Bericht ans Zentralkomitee Kims Masterplan

Die Welt rätselt: Was nur will Kim Jong Un? Aufschluss gibt eine vergleichsweise rationale Rede des Diktators. Darin macht er klar, wie er sich die Zukunft Nordkoreas vorstellt: Mehr Atombomben zur Abschreckung - und die marode Wirtschaft soll modernisiert werden.

REUTERS/ KCNA

Pjöngjang bekommt schon bald eine neue Attraktion - das Touristenboot "Taedonggang", blau-weiß, fast 69 Meter lang, für 300 Passagiere und ausgestattet mit Ess- und Bankettsälen. Der große Marschall Kim Jong Un hat es jüngst begutachtet und zur Eile gedrängt: Das Schiff solle spätestens am 15. April fertig werden, verlangte er.

An diesem Tag jährt sich der Geburtstag seines Großvaters, des Staatsgründers Kim Il Sung, zum 101. Mal. Womöglich, so spekulieren Fachleute in Südkorea, wird es nach diesem Tag erst einmal vorbei sein mit dem Kriegsgetöse des Enkels, der seine Untertanen davon überzeugen muss, was für ein toller Hecht er ist. Und dass nur er dafür sorgen kann, die Unabhängigkeit des Landes im Angesicht von Feinden zu bewahren.

Vor dem Zentralkomitee der Arbeiterpartei hat der junge Kim Ende März einen Bericht abgeliefert und eine Abschlussrede gehalten, die Nordkoreas KP-Organ "Rodong Sinmun" ("Zeitung der Arbeiter") jetzt in Teilen veröffentlichte.

Beides strotzt zwar vor Selbstbewusstsein und revolutionärem Wortgeklingel. Doch im Vergleich zu den Drohungen der vergangenen Tage wirken die Sätze nüchtern und rational. Vor allem gewähren sie Einblicke in die Gedankenwelt der geheimnisvollen Führungsriege in Pjöngjang.

Mehr atomare Abschreckung

Die wichtigste Botschaft: Wir lassen uns unsere Atombombe nicht wegverhandeln, denn sie ist die Garantie für unser Überleben und unseren Machterhalt. Denn bislang habe ein Nuklearstaat niemals "eine militärische Aggression erlitten".

Seine Parteigenossen sollten nur auf den Balkan und in den Nahen Osten schauen, forderte Kim laut "Rodong Sinmun". Dort hätten einige Staaten ihre Hoffnungen auf Großmächte gesetzt, ihre "Selbstverteidigungskräfte" vernachlässigt - und seien schließlich "Beute imperialistischer Aggression" geworden.

Also, folgert Kim: Nordkorea müsse die atomare Abschreckung noch verschärfen - mit "mehr Trägerraketen" für mehr Atombomben. Die sollen "präziser und kleiner" sein als die bisherigen. Was er nicht sagt: Er will sie auf ein Geschoss montieren lassen können, das Amerika erreicht.

Die Atombomben verschafften Nordkorea Luft, sich auf die Wirtschaft zu konzentrieren, und die Möglichkeit, Geld bei konventionellen Truppen einzusparen, erklärte Kim seinen Zuhörern. Denn, so seine zweite Botschaft auf dem Plenum des Zentralkomitees: Zeitgleich mit der Entwicklung der Nuklearindustrie müsse die Partei die Wirtschaft auf Vordermann bringen.

Originalton Kim: "Heute ist unser Land ein hundertprozentiger Nuklearstaat, so dass wir auf der Basis der Atomabschreckung die günstigen Bedingungen geschaffen haben, alle Mittel und Kräfte in den wirtschaftlichen Aufbau und die Verbesserung der Lebensverhältnisse stecken zu können."

Keine wirtschaftlichen Reformen nach dem Vorbild Chinas

Von wirtschaftlichen Reformen nach dem Vorbild Chinas redet der Herrscher allerdings nicht. Nordkoreas schwächelnde Ökonomie dürfe nur unter dem Mantel des "sozialistischen Eigentums" funktionieren, sagt er. Aber, immerhin: Wie die Chinesen spricht Kim häufig von "Wissenschaft und Technologie", mit deren Hilfe er Fabriken und Unternehmen "modernisieren" will.

Im Klartext: Sie sollen mehr Computer erhalten und etwas selbständiger werden - stets unter der "Führung des Staates und der Massen", also unter der Partei, versteht sich. Diese Führung könne allerdings verbessert werden, befindet Kim. Etwa so: Alle Betriebe sollten fortan "ihre Geschäftsaktivitäten unabhängig und kreativ gestalten".

Wie selbständig Nordkoreas Unternehmen fortan entscheiden dürfen, ist indes nicht klar. Kim glaubt jedoch zu wissen: Dank seiner Doppelstrategie werde Nordkorea am Ende ein "wirtschaftlicher Gigant" sein, "frei von "Sanktionen und Blockaden feindlicher Kräfte".

Auf dem Weg dahin, gibt Kim zu, existierten allerdings "Engpässe und Schwierigkeiten", etwa Stromausfälle. Aber die seien zu überwinden, nicht zuletzt durch seine weise Führung.

Die Zukunft dürfte dann so schön werden wie der neue Ausflugsdampfer: Der müsse, verlangte Kim bei der Besichtigung, attraktive Möbel in "hoher Qualität" erhalten - und eine gute Klimaanlage.

insgesamt 167 Beiträge
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braamsery 10.04.2013
1. Eines muss man ihm lassen
Er hat das kapitalistische Ausbeutersystem viel viel besser verstanden als die meisten anderen auf dieser Welt. Ausbeutung durch "Hilfe". Genauso auch wie man nicht angegriffen. Verteidigung durch Abschreckung. - Falls er das wirklich so plant, wäre das ein guter Schritt. Und bevor man hier wieder alles möglichen lesen sollte kann man ja mal sagen, dass Nordkorea über Ressourcen verfügt mit denen sich sehr viel Geld machen ließe, sich dann auf solch eine Art nicht ausbeuten zu lassen (Falls es denn klappt) wäre ganz großes Kino.
sponreader 10.04.2013
2. Immer gleich ..
Liebes Volk, das Paradies kommt bald, ihr müsst nur noch ein bisschen warten, so wie die letzten 60 Jahre. Das Wesen eines sterbenden pseudo-sozialistischen Systems: Überholen ohne Einzuholen.
Medienbackspin 10.04.2013
3. Unglückliche Formulierung
Zitat von sysopREUTERS/ KCNADie Welt rätselt: Was nur will Kim Jong Un? Aufschluss gibt eine vergleichsweise rationale Rede des Diktators. Darin macht er klar, wie er sich die Zukunft Nordkoreas vorstellt: Mehr Atombomben zur Abschreckung - und die marode Wirtschaft soll modernisiert werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/rede-von-kim-jong-un-a-893611.html
Aufschluss gibt eine vergleichsweise rationale Rede des Diktators. Darin macht er klar, wie er sich die Zukunft Nordkoreas vorstellt: Mehr Atombomben zur *Abschreckung* 'Abschreckung' bedeutet hier einen deterministischen Euphemismus, den man bei der Beurteilung der Interessen von totalitären Staaten nicht verwenden sollte. Mit dieser Sprachregelung wird der Eindruck erweckt, Nordkorea müsse sich gerechterweise gegen externe Angriffe wehren. Dem ist aber nicht so. War das dem SPON-Autor bei Abfassung seiner Zeilen bewusst? Nur demokratisch legitimierte Staaten schrecken ab, weil sie eine friedliche Welt und den Schutz ihrer Bürger wollen. Totalitäre Staaten wie Nordkorea oder der Iran verheizen auch die eigenen Leute, um ihre Macht zu sichern. Ein Blick in Geschichte hilft da auch ein wenig.
dhbvfg 10.04.2013
4.
Why not? Naja, ich bezweifle das das Ressourcen arme Nordkorea das von der UN blockiert wird sich wirklich hochentwickeln kann. Es wäre sinnvoller zuerst eine Wirtschaft aufzubauen die funktioniert denn einen Handelspartner der UN wird nicht sofort atackiert und dann kann man eine Atomarmee aufbauen. Umgekehrt ist das Pferd von hinten aufgezäumt worden. Was mehr oder weniger funktioniert aber mit mehr Engpässen verbunden ist.
dserapio 10.04.2013
5. Rational?
Diese "vergleichsweise rationale" Rede klingt eher wie eine Ankündigung des von Südkorea befürchteten neuerlichen Atomtests. Entwarnung kann ich daher nicht erkennen.
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