Rede vor US-Kongress: Web-Gemeinde schimpft auf Obamas Störenfried

Selbst in den USA kannten nur wenige Joe Wilson aus South Carolina - bis jetzt. "Sie lügen!", warf der Kongressabgeordnete US-Präsident Obama während dessen Rede zur Gesundheitsreform an den Kopf. Der Zwischenruf macht Wilson zum Hassobjekt im Internet - mit skurrilen Folgen.

Störmanöver im US-Kongress: "Sie lügen!" Fotos
AFP

Hamburg - Es war ein aufsehenerregender Verstoß gegen das politische Protokoll in Washington: Während der Rede von US-Präsident Barack Obama zur Gesundheitsreform brüllte Joe Wilson, republikanischer Abgeordneter aus South Carolina, seinen Protest in den Saal: Als Obama dem US-Kongress erklärte, dass keine illegal Eingewanderten in das neue Versorgungssystem einbezogen würden, rief er: "You lie!" - "Sie lügen!" Dazu fuchtelte er wütend mit dem Zeigefinger.

Der Präsident hielt nach dem Zwischenruf kurz inne, zeigt ein YouTube-Mitschnitt, setzte dann seine Rede fort. Doch Wilsons unbeherrschter Moment sollte Folgen haben. Der republikanische Senator und Ex-Präsidentschaftskandidat John McCain forderte seinen Parteifreund umgehend auf, sich zu entschuldigen - was Wilson auch tat. Er rief im Weißen Haus an, wo Stabschef Rahm Emanuel seine Entschuldigung im Namen von Obama annahm. Der Präsident sagte später: "Er hat sich umgehend entschuldigt, hat dies ohne Einschränkung getan, und damit bin ich zufrieden." Wilson erklärte, die Emotionen seien mit ihm durchgegangen. Sein Ausruf sei "unangemessen und bedauerlich".

Selbst Anhänger der Republikaner verurteilten die Aktion. "Wir sollten den Präsidenten mit Respekt behandeln, alles andere ist unpassend", sagte Mitch McConnell, Fraktionschef der Republikaner im Senat. Vertreter der Demokraten empörten sich über einen "Mangel an Respekt für das Amt des Präsidenten". Stabschef Emanuel, der wenige Reihen vor Wilson saß, reagierte entrüstet: "Kein Präsident wurde je so behandelt."

Wikipedia-Eintrag gesperrt

Missouris demokratische Senatorin Claire McCaskill bezeichnete den Zwischenruf vor den Kameras als "größte Enttäuschung des Abends". Über Twitter bediente sie sich eines deftigeren Vokabulars: "Niemals akzeptabel, sich wie ein Dummkopf zu benehmen", schrieb die Senatorin auf ihrem Profil.

Wilsons Störmanöver erzürnt die Internetgemeinde - frei von politischer Etikette. Hunderte Facebook- und Twitter-Nutzer beschimpfen den bisher wenig bekannten Kongressabgeordneten. Auf Twitter kam zu einer wahren Flut von Postings, die zur Verurteilung von Wilsons "Protokollbruch" aufriefen und seine Website sowie die Telefonnummer seines Büros angaben.

Bereits wenige Minuten nach Wilsons Zwischenruf wurde sein Eintrag auf Wikipedia um den Satz "Er ist ein Trottel, der den Präsidenten der Vereinigten Staaten im Fernsehen einen Lügner genannt und keinen Respekt vor dem Amt hat, das er bekleidet" ergänzt. Nach einem Hin und Her von Änderungen, in denen auch Wörter wie "Idiot" auftauchten, sperrte Wikipedia die Editierfunktion wegen "Vandalismus".

Seine Internetseite kann derzeit nicht besucht werden, und in seinem Büro ist Wilson CNN zufolge nicht zu erreichen. Doch auch seine Anhänger meldeten sich zu Wort. Auf Wilsons Facebook-Profil kam es zu wüsten Wortgefechten zwischen Fans und Gegnern.

Es gab aber auch humorvolle Reaktionen: Auf einer flugs eingerichteten Website wird bei jedem Reload ein neuer Anti-Wilson-Spruch sichtbar, etwa: "Joe Wilson hat deinem Säugling das Fluchen beigebracht", "Joe Wilson hat Salz auf deinen Rasen gestreut" oder "Joe Wilson hat heimlich leere Batterien in deine Fernbedienung gepackt".

amz

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Forum - Kann Obamas Gesundheitsreform noch gelingen?
insgesamt 3856 Beiträge
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1. Obama
ecce homo 07.08.2009
Ist halt schwer Präsident in der USA zu sein ohne Krieg zu führen. So gut wie alle Präsidenten, die eine zweite Amtszeit hatten, hatten gerade einen Krieg geführt. Man sollte Obama auch nicht als einen Heilsbringer sehen - es reicht, wenn er die Probleme nicht noch vermehrt und die Welt nicht noch mehr verschlechtert, wie dies ein Bush getan hat. Vielleicht ist Obama aber kein wirtschaftsliberal-kapitalistischer Präsident und die wird in gewissen Kreisen weniger verziehen, als ein Präsident den unnütz Menschen umbringen und foltern läßt.
2. Die Reform kann gelingen
Garibaldi, 07.08.2009
Es wird aber sehr schwer. Die Gesundheitslobby ist extrem stark und perfide. Die Versicherungen wollen am lukrativen system nichts ändern. Sie setzen massive Mitteln ein wie PR-Kampagnen, Lobbyisten als Wissenschaftler getarnt, Republikanische Politiker die in den Medien gezielt desinformieren, Medien die Manipulieren. Eigentlich das gleiche wie in Deutschland auch.
3.
Bettelmönch, 07.08.2009
Zitat von sysopDer Widerstand gegen Barack Obamas Gesundheitsreform wird immer lauter und hässlicher. Nun steckt das Mammutvorhaben endgültig fest. Das politische System der USA mit seinen Dauer-Showkampf im Kongress spielt den Gegnern des Präsidenten in die Hände. Wie kann die Reform noch gelingen?
Ich kapier das nicht ganz. Wenn die Leute das nicht wollen, sollen sie´s bleiben lassen. Wer sagt, daß das System reformiert werden muß? Könnten sich eigentlich nicht die 47 Millionen Unversicherten zusammenschließen und ihre eigene Versicherung gründen? Dann wäre das Problem doch gelöst.
4. Der Naivität abschwören
Peter Kunze 07.08.2009
Zitat von sysopDer Widerstand gegen Barack Obamas Gesundheitsreform wird immer lauter und hässlicher. Nun steckt das Mammutvorhaben endgültig fest. Das politische System der USA mit seinen Dauer-Showkampf im Kongress spielt den Gegnern des Präsidenten in die Hände. Wie kann die Reform noch gelingen?
Tach, Obama muss dringend zwei Probleme lösen: 1.) Die eigene Partei auf seine Linie bringen. 2.) Sich vom Konsensgedanken verabschieden. Politiker sind primär nicht am gemeinsamen Wohl des Landes interssiert sondern vertreten Interessengruppen. Die Republikaner im Kapitol sind in der Minderheit. Statt mit salbungsvollen Reden deren Zustimmung ergattern zu wollen sollte Obama sie schlicht und einfach ignorieren und als das behandeln, was sie sind: Opposition. Nur wenn er endlich Führungsstärke zeigt kann er das Ruder noch rumreissen. Bye Peter
5.
rkinfo 07.08.2009
Zitat von sysopDer Widerstand gegen Barack Obamas Gesundheitsreform wird immer lauter und hässlicher. Nun steckt das Mammutvorhaben endgültig fest. Das politische System der USA mit seinen Dauer-Showkampf im Kongress spielt den Gegnern des Präsidenten in die Hände. Wie kann die Reform noch gelingen?
Dass es in den USA gerade unter den Republikanern Fanatiker gibt hat ja die Ära G.W.B. gut gezeigt. Wichtig wird aber werden ob die private Versicherungswirtschaft den US Präsidenten unterstützen wird. Wobei jene aber aktuell erlebt wie ihre Kunden in Armut versinken und wegbrechen. Nicht auszuschließen sind Eigeninitiativen der großen Firmen oder Verbände selbst Ärzte anzustellen und so günstigere Kostenstrukturen zu erhalten. Geschieht nichts wird der privaten Krankenversicherungen und auch den Ärzten definitiv die Kundschaft wegbrechen. Es ist also wirtschaftlicher Wahnsinn nicht zu reformieren.
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