Redenschreiber David Frum "Die Bush-Regierung ist auf halbem Wege stecken geblieben"

Er war der Erfinder der "Achse des Bösen": Nun wirft der frühere Redenschreiber von George W. Bush, David Frum, seinem Präsidenten im SPIEGEL-ONLINE-Interview schwere Fehler im Irak und bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus vor.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Frum, vor fünf Jahren prägten sie den inzwischen weltberühmten Begriff von der "Achse des Bösen".

David Frum: Eine Rede des Präsidenten ist immer die Arbeit vieler Beteiligter, und wenn er den Text akzeptiert, sind es seine Worte. Wir waren mitten in einer sehr großen Debatte: Hatten die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Alliierten ein Problem mit al-Qaida, oder war es eine größere Bedrohung durch den islamischen Extremismus in Kombination mit Massenvernichtungswaffen? Der Präsident war der Meinung, dass es sich um ein größeres Problem handelt, ein Netzwerk von Staaten, die im Laufe der Zeit gemeinsam Zugang zu fürchterlichen Waffen finden werden. Er versuchte mit dieser Rede, das Blickfeld der Menschen zu erweitern.

SPIEGEL ONLINE: Die Formulierung sollte offenbar an die Achsenmächte des Zweiten Weltkrieges erinnern.

Frum: Ich sah eine sehr präzise Analogie zum Zweiten Weltkrieg. Präsident Roosevelt war der Auffassung, Nazi-Deutschland sei viel gefährlicher als Japan. Aber als Japan Pearl Harbour bombardierte, glaubten viele Isolationisten, dass wir es uns nicht leisten könnten, uns mit Deutschland zu befassen. Nach dem 11. September 2001 erkannte die Regierung, dass die USA mit einem umfassenden Problem konfrontiert waren: islamischen Extremisten.

SPIEGEL ONLINE: Zunächst waren nur Iran und Irak als Mitglieder dieser "Achse des Bösen" vorgesehen. Wie kam denn Nordkorea, ein Land ohne bedeutenden muslimischen Bevölkerungsanteil, hinzu?

Frum: Bei den so klar definierten Befürchtungen wäre es sehr schwer gewesen, Nordkorea nicht zu erwähnen. Es ist ein so krasser Fall. Ich glaube aber, es wurde ein krasser Fehler gemacht - Pakistan und Saudi-Arabien erst gar nicht in Betracht zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach einer ziemlich verspäteten Entschuldigung.

Frum: Schauen wir uns doch Staaten an, die den Terrorismus unterstützten: Meiner Meinung nach hat kein Land eine schlechtere Bilanz als Pakistan. Und wenn man sich um die Verbreitung extremistischer Ideologien sorgt, ist die Bilanz Saudi-Arabiens verheerend. Wenn Sie also kritisieren wollen, was wir vor fünf Jahren gesagt und getan haben, stellt sich die Frage, wie wir Pakistan und Saudi-Arabien nicht einbeziehen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Wahrscheinlich ist die Antwort ziemlich einfach: Beide waren und sind enge Verbündete der USA.

Frum: Es herrschte zu viel Bereitwilligkeit zu glauben, dass Pakistan vollständig mit dem Westen kooperieren wollte. Das ist ein großer Teil der Probleme in Afghanistan. Und wenn Terroristen einmal in den Besitz einer wirklich schrecklichen Waffe gelangen werden, wird sich ihre Geschichte nach Pakistan zurückverfolgen lassen. Saudi-Arabien war sehr hilfreich. Aber die Typen, die Gasbomben in deutsche Züge legen, haben ihre Ideen von Lehrern, die von der saudischen Regierung bezahlt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wir können uns an niemanden in Washington erinnern, der vorgeschlagen hätte, sich um Saudi-Arabien anstatt des Irak zu kümmern.

Frum: Die Geschichte der Bush-Regierung ist die einer Administration, die auf halbem Wege stecken geblieben ist. Sie wollte das Ausmaß der Probleme gar nicht wahrhaben. Ihre Politik basierte auf der Annahme, dass wir ein solides Bündnis mit diesen beiden Staaten haben. Wäre es möglich gewesen, 2001 das Problem Saudi-Arabien anzusprechen, hätte es vielleicht nie einen Irak-Krieg gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Das ist schwer zu glauben. Was wäre denn die angemessene Reaktion gewesen - Saudi-Arabien anzugreifen?

Frum: Nein, ganz und gar nicht. Aber wir hätten uns mit den Tatsachen beschäftigen sollen, was Saudi-Arabien tut, wen es finanziert. Amerika und seine westlichen Verbündeten sind stark genug, um von Saudi-Arabien zu verlangen, sein Verhalten zu ändern. Es ist nicht zu viel verlangt, dass Saudi Arabien außerhalb seines Landes keine religiösen Missionen mehr unterstützt. Keine amerikanische Regierung war doch je bereit, das saudische Problem wirklich zur Kenntnis zu nehmen.

"Was diese Länder vereinte, war ihr Hass"

SPIEGEL ONLINE: Hat dem Präsidenten die Formulierung von der Achse des Bösen eigentlich gefallen?

Frum: Sehr. Der erste Ausdruck, der aus meinem Computer kam, war "Achse des Hasses". Alle diese verschiedenen Länder hatten unterschiedliche Ideologien - was sie vereinte, war ihr Hass auf die westliche Welt.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Bush je bereut hat, diese Worte benutzt zu haben?

Frum: Der Präsident ist kein Mann des Bedauerns, aber der Begriff bereitet ihm ein Problem. Er hat sich unumstößlich festgelegt, Iran daran zu hindern, Nuklearmacht zu werden. Aber die Regierung hat keinen Plan, nicht einmal jetzt. Also gibt es Bushs Verpflichtung, aber keine Strategie, sie umzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Damals klang die Formulierung nach einem bedrohlichen, inoffiziellen Arbeitsplan für die Bush-Präsidentschaft: Heute ist Irak im Chaos, Nordkorea Nuklearmacht und Iran offenbar auf dem Weg dorthin. Ist die Doktrin überhaupt noch gültig?

Frum: Es ist nicht gerade viel Fortschritt gemacht worden, aber das macht das Ziel nicht weniger dringend. Vor fünf Jahren haben die Europäer uns oft dafür kritisiert, dass wir versuchen, zu viel zu tun. Mein Eindruck ist, heute sorgen sie sich, dass wir zu wenig tun.

SPIEGEL ONLINE: Das Gefühl in Europa ist eher, dass Amerika durch den Angriff auf den Irak seine Glaubwürdigkeit verloren hat - und deshalb die wesentlich wichtigeren Probleme wie Nord Korea und Iran nicht in Angriff nehmen konnte.

Frum: Das hört sich fünf Jahre später an wie eine sehr machtvolle Kritik. Nur glaubte die Bush-Regierung im Jahr 2002, der Irak sei das schwächste Glied der Kette und deshalb am leichtesten zu überwältigen. Alle Regierungspläne basierten auf der Idee, dass der Irak-Krieg ziemlich schnell ein Erfolg werden würde.

SPIEGEL ONLINE: Muss Bush seine Ziele für den Irak aufgeben?

Frum: Die Ziele sind geschrumpft. Wenn sich die Gewalt unterdrücken lässt und sich eine irgendwie westlich orientierte Regierung etabliert, dann werden die Menschen das als sehr, sehr großen Erfolg betrachten. Vielleicht hätte dies von Anfang an unser Ziel sein sollen. Der Präsident glaubte, dass die Menschen in der Region begierig darauf warteten, den Extremismus abzuschütteln. Wie sich herausstellte, war das eine viel zu rosige Annahme.

"Es gibt noch viele Rätsel rund um diesen Krieg"

SPIEGEL ONLINE: Zu den heftigsten Kritikern gehören heute die Neocons, darunter ihr Freund Richard Perle. Er sagt, hätte er gewusst, wie viele Fehler die Bush-Regierung machen würde, wäre er gegen die Invasion gewesen. Distanzieren Sie sich von dem Krieg, den Sie so lautstark unterstützt haben?

Frum: Das ist eine sehr schwierige Frage. Lassen Sie mich sagen, dass schreckliche Fehler gemacht wurden. Es wurde diskutiert, die Macht sofort an eine provisorische Regierung zu übergeben. Der andere Plan, der vielleicht funktioniert hätte, war eine wirklich massive Invasion mit 300.000 Mann. Die Entscheidungen zwischen diesen beiden Plänen wurden nicht getroffen. Und das Resultat war eine amerikanische Besatzung, aber nur mit so vielen Kräften wie zur Unterstützung einer provisorischen irakischen Regierung beabsichtigt waren...

SPIEGEL ONLINE: ...weil es unter den Neocons, die sogar einen Teil der Planung im Pentagon durchführten, so viele Optimisten gab. Von einem "Spaziergang" war die Rede.

Frum: Es ist besser, individuelle Namen statt der Formulierung Neocon zu verwenden. Das wirkliche Missverständnis war doch: Die Militärplaner gingen davon aus, dass die USA nach dem Einmarsch im Irak einen funktionierenden Staat und eine Bürokratie vorfinden würden. Aber unter dem Druck der Sanktionen war der Staat kollabiert, Saddam Hussein hatte wieder eine Art feudales Stammes-Regime etabliert. Ein Scheich war ihm ergeben, also bekam er einen Land Rover und Geld. Ein Scheich war nicht treu, also wurde er getötet.

SPIEGEL ONLINE: Die viel zu rosigen Annahmen führten dann nach der Invasion sogar zu der Entscheidung, die Mitglieder der Bath-Partei zu entlassen und die irakische Armee nach Hause zu schicken.

Frum: Es gibt noch viele Rätsel um diesen Krieg. Eines ist, woher dieser Befehl kam. Donald Rumsfeld sagt, dass er ihn nicht erteilt hat. Gleichzeitig besteht Paul Bremer darauf, dass er nur im Auftrag gehandelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Kommen Sie also hinsichtlich des Irak-Debakels zum gleichen Schluss wie Richard Perle?

Frum: Ich will nicht diese Formulierungen benutzen. Alles, was ich zu dieser Frage sagen kann, ist, dass ich fest daran geglaubt habe, dass der Irak ganz kurz davor stand, sich Massenvernichtungswaffen zu beschaffen. Und ich muss glauben, dass der Präsident diese Überzeugung teilte.

SPIEGEL ONLINE: Ist Bush der letzte Neocon, wie der konservative Kolumnist Bill Kristol gerade schrieb?

Frum: Die Geschichte der Bush-Regierung ist die Übernahme gewisser Doktrinen, die als "neo-konservativ" bezeichnet werden; dann werden Personen mit der Durchführung betraut, die nicht an diese Ideen glauben. Wenn Bush wirklich ein Neocon wäre, wie jeder behauptet, wäre seine Antwort auf den 11. September anders ausgefallen. Er hätte gesagt, dass der Extremismus seinen Ursprung in Saudi-Arabien hat. Und dass die saudische Regierung ihn schürte, um sich vor den Konsequenzen ihrer eigenen Korruption zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Debakel im Irak die im Grunde richtige Vision von Demokratie für den Nahen Osten diskreditiert?

Frum: Nein. Sie wird eine Weile schlummern, aber mächtiger denn je zurückkehren. Die Erkenntnis, dass die Probleme der Region auf die Art und Weise zurückzuführen sind, wie dort regiert wird, erscheint mir immer noch höchst einleuchtend.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist der Irak nicht zumindest der Beweis, dass man besser nicht versucht, mit Gewalt die politische Landkarte zu verändern?

Frum: Gewalt ist immer der letzte Weg. Aber wenn man sie schon nutzt, dann muss anschließend eine echte Demokratisierung erfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Joshua Muravchik vom American Enterprise Institute will, dass die Neocons schon jetzt für die Bombardierung Irans werben sollen.

Frum: Es ist keine gute Idee, jetzt Dinge zu diskutieren, die nur die Geschlossenheit des westlichen Vorgehens zerstören würden. Es muss übrigens nicht stimmen, dass Bombardieren die einzige Antwort ist. Wir erfahren täglich mehr über die wirtschaftliche Verwundbarkeit des iranischen Regimes.

SPIEGEL ONLINE: Was wird die Geschichte einmal über diesen Präsidenten sagen?

Frum: Auf seinem Grabstein könnte stehen: "Er hat viel versucht." Er hat groß geträumt. Aber das ist eine gefährliche Frage, Präsidenten sind wie Aktien. Ihr Ansehen steigt und fällt. Man wird ihm die Bereitschaft zugute halten, das Problem des islamischen Extremismus umfassend anzugehen. Und er wird darunter leiden, dass er den Irak unterschätzt hat. Das wird ihm vorgehalten werden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich persönlich je den Begriff von der "Achse des Bösen" bedauert?

Frum: Redenschreiber sind anfälliger für Eitelkeit als jede andere Personengruppe in Washington. Die Dinge geschehen nicht, weil ich eine Rede schreibe. Ich darf eine Rede schreiben, weil Dinge geschehen werden. Es zu bedauern wäre ein wenig eingebildet. Denn es würde unterstellen, dass ich einen größeren Unterschied gemacht habe, als ich es wirklich tat.

Das Interview führte Georg Mascolo



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