Rede an die Nation Wie Bush die Kriegslust der Amerikaner schüren will

Vor einem Jahr hatte George W. Bush leichtes Spiel. Bei seiner letzten Rede zur Lage der Nation standen die Amerikaner durch den überbordenden Patriotismus nahezu einmütig hinter ihrem Präsidenten. Heute wird er es schwerer haben. Bush muss der skeptischen Bevölkerung plausibel machen, warum er den Irak-Krieg vom Zaun brechen und wie er die geschwächte Wirtschaft ankurbeln will.




Minutiöse Vorbereitung: Bush bei der Stellprobe zu seiner historischen Rede an die Nation
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Minutiöse Vorbereitung: Bush bei der Stellprobe zu seiner historischen Rede an die Nation

Hamburg - Sie wird als die wichtigste Rede seines bisherigen Lebens gehandelt. Entsprechend pedantisch ist Bushs Stab in der Vorbereitung des Präsidenten-Auftritts. Wenn Bush am Dienstagabend (3.00 Uhr MEZ) vor dem Kongress seine Rede zur Lage der Nation hält, muss alles perfekt rüberkommen, damit der Präsident beim Publikum an den Fernsehgeräten die größtmögliche Wirkung erzielt. Die Erwartungen sind enorm hoch. In debattierfreudigen Washingtoner Zirkeln wird der Rede laut "New York Times" bereits eine historische Bedeutung beigemessen. In dieser spannungsgeladenen Situation versuchen Mitarbeiter des Weißen Hauses den Präsidenten als das ruhige Zentrum eines Zyklons zu präsentieren.

Bush werde in seiner Rede zwar keine Kriegserklärung an den Irak abgeben, aber "in überzeugender Weise" klar machen, dass ein Krieg gegen den Irak wahrscheinlich unausweichlich sei, sagte heute ein Regierungsbeamter. Der Präsident werde weiterhin deutlich darauf hinweisen, dass es die "Verantwortung der USA" sei auch ohne Uno Unterstützung die Welt von der irakischen Bedrohung zu befreien.

Das Weiße Haus räumte ein, dass zwangsläufig "alle Welt" auf die Bush-Äußerungen zum Irak achten werde. "Er wird überzeugend darlegen, warum er einen Krieg für nötig hält", zitierte die Zeitung "USA Today" Regierungsbeamte. "Er wird keinen Zweifel daran lassen, dass er einen Krieg für wahrscheinlich hält - und dass er bald kommen wird."

Bush selbst sagte nach einer Kabinettssitzung, er werde über die "großen Herausforderungen" für das Land sprechen und darüber, dass kein Zweifel daran bestehe, "dass wir sie meistern. Denn wir sind eine große Nation."

Seit Tagen ist Bush bereits damit beschäftigt, wie er die etwa 45-minütige Rede, die alle großen Sender landesweit live ausstrahlen werden, inszenieren wird. Bereits am Freitag und Sonntag hatte es erste Treffen gegeben, zwei weitere Montag früh und am späten Nachmittag. Im Ostflügel des Weißen Hauses, der Präsentationszwecken dient, studierte man genau ein, welches Wort wie zu betonen und welche Geste wie einzusetzen sei. Hochrangige Mitglieder aus Bushs Stab fungierten als Ratgeber, unter anderem Condoleezza Rice, die Nationale Sicherheitsberaterin, Kommunikationschef Dan Bartlett und Michael Gerson, der höchste Redenschreiber im Weißen Haus.

Zwischen den Gängen zur Generalprobe instruierte Bush eine Gruppe der wichtigsten Zeitungs- und Magazinkolumnisten und hatte ein privates Mittagessen mit seinem Vize, Dick Cheney. Am Tag der Rede speist Bush mit den Anchormen der wichtigsten Sender wie NBC und ABC, die seine Rede im Verlauf der Woche analysieren werden. Ari Fleischer, der Sprecher des Weißen Hauses, nannte die Rede vorab schon mal "sehr nobel".

Ob das genügt? Das Publikum ist kritisch geworden. Immer mehr Amerikaner fragen sich, ob es wirklich notwendig ist, amerikanische Soldaten in einen Krieg am Golf zu schicken. Und - verwöhnt von der Clinton-Ära - fragen sie sich, warum die Wirtschaft nicht richtig läuft. So wird erwartet, dass Bush dem Volk erneut plausibel zu machen versucht, warum Saddam Hussein eine Bedrohung für die USA darstellt. In scharfem Ton wird er wohl mit dem Regime in Bagdad ins Gericht gehen, weil es seiner Meinung nach nicht hinreichend mit den Waffeninspekteuren der Uno kooperiert. Nach Ansicht der "Financial Times" wird er versuchen, dem Volk etwas von der Empörung einzuflößen, die er selbst gegenüber der "Achse des Bösen" empfindet. Ein Begriff übrigens, den er vor einem Jahr kreierte. Es wird nicht damit gerechnet, dass er dem Irak ein Ultimatum stellen wird.

Mindestens die Hälfte der landesweit übertragenen Rede wird Bush dafür verwenden, den Wählern zu vermitteln, dass er nicht nur Krieg im Kopf hat, sondern sich auch um Innen- und Wirtschaftspolitik kümmert. Dass er ihre Sorge ums nationale Gesundheitssystem teilt, das es zu verbessern gilt. Und dass er die darbende Wirtschaft wieder ankurbeln will. Annähernd zwei Drittel der Amerikaner sagen, Bush müsse mehr für die Wirtschaft tun. Als Heilmittel für einen wirtschaftlichen Schub wird er sein über zehn Jahre angelegtes Steuersenkungsprogramm in Höhe von 674 Milliarden Dollar anpreisen, das eine Entlastung vor allem für den Mittelstand und Besserverdiener bringen soll. Unter anderem ist die Streichung der Steuer auf Aktiendividenden vorgesehen.

Die Demokraten haben sich schon vorab auf die Rede des Präsidenten eingeschossen. Sie kritisierten in einer Stellungnahme dessen Steuersenkungspläne. Sie seien ein Geschenk für die Wohlhabenden. Dem Zehn-Jahres-Mammut-Programm stellen sie einen Einjahresplan entgegen, der vor allem Steuererleichterung für die privaten Haushalte vorsieht. Außenpolitisch leuchtet vielen besonders die unterschiedliche Behandlung des Iraks im Vergleich zu Nordkorea nicht ein.

Noch hat Bush Zeit, an seiner Rede zu feilen. Die Redenschreiber haben Platz für Notizen im Skript gelassen. Besonders für eine mögliche Reaktion Bushs auf die Rede von Chefwaffeninspektor Hans Blix vor der Uno. Noch ist unklar, wie viel freie Fläche auf dem Papier gefüllt wurde. Vor dem Bericht von Blix jedenfalls, heißt es, habe Bush nur wenig an seiner Rede geändert.

Alexander Schwabe



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