Von Sebastian Fischer, Washington
Washington - Der stärkste Moment kommt zum Schluss. Da wird vollends klar, dass Barack Obama keine Rede zur Lage der Nation hält. Sondern eine Rede an die Nation. Es ist Dienstagabend, der Präsident steht vor den Mitgliedern des Kongresses. Und gut 50 Millionen Amerikaner schauen jetzt live zu, wie er die Lehren aus all den Amokläufen zieht, schärfere Waffengesetze fordert - und damit den störrischen Republikanern den Kampf ansagt.
Obama sucht Verbündete für seine kommenden vier Jahre. Die sucht er nicht im Parlament, sondern draußen, im Volk. Am Beispiel der Waffenfrage klingt das dann so: Egal ob bessere Überprüfung der Käufer, Verbot von Kriegswaffen oder Magazine mit weniger Munition - alle diese Vorschläge, so Obama, "verdienen eine Abstimmung im Kongress". Wer mit Nein stimmen wolle, bitte schön, "das ist eure Wahl".
Politischer Gänsehautmoment
Und dann ist er bei Hadiya Pendleton, dem 15 Jahre alten Mädchen, das noch Ende Januar bei seiner Amtseinführung in Washington bei einer Tanzvorführung mitmachte - und eine Woche später in Chicago erschossen wurde. Oben, auf der Besuchertribüne, sitzen jetzt Hadiyas Eltern.
"Sie verdienen eine Abstimmung", sagt Obama.
Oder Gabby Giffords, die frühere Kongressabgeordnete, der bei einem Attentat in Arizona in den Kopf geschossen wurde und die nur knapp überlebte: "Gabby Giffords verdient eine Abstimmung", sagt Obama.
Oder die Angehörigen der Opfer des Amoklaufs von Connecticut kurz vor Weihnachten: "Die Familien von Newtown verdienen eine Abstimmung", sagt Obama.
Oder die Angehörigen der Opfer des Kino-Amoklaufs von Colorado: "Die Familien von Aurora verdienen eine Abstimmung", sagt Obama.
Alles in allem ist das eine deutlich linksliberale Agenda, wie sie vor ein, zwei Jahren noch mehr oder wenig undenkbar gewesen wäre. Damals stand Obama unter dem Druck der von der radikalkonservativen Tea-Party-Bewegung unterwanderten Republikaner, die eigenen Anhänger warfen ihm Nachgiebigkeit vor. Jetzt ist es umgekehrt: Seit seinem Wahlsieg im November versucht Obama die führungslosen, gespaltenen Republikaner in die Ecke zu drängen.
"Ich habe immer viel von Lincoln gelesen"
Natürlich, mit ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus können sie ihn weiter blockieren. Doch Obama macht jetzt mit seiner Rede zur Lage der Nation ("State of the Union") erneut deutlich, dass er sich seine Mehrheiten woanders sucht: Mit der öffentlichen Meinung gegen das Parlament, oder besser: den widerspenstigen Teil des Parlaments. Im Interview mit dem Magazin "The New Republic" erinnerte Obama jüngst an sein großes Vorbild, den Bürgerkriegspräsidenten Abraham Lincoln: "Ich habe immer viel von Lincoln gelesen, und ich erinnere mich gern an seinen Spruch, dass es nichts gibt, was man nicht mit der öffentlichen Meinung im Rücken erreichen kann - und ohne kommt man nicht weit."
Tatsächlich geht das Konzept bisher auf, einer neuen "Washington Post"-Umfrage zufolge liegt die Zustimmungsrate für die Republikaner im Kongress bei 24 Prozent; Obama selbst kommt auf 55 Prozent. Schon die Rede zu seiner Amtseinführung hatte der Präsident mit Härte gewürzt: "Ihr und ich, wir als Bürger haben die Macht, den Kurs dieses Landes zu bestimmen", rief der neue Obama den Amerikanern da zu. In der State-of-the-Union-Rede findet dieser Ansatz seine Fortsetzung.
So gibt sich Obama allein in den ersten Minuten betont versöhnlich. Er zitiert John F. Kennedy ("Nicht Rivalen um die Macht, sondern Partner für den Fortschritt") und merkt an, die Amerikaner würden von ihren Politikern erwarten, die Interessen der Nation vor jene der Parteien zu stellen. Was man bei solchen Anlässen eben so sagt. Es sind jene Minuten von Obamas Rede, in denen man nicht nur den links hinter ihm sitzenden Vize-Präsidenten Joe Biden energisch applaudieren sieht, sondern auch den rechts platzierten Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner.
Doch dass die Harmonie zwischen diesen Männern nicht stimmt, das scheinen sie schon durch die Wahl ihrer Krawatten zum Ausdruck bringen zu wollen: Obama und Biden tragen lila beziehungsweise blau, während Boehner auf eine Farbe setzt, die wohl am ehesten mit grell-lachsfarben zu beschreiben ist. Je weiter Obama mit seiner Rede fortschreitet, desto entschiedener fügt der Sprecher Boehner diesem Ensemble noch einen genervten Gesichtsausdruck hinzu. Und den Charakter, der in der Verfassung vorgesehenen State-of-the-Union-Rede folgend, wird der Präsident recht konkret:
Kurz darauf antwortet Floridas aufstrebender US-Senator Marco Rubio in einer TV-Botschaft. Der 41-jährige potentielle Präsidentschaftsbewerber für 2016 versucht seine Partei just aus jener Ecke zu holen, in die Obama sie drängt. Und Rubio, Sohn kubanischer Einwanderer, setzt dabei ebenfalls auf Volksnähe: "Mr. President, ich lebe noch immer im selben Arbeiterklasse-Umfeld, in dem ich aufwuchs." Seine Nachbarn seien Einwanderer, die einst in Armut lebten, weil in ihren Herkunftsländern "die Regierung die Wirtschaft dominiert" - das, so die Botschaft, droht auch den USA unter Obama. Es ist die republikanische Gegenerzählung. Bleibt abzuwarten, wer am Ende Erfolg hat.
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