Rechtslage im Ausland Vom Persilschein bis zum strikten Verbot

Die Fragestellung ist überall die gleiche: Wie schützenswert ist ein Embryo? Darf seine Tötung in Kauf genommen werden, weil Stammzellen entnommen werden, deren Erforschung möglicherweise zur Therapie schwerer Krankheiten führt? Die Gesetzeslage dazu ist weder weltweit noch in Europa einheitlich. In manchen Ländern herrschen strikte Verbote, in anderen gibt es gar keine Regelung in der Stammzellenfrage.



 Deutschland  Frankreich  Großbritannien  Irland  Dänemark
 Spanien  Niederlande  Schweden
 Portugal  USA  Indien
 Italien  Griechenland  Israel  Japan  Australien

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 Deutschland  Deutschland
Wer in Deutschland versucht, einen Embryo zu klonen, wird nach dem Embryonenschutzgesetz vom Dezember 1990 mit bis zu fünf Jahren Gefängnis oder einer Geldstrafe bestraft. Auch die Gewinnung von embryonalen Stammzellen ist verboten. Der Import selbiger Zellen ist bisher nicht strafbar. Entscheidungen über Anträge zum Import embryonaler Stammzellen bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurde aus ethischen Bedenken immer wieder verschoben. Mindestens in einem Fall wurden ES-Zellen nach Deutschland importiert.

 Frankreich  Frankreich
Die französische Nationalversammlung hat am 22. Januar 2002 beschlossen, die Forschung an Stammzellen aus so genannten überschüssigen Embryonen zuzulassen. In erster Lesung stimmten die Abgeordneten einmütig für ein Klonverbot von Menschen, Tieren und Pflanzen und auch gegen die "Patentierung als Erfindung" aller Gene des menschlichen Körpers. Der Gesetzentwurf muss noch vom Senat verabschiedet werden.

 Großbritannien  Großbritannien
Reproduktives Klonen, also der Versuch, einen genetisch identischen Menschen zu schaffen, ist in Großbritannien verboten. Seit mehr als zehn Jahren ist die Forschung an Embryonen unter bestimmten Bedingungen, etwa um neue Erkenntnisse in der In-vitro-Fertilisation oder der Präimplantationsdiagnostik zu gewinnen, bis zum 14. Tag in der Entwicklung des Embryos erlaubt. Seit einem Jahr ist therapeutisches Klonen erlaubt, so lange es dem Ziel dient, mehr über die Entwicklung des Embryos oder über die Therapie schwerer Krankheiten zu erfahren. Lizenzen für Forschungsarbeiten erteilt die Human Fertilization and Embryology Authority.

Irland  Irland
Irland hat die denkbar striktesten Verbotsregeln. Die Forschung an Embryonen - und somit sowohl reproduktives als auch therapeutisches Klonen - ist verboten.

 Niederlande  Niederlande
Unter bestimmten Voraussetzungen ist es legal, Embryonen zu Forschungszwecken zu erzeugen. Die Entnahme von embryonalen Stammzellen ist erlaubt. Von den Forschern vorzuziehen ist allerdings die Forschung an überzähligen Embryos. Die Embryos dürfen nicht älter als 15 Tage sein. Verboten bleibt das reproduktive Klonen.

 Dänemark  Dänemark
In Dänemark ist sowohl das reproduktive als auch das therapeutische Klonen verboten. Überzählige Embryonen dürfen zu Forschungszwecken nicht benutzt werden. Es darf nur an in-vitro-erzeugten Embryonen geforscht werden, bevor sie in den Mutterleib eingepflanzt werden. Sie dürfen außerdem nicht älter als 14 Tage sein, und die Forschung muss der Verbesserung von In-vitro-Verfahren und Präimplantationsdiagnostik dienen.

 Spanien  Spanien
Die Forschung an embryonalen Stammzellen ist in der spanischen Gesetzgebung nicht ausdrücklich verboten. Erlaubt ist der Verbrauch von nicht lebensfähigen oder bereits toten Embryonen. Möglich ist auch die Forschung an abgetriebenen Embryonen, die älter als 14 Tage sind. Ebenso die Forschung an lebensfähigen Embryonen bis zum 14. Tag, sofern es therapeutischen, diagnostischen oder präventiven Zwecken dient. Reproduktives und therapeutisches Klonen sind verboten.

 Schweden  Schweden
Schweden hat die wohl liberalste Gesetzgebung bezüglich der Embryonenforschung. Seit 1991 erlaubt ein Gesetz die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken. 14 Tage nach ihrer Herstellung müssen die Embryonen vernichtet werden. Embryonen, an denen geforscht wurde, dürfen nicht mehr in einen Mutterleib eingepflanzt werden. Verboten ist das reproduktive Klonen. In Schweden soll es bereits 25 aus Embryonen gewonnene Stammzelllinien geben.

 Finnland  Finnland
Die Forschung an Embryonen bis zum 14. Tag ist seit zwei Jahren erlaubt. Reproduktives und therapeutisches Klonen ist verboten. Auch die Herstellung von Embryonen zu reinen Forschungszwecken ist verboten.

 Portugal  Portugal
Portugal wäre für Wissenschaftler, die sich keinerlei Beschränkung in ihrem Forschungsdrang unterwerfen wollen, ein El Dorado. Denn in der Fortpflanzungsmedizin gibt es derzeit keinerlei gesetzliche Bestimmungen. 1998 scheiterte ein Reproduktionsmedizingesetz am Veto des Staatspräsidenten. In Planung ist ein Gesetz zum Verbot des reproduktiven Klonens mit möglicherweise weiteren Bestimmungen zur Embryonenforschung.

 USA  USA
Im- und Export embryonaler Stammzellen ist in den USA ohne Probleme möglich. An Auflagen gebunden bei der Forschung an embryonalen Stammzellen sind allein Universitäten und Institutionen, die mit öffentlichem Geld gefördert werden. Am 9. August 2001 hat US-Präsident George W. Bush entschieden, dass nur an Stammzelllinien gearbeitet werden darf, die zu diesem Zeitpunkt bereits bestanden. Das waren US-Angaben zufolge weltweit 64 Stammzelllinien. Die Privatindustrie in den USA ist dieser Regelung nicht unterworfen. Sie darf an allen Stammzellen forschen. Das therapeutische Klonen, bei dem Embryonen eigens für medizinische Zwecke hergestellt werden, ist erlaubt. Über eine Regulierung der privaten Forschung wird in den USA derzeit heftig gestritten. Es obliegt den einzelnen Bundesstaaten, Richtlinien der Forschung festzulegen.

 Indien  Indien
Ein Institut im westindischen Bombay besitzt sieben Stammzelllinien und liegt auf Platz drei der vom amerikanischen National Institute of Health (NIH) aufgestellten Liste der zehn wichtigsten Stammzellen-Forschungszentren der Welt, ein anderes im südindischen Bangalore besitzt drei und hat somit auch die Aufmerksamkeit des NIH auf sich gezogen.

Ein indischer Forscher besitzt ein US-Patent für seine Stammzellenforschung, ein Neurochirurg im westindischen Puna hat bereits mehrere Stammzellenoperationen durchgeführt und ein Experte der In-vitro-Befruchtung in Indien hatte bereits 1999 von der möglichen Erzeugung von "Ersatzteilen für die Menschheit" durch embryonale Stammzellen geschwärmt.

Letztlich sei sogar der indische Premier Atal Behari Vajpayee von Bombays Ärzten über die bisherigen Fortschritte der Forschung in Indien ausführlich "geschult" worden, bevor er sich im September 2001 mit US-Präsident George W. Bush in New York traf.

Doch sechs Monate, nachdem Bush entschieden hat, dass es in den USA keine staatliche Förderung für Forschung an Stammzelllinien geben darf, die nach dem 9. August 2001 hergestellt wurden, herrscht in Indien weitgehend Unklarheit über die Vor- und Nachteile der embryonalen Stammzellforschung und - vor allem - über die Gesetzeslage.

Bis auf ein Patentverbot auf Gene gibt es in Indien lediglich allgemeine Richtlinien, die vor drei Jahren von einem staatlichen Rat für medizinische Forschung (Indian Council of Medical Research) unter Druck der Nationalen Indischen Menschenrechtskommission (NHRC) bekannt gegeben wurden.

Die vom US-amerikanischen National Institute of Health aufgeführten indischen Forschungszentren sind nicht bereit, über ihre Tätigkeiten Auskunft zu geben. Es gibt jedoch Forscher, die auf die Notwendigkeit eines Ethikrates hinweisen.

Padma Rao

 Italien  Italien
Es gibt keine gesetzlichen Regelungen, sondern lediglich Vorgaben des Nationalen Bioethik-Komitees. Überzählige Embryonen können zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen herangezogen werden. Klonen wird abgelehnt.

 Griechenland  Griechenland
Wie in Portugal und Italien gibt es keine Gesetze, die die Forschung an embryonalen Stammzellen regeln. Eine Erklärung der Gesundheitsbehörde untersagt allerdings reproduktives und therapeutisches Klonen. Die Forschung an Embryonen ist bis zum 14. Tag nach deren Zeugung gestattet. Es gibt eine Empfehlung, dass überzählige Embryonen gelagert werden. Sie können von den Eltern zur Forschung freigegeben werden.

 Israel  Israel
In Israel gibt es nach Angaben des US-amerikanischen National Institutes of Health einige der weltweit begehrten Stammzelllinien. In Israel ist die Entnahme von Stammzellen aus überzähligen Embryonen gestattet. Im Judentum hat ein Embryo keine höhere Schutzwürdigkeit als Spermien. Bisher sollen Forscher in Haifa vier Stammzelllinien gezogen haben.

 Japan  Japan
Im Jahr 2000 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Forschung an überzähligen Embryonen erlaubt, die bei künstlichen Befruchtungen entstehen und vernichtet würden. Das reproduktive Klonen wurde verboten. Im August 2001 hat der Bioethik-Ausschuss der japanischen Regierung Richtlinien zur Forschung mit embryonalen Stammzellen verabschiedet. Dort wurde deren Erzeugung zu Forschungszwecken und deren Handel untersagt. Nichtsdestotrotz haben japanische Forscher im November 2001 angekündigt, bei einer Genehmigung der Regierung embryonale Stammzellen abgeben zu wollen.

 Australien  Australien
Forschung an importierten embryonalen Stammzellen ist in Australien erlaubt. Klonen hingegen ist verboten. Richtlinien schreiben vor, dass ein Embryo nur zu genau definierten Zwecken verbraucht werden darf und nur mit Zustimmung des Institutional Ethics Commitees. In Australien soll es bisher sechs Stammzelllinien geben.



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