Rechtsrock Zahl der Neonazi-Konzerte in Sachsen und Thüringen konstant hoch

2017 organisierte die rechtsextreme Szene bundesweit so viele Neonazi-Konzerte wie seit Langem nicht - neuesten Zahlen zufolge setzt sich dieser Trend fort. Durch die Events rekrutiert die rechte Szene neue Anhänger.

Neonazis in Thüringen
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Neonazis in Thüringen

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Lange sah es so aus, als ob Blaukehlchen, Bekassine und Schlagschwirl das Neonazi-Treffen im thüringischen Themar verhindern könnten. Diese Vogelarten gelten als geschützt, und sie brüten nahe jener Wiese, auf der in diesem Jahr erneut ein großes Rechtsrock-Konzert stattfinden sollte. Doch nun hat ein Verwaltungsgericht das Verbot des Landkreises kassiert. Es sieht keinen Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz.

Am Wochenende droht der Kleinstadt im Süden Thüringens damit erneut der Ausnahmezustand - im vergangenen Jahr feierten dort mehr als 6000 Neonazis.

Themar steht für einen Trend: Die rechtsextreme Szene organisiert so viele Musikveranstaltungen wie lange nicht. Diese Entwicklung setzt sich auch in diesem Jahr fort. Das zeigt eine Antwort des Bundesinnenministeriums (BMI) auf Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken, die dem SPIEGEL vorliegt.

Von Januar bis März 2018 zählte das Innenministerium bereits 71 rechte Musikveranstaltungen: Darunter fallen 18 Konzerte, 27 Liederabende und 26 sonstige Musikveranstaltungen. Die Zahlen bewegen sich auf einem hohen Niveau und unterscheiden sich von den ersten drei Monaten des Vorjahres kaum. Damals registrierten die Behörden 69 Musiktreffen dieser Art.

Setzt sich der Trend des ersten Quartals fort, könnte 2018 einen neuen Rechtsrock-Rekord markieren. Bisher stellte das vergangene Jahr den negativen Höhepunkt dar: 296 rechtsextreme Musikveranstaltungen zählten die Behörden 2017 - ähnlich hoch war die Zahl zuletzt im Jahr 2005 mit 292 Konzerten und Liederabenden.



Wo die bisherigen Konzerte 2018 genau stattfanden, geht aus der Regierungsantwort nur für etwa die Hälfte der Veranstaltungen hervor. Das Ministerium informiert nur über Musiktreffen, die von der Szene öffentlich angekündigt wurden. Solche, über die die Behörden "vertrauliche Informationen" erlangt haben, also etwa über Zuträger des Verfassungsschutzes, werden nicht örtlich zugeordnet.

Die Zahlen zeigen aber dennoch deutlich, in welchen Bundesländern die Szene besonders aktiv ist. Die meisten rechten Musikevents gab es in den ersten Monaten erneut in Sachsen und Thüringen. Die beiden Länder waren bereits im vergangenen Jahr die Hotspots der Szene.

Die Musik ist elementar für die Rechtsextremen: Verbindungen werden geknüpft, neue Anhänger geworben, und Einnahmen generiert. Hinter den größeren Treffs stecken meist bekannte Köpfe, etwa Tommy Frenck im thüringischen Themar oder NPD-Bundesvize Thorsten Heise, der das rechte Festival "Schild und Schwert" im sächsischen Ostritz organisierte.

Die NPD ist in keinem Landesparlament mehr vertreten und dadurch chronisch klamm. Das Event in Ostritz galt auch als Versuch der Partei, wieder in der Neonazi-Szene Fuß zu fassen. Etwa 1200 Besucher zählten die Sicherheitsbehörden.

Insgesamt haben laut BMI gut 4000 Neonazis in den ersten drei Monaten des Jahres die 71 Musikveranstaltungen besucht. Auch dieser Wert hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert.

"Konzerte als Rekrutierungsmittel der Nazi-Szene haben ungebrochenen Zulauf, das belegen die aktuellen Zahlen auf meine Anfrage", sagt Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag. Sie erwarte, dass die Zahlen auch im zweiten Quartal deutlich steigen werden.

Jelpke vermisst eine klare Reaktion der Politik: "Bis heute kann ich leider nicht erkennen, dass es zu einem koordinierten Vorgehen von Bund und Ländern kommt, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten."

Video: Eine Geschichte rechter Musik - "Deutsche Pop Zustände"



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