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Rechtsschwenk des Republikaners: McCain verprellt die Mitte

Aus St. Paul berichtet

Er beruft eine umstrittene Erzkonservative zur Vize, nähert sich den Bushs an und schwenkt zur Partei-Rechten: John McCain gefährdet seinen Ruf als Mann der Mitte. Berater isolieren den Kandidaten, diffamieren Gegner rigoros - ganz wie sie es vor acht Jahren mit McCain selbst machten.

Kurz wirkt es, als wollten die Republikaner die Ära Bush am liebsten ewig fortsetzen. Es ist kurz vor halb acht Uhr im Rund des "XCel"-Center in St. Paul, als plötzlich Jubel aufbrandet. Oben unterm Dach, im Studio des Senders Fox News, hat Karl Rove Platz genommen, der einstige Chefstratege des amtierenden Präsidenten. Eine Delegiertenreihe nach der anderen dreht sich zu ihm, winkt begeistert. Rove winkt huldvoll zurück.

Ein paar Minuten später neuer Applaus. Diesmal für den greisen Ex-Präsidenten Bush Senior.

Kurz darauf klettert Laura Bush auf die Bühne und versichert unter noch lauterem Jubel, ihr Mann George W. liebe auch nach acht Jahren als Präsident immer noch sein Land.

Und schon ist er selbst zu sehen - per Video-Schalte aus dem Weißen Haus.

Staatstragend spricht Bush erst über die Opfer des neuen Hurrikans in New Orleans. Aber dann geht es um John McCain - und Bush wird mit einem Schlag zum Wahlkämpfer.

McCain sei ein "großartiger Amerikaner", der als Ex-Kriegsgefangener sein Land nie im Stich werden lasse. "Wenn das Gefängnis in Hanoi John McCain nicht abhalten konnte zu tun, was am besten für sein Land ist, wird das auch die zornige Linke nicht schaffen", ruft der Präsident.

Neue Jubelstürme in der Halle.

Es wirkt wie eine Stabübergabe von Bush an McCain - auch wenn der Kandidat froh gewesen sein soll, dass der Präsident wegen der Hurrikan-Schäden nicht persönlich nach St. Paul kommen konnte. Denn McCain will sich eigentlich partout nicht als Erbe des unpopulären Amtsinhabers präsentieren.

Das ändert freilich nichts daran, dass er seinen Wahlkampf immer stärker in Bushs Stil führt.

"McCain hat die Kunst des Bush-Wahlkampfs perfektioniert", schreibt "Time" in einer Sonderausgabe zum Parteitag. Dafür sorgen Leute, die in St. Paul hinter der Bühne stehen. Strategen wie Steve Schmidt, 2004 für Bushs "War Room" verantwortlich, in dem die schnellen Attacken gegen die Demokraten konzipiert wurden. Schmidt ist gerade 37, ein Glatzkopf mit dem Spitznamen "Gewehrkugel". "Wenn Sie nicht disziplinierter werden, verlieren Sie", hat der resolute Stratege McCain ins Gesicht gesagt. Der machte Schmidt dann vor ein paar Monaten zum Boss.

Der Kurswechsel im Wahlkampf zeigt Erfolg

Seither glänzt McCains Kampagne durch aggressive Fernsehspots, die Barack Obama mit Berühmtheiten wie Britney Spears oder Paris Hilton vergleichen. Und mit einer glasklaren Botschaft, von welcher der Kandidat selten abweicht: "Country First" - das Land zuerst.

Der Kurswechsel zeigt Erfolg. Trotz des erfolgreichen Demokraten-Parteitags in der vergangenen Woche liegt McCain in Umfragen immer noch fast gleichauf mit Barack Obama.

Aber ist dieser Erfolg auch von Dauer? McCains Wahlkampf à la Bush wird nicht von allen Republikanern sorglos gesehen.

Zwar haben Schmidt und Co. auf Hurrikan "Gustav" hochprofessionell reagiert. Blitzschnell präsentierten sie McCain als entschiedenen Krisenmanager - und die Republikaner als Partei, die aus dem "Katrina"-Debakel der Regierung Bush gelernt hat. Doch zugleich überraschte die Berufung der Vize-Kandidatin Sarah Palin moderate Republikaner.

Die erzkonservative Gouverneurin von Alaska begeistert die religiöse Rechte der Partei. Weil diese auf dem Parteitag dominieren, löst dort jede Erwähnung ihres Namens Applausstürme aus. Doch dass McCain der Newcomerin gleich nach einem ersten Gespräch am vergangenen Donnerstag spontan den Top-Job anbot, ohne viel über sie zu wissen - das provoziert nach wie vor heftige Diskussionen.

Palins Berufung wirkt wie ein politisches Geschenk McCains an den rechten Parteiflügel. Dieser hatte deutlich signalisiert, dass McCains Favoriten wie der Ex-Demokrat Joe Lieberman oder der frühere Chef der Heimatschutzbehörde, Tom Ridge, wegen ihrer Unterstützung für Abtreibungsrechte für ihn nicht akzeptabel sind. Der erzkonservativen Basis nun so weit entgegenzukommen, könnte sich für McCain zwar auszahlen - gerade wenn Palin in der Nacht auf Donnerstag unter großem Jubel ihre erste Rede auf der nationalen Bühne halten wird. Doch das ist nicht alles.

"McCain darf sich nicht einfach auf die Basis konzentrieren"

Denn die Personalie dürfte McCains Image als Mann der Mitte untergraben. Und genau dieses Image hatte ihn weit populärer werden lassen als die Republikanische Partei selbst - die nach den Bush-Jahren am Boden liegt.

Seine Ferne zu Bush und zum rechten Flügel der Partei hat McCain zum Kandidaten gemacht. Er darf diesen Vorteil nun nicht verspielen.

"Er kann sich anders als Bush nicht einfach auf die republikanische Basis konzentrieren", sagt Matthed Dowd, der 2004 Chefstratege von Bushs Wiederwahlteam war. "McCain braucht Stimmen aus der Mitte, weil die demokratische Basis mittlerweile größer ist als die der Republikaner."

McCain hat in den vergangenen Monaten eine erstaunliche Wandlung vollzogen. Der Kandidat krempelte seine Positionen zu Bushs Steuersenkungen und Ölbohrungen vor der US-Küste um. Und er lässt sich von Stratege Schmidt konsequent von der Presse abschotten - ein radikaler Kurswechsel für den einstigen Medienliebling.

Statt wie früher aus dem Stegreif Reporterfragen zu beantworten, verliest McCain jetzt oft steif vorgefertigte Stellungnahmen. "Time" druckte diese Woche ein bizarres McCain-Interview, in dem er wütend auf Fragen bellte: "Lesen Sie mein Buch!" Einen Auftritt mit Talkshow-Ikone Larry King auf CNN sagte der Kandidat ab, weil er ein Interview des Senders mit seinem Sprecher über Palins außenpolitische Erfahrung nicht respektvoll genug fand.

Alte Gegner werden neue Freunde

Berater Schmidt schäumt wegen der Personalie Palin: "Schmutz und Abfall aus dem Internet hätten es früher nicht in seriöse Redaktionen geschafft." Als hätten die US-Journalisten die Geschichte um die Teenie-Schwangerschaft erfunden.

Solche Sätze kommen bei der Republikaner-Basis allerdings gut an. Sie schwadroniert gerne über eine liberale Verschwörung der US-Medien.

Das ändert nur nichts daran, dass McCain für das Buhlen um die Mitte die US-Medien auch in Zukunft braucht. Und manche wundern sich schon.

Die US-Ausgabe des "Economist" fragt auf der Titelseite, wo bloß der vertraute McCain geblieben sei. Die "Washington Post" beklagt: "Der aufrechte Staatsmann, der sein Land an erste Stelle rückt, war eine bloße Erfindung."

Joe Klein, Doyen der US-Wahlbeobachter, ist entsetzt über die Verpflichtung der früheren Bush-Strategen. Genau diese Menschen hätten McCain im Vorwahlkampf der Republikaner 2000 durch miese Tricks die Nominierung genommen - auch weil McCain sich damals weigerte, mit ähnlichen Tricks zurückzuschlagen.

Damals riefen Bush-Wahlkämpfer Menschen an der Parteibasis an und erzählten die erfundene Geschicht, ein von McCain adoptiertes schwarzes Kind aus Bangladesch sei in Wahrheit sein unehelicher Nachwuchs. McCain schimpfte über den "Schmieren-Wahlkampf" und den vermutlich Verantwortlichen, Tucker Eskew.

In der vergangenen Woche hat McCain einen neuen Berater für seinen Wahlkampf gegen Obama eingestellt. Sein Name: Tucker Eskew.

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