden 2009 verhaftet, derzeit läuft gegen sie ein Prozess wegen terroristischer Straftaten.
Schon seit Jahren versucht die ungarische Justiz auch, die in den USA registrierte Kuruc-Seite abzuschalten und ihrer mutmaßlichen Redakteure habhaft zu werden - bisher vergeblich. Als einer der Redakteure gilt Gerüchten zufolge der Jobbik-Vizechef Elöd Novák, doch der bestreitet das natürlich. "Wenn ich das zugeben würde, käme ich ja ins Gefängnis", amüsiert sich Novák über die Nachfrage. "Aber es stimmt, ich pflege gute Beziehungen zur Redaktion", bekennt er dann ungeniert, "manchmal schicke ich ihnen per Mobiltelefon Material direkt aus Parlamentssitzungen heraus."
Links und Anzeigen zu "nationalen" Läden und Firmen
Vielbesuchte Seiten wie kuruc.info dienen auch als Knotenpunkte des rechtsextremen ungarischen Netzwerks im Web. Von hier aus gelangt man über Links zu anderen rechtsextremen Portalen, zur Jobbik-Partei oder zu lokalen rechtsextremen Organisationen, zum Webradio szentkoronaradio.com oder zu "national empfindenden" Folklore- oder Rockgruppen, die ihrerseits aufeinander hin- und rückverweisen. Aber nicht nur das. Ob Nahrungsmittel oder Getränke, Textilien oder Möbel, Reisen, Rechtsschutz oder Vermögensberatung - für fast alle Bereiche des Alltagslebens gibt es Links und Anzeigen, die zu entsprechenden "nationalen" Läden und Firmen führen. Selbst "national-christliche Partnersuche" oder Online-Bestellungen beim "Nationaltaxi" sind möglich.
Der Politologe József Jeskó bezeichnet dieses rechtsextreme Netzwerk als "nahezu völlig in sich abgeschlossenes virtuelles System", das seinen Nutzern eine "unglaublich starke Identität und ein umfassendes Weltbild gibt, eine ganz eigene Lebensweise, in die sich mit Mitteln oder Informationen von außen nur sehr schwer eindringen lässt". Für die Jobbik-Partei, so Jeskó, bedeute dieses Netzwerk ein "riesiges informelles Kapital", über das sie "ihren Wählern gratis ein illustriertes Weltbild liefern" und Meinungen formen könne. "Über die herkömmlichen Medien hätte die Partei das nicht einmal ansatzweise erreicht."
"Sehr jung, sehr ungarisch, sehr übellaunig"
Das Netzwerk ist für die Jobbik-Rechtsextremen umso wertvoller, als seine Nutzer nicht die Armen und Hässlichen Ungarns sind. Ursprünglich nahmen viele Politologen an, Jobbik sei eine Partei der "Verlierer". Doch neue Studien ergeben ein anderes Bild: Der typische Jobbik-Wähler ist männlich, unter 35, selten arbeitslos und hat einen Fach- oder Hochschulabschluss. Anfang dieser Woche legten der britische Think Tank Demos und das Budapester Institut Political Capital eine entsprechende Untersuchung vor, die auf der Befragung von 2200 Facebook-Fans von Jobbik beruht. Ihr Vertrauen in demokratische Institutionen ist minimal, die Akzeptanz von Gewalt als Mittel zum Zweck hoch. Der Internetdienst index.hu, Ungarn meistgelesenes Nachrichtenportal, fasste das Durchschnittsprofil des Jobbik-Wählers so zusammen: "Sehr jung, sehr ungarisch, sehr übellaunig."
Für den Politologen Áron Buzogány zeigt sich darin die Konsequenz einer tragischen Fehlentwicklung in Ungarn: "Das Land ist seit langem politisch außerordentlich tief in Links und Rechts gespalten, und das wird immer mehr zu einem großen gesellschaftlichen Problem. Eine ganze Schicht junger Leute ist im Kontext dieser Spaltung aufgewachsen und hat nun eine Heimat in einem rechtsextremen Mikrokosmos gefunden."
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