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Rechtsextreme in den USA: Achse der Besessenen

Von und , New York und Washington

Sie bedrohen Politiker, planen Anschläge auf Polizisten: Rechte "Milizen" sind ein wachsendes, latentes Risiko für die innere Sicherheit der USA. Inspiration finden sie bei Verschwörungstheoretikern - aber inzwischen auch bei radikalen Anhängern der Tea-Party-Bewegung und dem TV-Sender Fox News.

US-Militia-Mitglieder in Brighton, Michigan: "Wütend, gekränkt und voller Angst" Zur Großansicht
Reuters

US-Militia-Mitglieder in Brighton, Michigan: "Wütend, gekränkt und voller Angst"

Jerry Kane verstand sich als Einzelkämpfer gegen den Staat. Er weigerte sich, Steuern zu zahlen, setzte sich ohne Führerschein ins Auto und hielt "Seminare" darüber ab, wie sich "souveräne" Bürger dem Einfluss von Politik und Wirtschaft entziehen könnten. Nach einer Verkehrskontrolle beklagte er sich in einem Radio-Interview über den "Nazi-Checkpoint". Er drohte, er werde "das Monster umbringen".

In der vergangenen Woche machte der 45-Jährige seine Drohung wahr. Er war mit seinem Sohn Joe, 16, im US-Bundesstaat Arkansas unterwegs, als ihn erneut zwei Polizisten anhielten. Diesmal griff Kane zu seinem AK-47-Sturmgewehr und erschoss beide. Bei einem anschließenden Feuergefecht auf dem Parkplatz eines Wal-Mart-Supermarkts kamen Vater und Sohn ums Leben, zwei weitere Cops wurden verletzt. Schon erhebt die rechte Szene Kane zum Märtyrer. "Jerry und Joe wurden von den Strafvollzugsbehörden massakriert", heißt es auf einer privaten Gedenk-Website für Kane und seinen Sohn im Internet.

War Jerry Kane nur ein Sonderling - oder steht er für eine neue Welle regierungsfeindlicher Gewalt in den USA?

Jedenfalls war er nicht der Erste, für den seine Parolen in Gewalt endeten.

In den vergangenen Wochen mehrten sich die Fälle. Im März verhaftete das FBI neun Mitglieder einer Militia in Michigan, die Mordanschläge auf Polizisten, Sheriffs und andere Rechtshüter geplant haben sollen. Kurz zuvor wurde John Bedell, ein weiterer Fan regierungsfeindlicher Ideologien, bei einer Schießerei am Pentagon getötet. Im Februar jagte der Texaner Andrew Stack mit einem Sportflugzeug ins Gebäude der Steuerbehörde IRS in Austin; ein Beamter und er selbst kamen um. Auch Stack hinterließ eine Litanei an Beschwerden gegen den Staat.

"Eine der bedeutsamsten Rechtspopulisten-Rebellionen"

Experten sehen darin einen Besorgnis erregenden Trend. Die Watchdog-Gruppe SPLC berichtet, dass regierungsfeindliche Militias und andere Organisationen "nach Jahren außerhalb des Rampenlichts wieder voll zurückgekehrt sind".

Die Zahl der "hate groups" ist demnach mit der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten und während der parallelen Rezession stark angestiegen. Allein im vorigen Jahr seien 363 neue Gruppen hinzugekommen - ein Plus von 244 Prozent. "Wir befinden uns mitten in einer der bedeutsamsten Rechtspopulisten-Rebellionen in der Geschichte der USA", schreibt der Extremisten-Analyst Chip Berlet. "Ringsum sehen wir sich überschneidende soziale und politische Bewegungen von Leuten, die wütend, gekränkt und voller Angst sind."

Einer dieser "Extremisten von nebenan", wie Militia-Expertin Eileen Pollack von der University of Michigan sie nennt, war eben auch Jerry Kane. SPLC-Experte Mark Potok sieht klare Parallelen zwischen Kanes Motiven und der berüchtigten "Patriot"-Bewegung. "Sie sehen die Regierung generell als das Böse an", schreibt Potok auf seinem "Extremisten-Blog".

Solche Anti-Washington-Polemik schwappt neuerdings überall durch die USA - aus ganz legitimen Quellen. Das begann im Talkradio, erreichte dank TV-Sendern wie Fox News die Massen und wurde mittlerweile von Polit-Populisten und der Tea-Party-Bewegung hoffähig gemacht, die neulich bei mehreren Kongress-Vorwahlen Siege verbuchen konnten.

"Achse der Besessenen und Gestörten"

Die politischen Weltuntergangsszenarien der Militias sind wieder en vogue. John Boehner, der Republikaner-Chef im Repräsentantenhaus, nannte die Gesundheitsreform "Armageddon". Fox-News-Chefprediger Glenn Beck und Radio-Polemiker Rush Limbaugh beschwören die rechte Paranoia täglich.

Ihr Mantra: Die Regierung wolle den Bürgern die Freiheit rauben. Das sind die gleichen Verschwörungstheorien, die auch wirre Killer wie Kane, Bedell und Stack motivierten. Die Linie zwischen Polemikern, Sympathisanten und Tätern verwischt schnell. Frank Rich, Kolumnist der "New York Times", nennt das "die Achse der Besessenen und Gestörten".

So fand der republikanische Abgeordnete Steve King durchaus Verständnis für Stacks Anschlag aufs Steueramt IRS: "Es ist traurig, dass das in Texas passiert ist, aber andererseits ist das eine Behörde, die unnötig ist. Und wenn wir das IRS eines Tages abgeschafft haben, dann wird es ein glücklicher Tag für Amerika sein."

Einer der Tea-Party-Kandidaten, die gerade für Furore sorgen, ist Rand Paul, der die republikanischen Senatsvorwahlen in Kentucky gewonnen hat. Dessen Website strotzt vor Anti-Washington-Propaganda. Paul ist der Sohn des Republikaners Ron Paul, der sich wiederum gerne, wie das "Wall Street Journal" schreibt, mit "Verschwörungstheoretikern, regierungsfeindlichen Eiferern und allerlei anderen Kadern Geistesgestörter" umgibt. Bis vor kurzem verlinkte Ron Pauls Website auch zur Website des Cop-Killers Kane. Der Link verschwand nach der Schießerei aber schnell.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 312 Beiträge
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1. Re
dent42 27.05.2010
Deshalb sind die Konservativen so schlecht im regieren, wie soll jemand eine Staat führen und an der Spitze eines Systems stehen, das er eigentlich ablehnt. Ansonsten ist es natürlich reine bigotterie und plumper Rassismus gemischt mit, sagen wir, suboptimaler Bildung und Affinität zu rechter Propaganda a la Beck und Limbaugh, die zu solchem Verhalten führen.
2. Primaten!
blue_plasma, 27.05.2010
Ist schon abstossend wie dumm, ignorant und aggressiv ein Teil des Volkes ist, das angeblich ach soooooo demokratisch ist. Das Gleiche lässt sich aber auch auf die radikalen Christen in den USA übertragen, die ja auch gern mal einen Arzt hopps gehen lassen weil er für die Abtreibung ist. Was mich aber immer erschreckt ist dieser Unterton, der tiefsten Überzeugung von der Richtigkeit dessen was sie tun. Westliche Taliban, oder darf man das nicht sagen?
3. Erkennen und Umgang sind zwei Paar Stiefel
hoernsche 27.05.2010
Zitat von dent42Deshalb sind die Konservativen so schlecht im regieren, wie soll jemand eine Staat führen und an der Spitze eines Systems stehen, das er eigentlich ablehnt. Ansonsten ist es natürlich reine bigotterie und plumper Rassismus gemischt mit, sagen wir, suboptimaler Bildung und Affinität zu rechter Propaganda a la Beck und Limbaugh, die zu solchem Verhalten führen.
...frage mich nur, was sich ändern/bessern soll, wenn Sie dem Ganzen mit hochnäsiger Verachtung begegnen. Nichts anderes, als das, was Sie denen vorwerfen, entnehme ich nämlich Ihren Zeilen.
4. white trash
blowup 27.05.2010
gibts dafür nicht den treffenden Begriff "white trash"? Wenn ich mir den Fetten auf dem Foto ansehe...
5. Rechercheauftrag!
oooO_Oooo 27.05.2010
"Fox-News-Chefprediger Glenn Beck und Radio-Polemiker Rush Limbaugh beschwören die rechte Paranoia täglich." Das ist noch sowas von untertrieben. FOX-"News" ist ein Hass- und Angstmach-Kanal der Ultra-Rechten. Murdoch treibt hier ein ganz böses Spiel und hat in den USA v.a. durch diesen Sender so viel Einfluß wie kein Nicht-Gewählter das haben sollte. Der einzige Lichtblick im Murdoch-Hass-Kreuzzug: Jon Stewart mit seiner Daily Show auf comedycentral.com (kostenlos!), die die Lächerlichkeit und Substanzlosigkeit der Hetztiraden an den Tag bringt. Rechercheauftrag? SPIEGEL - was bewegt Murdoch? Was will er? Weiß die US-Bevölkerung, dass er da sein Spielchen treibt? Wieviele nehmen seine Hass-Show für bare Münze? Wer stemmt sich dagegen? Oder kommt er durch mit seinen Lügen und der Panikmache? So ein Beitrag wäre sowas von lesenswert... In 5 Minuten Recherche werdet Ihr so viele abstruse Beispiele von "News" bei einem der reichweitenstärksten Sender der USA finden, dass Ihr ungläubig mit dem Kopf schütteln werdet. Und die Leser auch. Versprochen.
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