Rechtsextremisten in Ungarn: "Kommt raus, Zigeuner, heute werdet ihr sterben!"

Aus Gyöngyöspata berichtet

Sie drohen, prügeln, verbreiten Hasstiraden: Rechtsradikale Milizen jagen Roma in einem ungarischen Dorf Angst und Schrecken ein. Der Ort Gyöngyöspata ist Symbol für gescheiterte Minderheiten-Politik geworden. Jetzt patrouilliert die Polizei - aber die Opfer fürchten neuen Terror.

Roma in Ungarn: Angst vor Rechtsextremisten Fotos
AP

Gyöngyöspata - Ein Haufen Reis klebt noch auf dem Teller, der auf dem dunkelbraunen Esstisch steht, die Sauce ist angetrocknet. Zum Spülen war keine Zeit mehr, hier wollte jemand einfach nur schnell weg. Die Tür zu der Wohnung in Gyöngyöspata, rund 80 Kilometer nordöstlich von Ungarns Hauptstadt Budapest, steht weit offen. Normalerweise lebt hier eine Roma-Familie, sie hat vor Tagen das Weite gesucht.

Gyöngyöspata, der Name liest sich wie aus einem Schauspiel der Augsburger Puppenkiste. Djöndjöschpata wird er ausgesprochen. Aber märchenhaft ist das Leben in dem 2800-Einwohner-Dorf nicht, um das zu erkennen, muss man nur Gyözö Bada anschauen. Sein rechtes Auge ist rot und geschwollen, auf der Wange hat er eine zentimeterlange Wunde. "Kommt nur raus ihr Zigeuner, heute Abend werdet ihr sterben" - an diese Drohung rechtsextremer Milizionäre erinnert sich der 13-jährige Roma-Junge noch, irgendwann war er bewusstlos. Er kann immer noch nicht wieder richtig sehen, bald muss er wieder zum Augenarzt.

Mit Steinen und Knüppeln sollen die Männer am vergangenen Dienstag plötzlich vor einem Roma-Haus in dem Dorf aufgelaufen sein. Ungarische Zeitungen berichten, nach der Attacke auf Gyözö Bada sei die Situation eskaliert. Es folgten heftige Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremisten und den Roma, von mehreren Verletzten ist die Rede. Manche der rund 450 Roma in Gyöngyöspata haben ihren Heimatort verlassen und sind bei Freunden oder Verwandten untergekommen.

Die Version der Rechtsextremisten geht so: Es seien die Roma gewesen, die seine Männer angegriffen hätten, sagt Támas Eszes, Anführer der "Vederö", was so viel wie Schutzmacht bedeutet.

Rechtsradikale Milizen in Uniform

Sicher ist, dass rechtsradikale und paramilitärische Gruppierungen immer wieder in das Dorf kamen, um die Roma einzuschüchtern. Bereits am 18. März berichtete die Menschenrechtsorganisation Amnesty International von beunruhigenden Vorgängen. Milizen in Uniform seien durch Gyöngyöspata marschiert, sie hätten Roma-Bewohner mit Waffen und Hunden bedroht. Auch an den Osterfeiertagen marschierten "Vederö"-Leute im Ort auf. Ein paramilitärisches Training hatte die Miliz angekündigt, rund 300 Roma ließen sich vom Roten Kreuz in Sicherheit bringen.

Von einer Evakuierung wollte die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán, seit rund einem Jahr im Amt, jedoch nichts wissen. Es habe sich vielmehr um eine lange geplante "Osterfahrt" gehandelt, sagte ein Orbán-Sprecher. Der nationalkonservativen Orbán-Regierung, die ihre Partner in der Europäischen Union zuletzt mit einer neuen und umstrittenen Verfassung irritierte, wird von Kritikern vorgeworfen, die rechtsextremen Umtriebe zu lange stillschweigend geduldet zu haben. Schon 2008 und 2009 gab es in Ungarn mehrere blutige Angriffe auf Roma, in Budapest müssen sich mutmaßliche Rechtsextremisten gerade wegen sechsfachen Mordes vor Gericht verantworten.

In Gyöngyöspata patrouillieren nun Dutzende Polizisten, bereits am Ortseingang kontrollieren sie Besucher, überall im Dorf sind ihre Fahrzeuge zu sehen. Die Roma fühlen sich dennoch nicht sicher: "Irgendwann verschwindet die Polizei wieder, dann geht alles von vorne los", sagt eine. Brigitta Vanger meint: "Das ist die Hölle hier."

Derzeit halten sich die Rechtsextremisten angesichts der Polizeipräsenz auf den Straßen zurück, über ihre Haltung plaudern sie aber offen, wenn Journalisten danach fragen: "Die Zigeuner waschen sich nicht, haben Läuse und klauen", sagt ein Glatzkopf von seinem Balkon aus. "Jobbik" steht auf seinem T-Shirt. Die rechtsextreme Partei wurde bei der Wahl im vergangenen Jahr mit knapp 17 Prozent ins Parlament katapultiert. Zu verdanken hatte sie das unter anderem ihrer offenen Hetze gegen die Roma, die in Ungarn die größte ethnische Minderheit bilden.

"Die leben wie die Tiere"

Auch bei den anderen Bürgern von Gyöngyöspata sind die Roma nicht beliebt. "Die leben wie die Tiere", sagt eine 50-jährige Frau, die nur ihren Vornamen Ildiko preisgeben will. Sogar die stellvertretende Bürgermeisterin Piroska Matalik, die es sich im Bürgerhaus auf einem roten Sofa bequem gemacht hat, hält offenbar nicht viel von Diplomatie: Die Roma würden andere Leute belästigen, sagt sie, und schickt dann eine politisch korrekte Absichtserklärung hinterher: Man wolle versuchen, die Roma besser zu integrieren.

Davon kann bisher kaum eine Rede sein, in Gyöngyöspata und anderswo. Meist fehlt der Kontakt mit der Mehrheitsbevölkerung, die Arbeitslosigkeit unter den Roma ist sehr hoch, einen Schulabschluss schaffen viele erst gar nicht - oft auch deshalb, weil die Schule in Roma-Familien keinen hohen Stellenwert genießt. Stattdessen laufen die Kinder auf den Straßen herum.

In Gyöngyöspata leben die Roma fast ausnahmslos am Ortsrand, "Zigeunerstraßen", sagen viele Leute, und deuten auf die Häuser mit bröckelndem Putz und löchrigen Dachziegeln. Das Dorf ist jetzt zu einem Symbol für eine verfehlte Roma-Politik geworden. Jahrelang kümmerten sich Ungarns Politiker nicht um die Minderheit, die Rechtsextremisten profitierten schließlich davon. Die provozierenden Auftritte von paramilitärischen Gruppen werden von vielen Nicht-Roma begrüßt.

Die Atmosphäre im Dorf ist gespenstisch: Viele Bürger haben auch tagsüber die Jalousien heruntergelassen. Wegen der Sonne, sagen die einen. Wegen des Windes, die anderen. Es ist aber weder heiß noch stürmisch in dem Ort, eher wirkt es, als schotteten sich die Menschen gezielt ab.

Die Kirche in Gyöngyöspata versucht verzweifelt, dem Hass etwas entgegenzusetzen, ruft zum Miteinander auf: "Wir bitten Gott, dass in unseren Alltag Frieden, Liebe, Ehre und Ruhe zurückkehren", heißt es auf einem Plakat. Der Rechtsextremist und "Vederö"-Anführer Támas Eszes hat davon ein ganz eigenes Verständnis: Er will für die kommende Bürgermeisterwahl kandidieren.

Mitarbeit: Gina Böni

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insgesamt 140 Beiträge
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1. Minderheitenhass
Frieden ist alles 29.04.2011
Zitat von sysopSie drohen, prügeln, verbreiten Hasstiraden: Rechtsradikale Milizen*jagen Roma*in einem ungarischen Dorf Angst und Schrecken ein. Der Ort Gyöngyöspata ist Symbol für gescheiterte Minderheiten-Politik geworden. Jetzt patrouilliert die Polizei - aber die Opfer fürchten neuen Terror. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759640,00.html
Das Bedürfnis seinen Hass an einer Minderheit auszuleben ist traurigerweise heute weit verbreitet.Die geschichte wiederholt sich.Die Folgen sind erschreckend.
2. Parallelen?
Wigers7 29.04.2011
"[Von Integration] [...] kann bisher kaum eine Rede sein, in Gyöngyöspata und anderswo. Meist fehlt der Kontakt mit der Mehrheitsbevölkerung, die Arbeitslosigkeit unter den Roma ist sehr hoch, einen Schulabschluss schaffen viele erst gar nicht - oft auch deshalb, weil die Schule in Roma-Familien keinen hohen Stellenwert genießt. Stattdessen laufen die Kinder auf den Straßen herum." (Artikel) Was hier über Gyöngyöspata berichtet wird, kann stellvertretend über Roma in ganz Europa gelten. Integration ist dringend geboten und notwendig, in einer solchen rechtsradikal dominierten Region durchaus schwer, wenn nicht hoffnungslos. Ein Mehr an Bildung ist aber der Schlüssel, einerseits für die Bevölkerung, da gebildete Personen weniger radikal und mehr tolerant und weitsichtiger sind, andererseits für die Roma-Minderheiten, damit sie einen sozialen und gesellschaftlichen Aufstieg überhaupt erst bewerkstelligen können. Kommt es nicht dazu, sind weitere Konflikte vorprogrammiert.
3. ....
bunterepublik 29.04.2011
Diese dummen Nazi-Schweine müssen mit aller Härte verfolgt und der gebotenen Schärfe gerichtet werden.... Aber wie bei allem gibt es zwei Seiten. Auch die Roma sind an der Lage nicht unschuldig... Ihr Lebensstil passt eben nicht überall hin...dennoch gibt es keinerlei Grund, irgendjemandem körperliches oder seelisches Leid zuzufügen...
4. Kommentar überflüssig
p6606 29.04.2011
Man hat es kommen sehen: Auch im Ostblock waren die Roma immer eine geduldete, nic ht aber eine erwünschte Minderheit. Dass es schon damals nicht zu Hetzjagden gekommen ist, war nur dem all gegenwärtigen Sicherheitsapparat zu verdanken. Ungarn lässt die Zügel schleifen. Sie können aber ja die Roma nicht abschieben so wie Frankreich und Italien. Schützt Europa so die Minderheiten? Verbal wird aber auch in den anderen Ländern gehetzt. Freimütig trug unser Reiseleiter in Bulgarien vor, dass die meisten Roma ja ihren Strom klauen. Dadurch steigen die Strompreise ins unermessliche. Wenn dagegen etwas unternommen wird, ziehen die Roma vor den EuGH, Und dann dürfen sie weitermachen. Kommentar unmöglich oder überflüssig.
5. und
Spiegeleii 29.04.2011
Zitat von bunterepublikDiese dummen Nazi-Schweine müssen mit aller Härte verfolgt und der gebotenen Schärfe gerichtet werden.... Aber wie bei allem gibt es zwei Seiten. Auch die Roma sind an der Lage nicht unschuldig... Ihr Lebensstil passt eben nicht überall hin...dennoch gibt es keinerlei Grund, irgendjemandem körperliches oder seelisches Leid zuzufügen...
Sie sind wahrscheinlich ein Propagandaopfer, glauben Sie nicht alles was Ihnen erzählt wird. Ich kann mich noch an die Bilder erinnern, weinende Kinder und entsetze Mütter, darunter stand "schnell packen sie ihre letzten Habseligkeiten" nichts davon war real. Ich weiss nicht was Ungarn verbrochen hat, wahrscheinlich haben sie die Warenverkehrsfreiheit bedroht und das Lohndumping nicht hingenommen. Dann wären es nämlich Nazis oder Kommunisten.
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