US-Parteitag im Tropensturm: Romneys Gegner heißt jetzt "Isaac"

Aus Tampa, Florida, berichtet

Dem Parteitag der US-Republikaner droht Chaos. Wegen des Tropensturms "Isaac" musste Mitt Romneys Krönungsmesse schon um einen Tag verschoben werden, die PR-Strategie der Planer gerät durcheinander, mancher reist gar nicht erst an. Statt Wahlkampf gibt es erst mal Sandsäcke.

Vorbereitungen für den Parteitag: Es soll die größte Rede in Romneys Karriere werden Zur Großansicht
AP

Vorbereitungen für den Parteitag: Es soll die größte Rede in Romneys Karriere werden

Sicher ist sicher. "Der Parkplatz flutet schnell", informiert einen die Dame an der Rezeption lakonisch. "Ich gebe Ihnen deshalb lieber ein Zimmer zum Innenhof, sonst läuft's nass rein." Draußen verfinstert sich der Himmel, erste Sturmböen zerren an den Palmen um den Pool. Ach ja, fügt die Dame hinzu: "Wollen Sie da heute noch reinspringen? Dann jetzt oder nie."

Wenn das für Mitt Romney nur so einfach wäre. Aber der designierte Präsidentschaftskandidat hat gerade viel größere Sorgen. Diese Woche will er sich hier beim Wahlparteitag der US-Republikaner mit der wichtigsten Rede seiner Karriere ein für allemal profilieren - vor allem gegen seinen Gegner, Präsident Barack Obama.

Doch auf einmal fürchtet Romney in Tampa einen ganz neuen Gegner. Der ist ungreifbar und unkontrollierbar: "Isaac".

Der Tropensturm, der in der Karibik schon mindestens zehn Tote hinterlassen hat, fegte in der Nacht zum Montag über Key West hinweg und in den Golf von Mexico. Auch wenn er die Küstenstadt Tampa wohl nun nur streifen wird, verursachte er hier schon am Sonntag starke Winde, Regenfluten und Überschwemmungen. Tampas Bezirksverwaltung rief den Notstand aus und ließ kostenlose Sandsäcke austeilen.

Die Organisatoren des Parteitags haben ein PR-Problem

Noch schlimmer aber, glaubt man den jüngsten Vorhersagen seines Kurses, wäre jetzt "Isaacs" nächstes Ziel: New Orleans. Dort könnte er bis Mittwochfrüh als ein Hurrikan der Kategorie 2 oder 3 aufschlagen - ausgerechnet am siebten Jahrestag des Katastrophensturms "Katrina".

Es wäre auch der Tag vor Romneys Jubelrede.

Viele Delegierte trafen also mit gemischten Gefühlen in Tampa ein. Ihre Jets taumelten durch "Isaacs" Vorhut, bevor der Flughafen Flüge zu streichen begann. Newt Gingrich, frisch aus Washington angereist, stand im Beraterkreis am Gepäckband und wirkte blasser denn je.

Ein paar Vorabtermine gingen noch schadlos über die Bühne. Darunter Großveranstaltungen der Tea Party und des streitbaren Abgeordneten Ron Paul sowie die offizielle Begrüßungsfete in einem überdachten Baseballstadion. Dort gab es kubanische Sandwiches, Lobster-Makkaroni und Mangosalat, während die Cheerleader der Tampa Bay Buccaneers über die Bühne turnten.

Doch die Organisatoren haben mehr als nur ein logistisches Problem. Sie haben ein PR-Problem.

Den ersten Tag ihres Werbeprogramms in eigener Sache haben sie schon abblasen und dessen Redner in die restlichen Stunden komprimieren müssen. Aber auch die stehen weiter zur Disposition. "Unsere Sorge muss den Leuten im Pfad des Sturms gelten", versicherte Parteitag-Chefplaner Russ Schriefer am Abend.

Das fiktive Drama verblasst gegenüber dem realen

Selbst dann: Falls "Isaac" auf New Orleans trifft - darf Romney danach seine Kandidatenrede halten, mit Luftballons und Konfetti? "Bilder von Republikaner-Lustbarkeiten, während andere Amerikaner leiden", sagte Steve Schmidt, John McCains Wahlkampfmanager von 2008, der "New York Times", "keiner will diese Optik." Schmidt weiß, wovon er spricht: Auch McCains Parteitag in St. Paul wurde damals vom Sturm gestutzt, dem Hurrikan "Gustav". Der nahm eine ähnliche Route wie jetzt "Isaac" und löste die größte Evakuierung der US-Geschichte aus.

Diese Parallelen fallen natürlich auch den gut 15.000 Reportern auf, die hier im Regen herumhocken. "Größte redaktionelle Frage der Nacht", sinnierte Ben Smith, Chefredakteur der Website "BuzzFeed": "Bleibt Anderson Cooper in Tampa oder geht er nach New Orleans?" Cooper, der Chef-Anchorman von CNN, wurde 2005 dank "Katrina" zum Star. "Keine Frage", antwortete Brian Stelter, ein Medienredakteur der "New York Times", sofort: "New Orleans."

Wundern würde es einen nicht: Das fiktive Drama eines Parteitags (bunt, schrill, kalkuliert) verblasst schnell im Angesicht des realen Dramas eines Hurrikans (düster, tödlich, unkalkulierbar). Das wurde den Planern spätestens am Sonntag so richtig bewusst: Da gab es auch intern Kritik an der Idee, einen Parteitag überhaupt in Florida zu veranstalten - mitten in der Hurrikansaison.

Die Gegensätze des Tages waren krass. Im Tampa Bay Times Forum, der Sportarena, in der der Parteitag stattfindet, kämpften Techniker mit den letzten Macken der grell schillernden 2,5-Millionen-Dollar-Bühne und probten eine Hommage an den Astronauten Neil Armstrong. Jenseits des Golfs von Mexiko, im sturmgebeutelten New Orleans, drohte Bürgermeister Mitch Landrieu mit Evakuierung.

Die Gouverneure aus Golf-Anrainerstaaten kommen nicht zum Parteitag

"Es ist wirklich wichtig, dass wir als Region zusammenhalten", appellierte der Republikaner, dessen demokratischer Vorgänger Ray Nagin sich dank der desaströsen Zustände nach "Katrina" nicht nur mit Ruhm bekleckert hatte. Landrieu gab sich optimistisch, trotz aller Sorge um "Isaacs" Flutwelle: "Wir sind viel besser vorbereitet und schlachterprobter als je zuvor."

Die republikanischen Gouverneure der Golf-Anrainerstaaten Florida, Louisiana, Mississippi und Alabama sagten ihre Parteitagsteilnahme ab. Entlang der Küste verbretterten die Leute Häuser und horteten Lebensmittel. Ominös vertraute Szenen - auch wenn die Dimensionen anders sind. "Katrina" hatte die Kategorie 5, mehr als 1800 Menschen kamen damals um. "Wir sind bereit", sagte Floridas Gouverneur Rick Scott betont lässig. "Die Leute in Florida wissen, wie man mit solche Sachen umgeht."

Die meisten der rund 50.000 Parteitagsgäste dagegen - Delegierte, Aktivisten, Strategen, Großspender, Journalisten - wissen das nicht. Weshalb die Gastgeber ihre Geschenktüten kurzfristig mit Ponchos und Schirmen auffüllten - in Knallrot, der Parteifarbe der Republikaner. "Wir werden einen Parteitag haben", gab Republikanerchef Reince Priebus die Parole aus. "Wir werden eine tolle Zeit in Tampa haben."

Doch der strategische Erfolg steht nun in Frage. Die Organisatoren wollten Romney hier mit einer perfekten Inszenierung gegen Obama positionieren und dabei vielleicht sogar einen Umfragevorsprung herausholen. Der Parteitag werde "alle Aspekte" Romneys beleuchten "und seine Führungskompetenzen hervorheben", hatte Chefplaner Russ Schriefer angekündigt.

Nun ist die Aufmerksamkeit der TV-Zuschauer gespalten - zwischen der verkürzten Kunstwelt im Saal und den Naturgewalten draußen. Schon begann sich der Hotelparkplatz mit Wasser zu füllen. Baden im Pool war nun nicht mehr nötig.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. xxx
Dramidoc 27.08.2012
Zitat von sysopDem Parteitag der US-Republikaner droht Chaos: Wegen des Tropensturms "Isaac" musste Mitt Romneys Krönungsmesse schon um einen Tag verschoben werden, die PR-Strategie der Planer gerät durcheinander, manche Teilnehmer reisen gar nicht erst an. Statt Wahlkampf gibt es erstmal Sandsäcke. Rede von Romney: "Isaac" überschattet Parteitag der US-Republikaner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852209,00.html)
Wenn ich jetzt der religiösen Rechten in den USA angehören würde, dann ist das ein klarer Wink Gottes. Romney hat keinen göttlichen Beistand.^^ Das ist ein weiters Fiasko im Wahlkampf des Herrn Romney.
2.
schwerpunkt 27.08.2012
Sehe ich richtig, das ausgrechnet dieser Romney, für den die Raumfahrt lediglich den einzigen Sinn hat, den politischen Gegner auf den Mond zu schießen, sich auf dem Parteitag mit dem Gedenken an Neil Armstrong schmücken will? Ausgerechnte derjenige, dessen Visionen gerade mal von der Tapete bis zur Wand reichen.
3. god hates republicans
SPONU 27.08.2012
die christlichen Fundamentalisten und Romney's Wählerbasis sollte die Zeichen erkennen. Die interpretieren ja auch sonst alles passend zu ihrer Agenda. Aber im völlig vernunftfreien Amerika haben sich ja auch schon die ersten Stimmen gefunden, die Obama die Schuld am Sturm geben (Rush Limbaugh).
4.
Zathras 27.08.2012
Zitat von SPONUdie christlichen Fundamentalisten und Romney's Wählerbasis sollte die Zeichen erkennen. Die interpretieren ja auch sonst alles passend zu ihrer Agenda. Aber im völlig vernunftfreien Amerika haben sich ja auch schon die ersten Stimmen gefunden, die Obama die Schuld am Sturm geben (Rush Limbaugh).
Gleich mal nachgugge. Dass der Kerl noch auf Sendung gehen darf, ist als Deutscher kaum nachvollziehbar. Genau wie bei FOX NEWS, tischt der eine Lüge nach der anderen auf und verkauft das noch als Fakten.
5. Das Motto des ersten Tages revidiert
gandhiforever 27.08.2012
Zitat von sysopDem Parteitag der US-Republikaner droht Chaos: Wegen des Tropensturms "Isaac" musste Mitt Romneys Krönungsmesse schon um einen Tag verschoben werden, die PR-Strategie der Planer gerät durcheinander, manche Teilnehmer reisen gar nicht erst an. Statt Wahlkampf gibt es erstmal Sandsäcke. Rede von Romney: "Isaac" überschattet Parteitag der US-Republikaner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852209,00.html)
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