Tunesien: Wo die Revolution im Staub liegt

Aus Redeyef, Tunesien, berichtet Katharina Pfannkuch

Die Kleinstadt Redeyef, tief in der tunesischen Provinz, kennt vor allem Staub, Hitze, Phosphat: Lange bevor die Welt die Jasmin-Revolution verfolgte, begannen hier vor zwei Jahren die Aufstände gegen das Ben-Ali-Regime. Was hat die Bewegung bewirkt?

Tunesien: Glühende Straßen in Redeyef Fotos
Katharina Pfannkuch

Ein beißender Geruch nach Schwefel liegt in der Luft, Straßen und Häuser versinken unter dem Schleier einer gelb-grauen Staubschicht. Nur wenige Menschen sind vor ärmlichen Häusern zu sehen, einige Kinder spielen vor der trostlosen Kulisse mit einer leeren Cola-Dose Fußball. Die Straße bietet dafür ausreichend Platz, es herrscht nur wenig Verkehr. In Redeyef, einer Kleinstadt im tunesischen Binnenland, etwa 330 Kilometer von Tunis entfernt, scheinen die Zeit und das Leben still zu stehen. Kein Vogelgezwitscher, kein Verkehrsrauschen: Die Rufe der spielenden Kinder sind die einzigen Anzeichen dafür, dass hier tatsächlich gelebt wird.

Nur wenige Kilometer von der algerischen Grenze entfernt, liegt Redeyef mitten in einem Phosphatbecken, dessen Fläche rund 6000 Quadratkilometer misst. Die Spuren, die der Abbau des einzigen Bodenschatzes Tunesiens hinterlässt, sind unübersehbar und prägen die Landschaft, die in ein mattes Gelb-Grau getaucht ist. Krater zeugen von Sprengungen, die für den Phosphatabbau durchgeführt werden, wie Narben ziehen sich die Risse durch den trockenen Boden.

Man mag kaum glauben, dass ausgerechnet diese Gegend vielen Tunesiern als die "Wiege der Revolution" gilt: Von revolutionärem Kampfesgeist ist auf den menschenleeren Straßen nur wenig zu spüren. Dabei war die 30.000-Einwohner-Stadt Redeyef bereits mehrfach Schauplatz heftiger Unruhen und Proteste - lange bevor die Jasmin-Revolution vor zwei Jahren den Startschuss für den so genannten Arabischen Frühling geben sollte.

Die Spurensuche führt zu Adnan Hajji, einem der berühmtesten Söhne der Stadt. Aktivist, Gewerkschafter, Zeitzeuge, Streikführer: Mehr als einmal hat Hajji in den vergangenen zwei Jahrzehnten als Gegner des tunesischen Regimes weit über die Region hinaus von sich Reden gemacht.

In einer verlassenen Seitenstraße liegt das Gewerkschaftshaus von Redeyef: Lediglich eine kleine, unauffällige Beschriftung lässt erkennen, dass sich hier die Büros des lokalen Ablegers der Union Générale Tunisiennes de Travail (UGTT) befinden.

Hier empfängt Hajji, der seine Telefonnummer wöchentlich wechselt und seinen Wohnsitz geheim hält, Besucher. Der Putz an den Außenwänden bröckelt, Risse durchziehen das Mauerwerk, auch hier sind die gelben Verfärbungen aus Phosphat zu sehen. Ein kleines Graffito an der Hauswand zeigt eine emporgereckte Hand, die mit den Fingern das Victory-Zeichen formt. "Revolution" steht darüber geschrieben, das V für Victory bildet in dem Graffito gleichzeitig das V im Wort Revolution.

Wer sind die Sieger der Jasmin-Revolution, wer die Verlierer? "Es gibt in der tunesischen Geschichte nicht nur diese eine Revolution. Jeder Aufstand, jede Demonstration, jeder Streik in den vergangenen 20 Jahren hat dazu beigetragen, dass das tunesische Volk noch zum Sieger der Jasmin-Revolution werden kann", lautet die Antwort von Adnan Hajji.

In den kleinen, engen Räumen des Gewerkschaftshauses wirkt die Gestalt des großgewachsenen, korpulenten Adnan Hajji, der mit tiefer und durchdringender Stimme spricht, noch einnehmender. Er wurde in Redeyef geboren, ist 54 Jahre alt, doch er wirkt älter: Der Kampf um Würde, Freiheit und soziale Gerechtigkeit hat Spuren im Gesicht des Mannes hinterlassen, der 1979 zum ersten Mal in einem tunesischen Gefängnis saß.

Das Geld wandert in die Küstenregionen

Damals noch Student, hatte sich Adnan Hajji an einem Protest gegen die Bildungs- und Arbeitspolitik des Regimes unter Habib Bourguiba beteiligt. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis beendete Hajji sein Lehramtsstudium und unterrichtete Arabisch und Französisch an mehreren tunesischen Schulen - doch seinem Kampf gegen das Regime stellte er trotz der bürgerlichen Fassade nicht ein. Auf die Teilnahme an einem Streik zu Beginn der achtziger Jahre folgte eine einjährige Suspendierung vom Lehrdienst. Ein Warnschuss, der verpuffte: Zurück in seiner Heimatstadt Redeyef organisierte Hajji Demonstrationen, beteiligte sich an Streiks und Protesten.

"Die Bereitschaft, sich gegen die politische Obrigkeit aufzulehnen, war in dieser Region schon immer sehr groß", sagt Hajji, der in Tunesien als eine der Schlüsselfiguren der Revolution bezeichnet wird. Zwei Gründe nennt er für den immer wieder aufkeimenden Volkszorn in den Phosphatstädten im tunesischen Binnenland: "Die Menschen, die hier leben, spüren die Konsequenzen der Korruption und des Nepotismus seit Jahrzehnten am eigenen Leib.

Anstatt die Gewinne aus dem Phosphatabbau auch vor Ort zu investieren, gingen diese grundsätzlich in die repräsentativen Küstenregionen - dorthin, wo sich auch die Touristen gerne aufhielten. Städte wie Redeyef wurden bewusst vernachlässigt." Der zweite Grund für die Bereitschaft, immer wieder gegen das Regime aufzubegehren, resultiere aus dem ersten: "Wer nichts zu verlieren hat, der ist bereit dazu, das Wenige, was er hat, zu riskieren", sagt Adnan Hajji.

Bereits im November 1987, nur eine Woche nachdem sich Zine el-Abidine Ben Ali ins Amt des Präsidenten geputscht hatte, riskierten die Bewohner von Redeyef und den umliegenden Städten viel: Mit einem Marsch machten sie ihrem Unmut über den neuen Präsidenten Tunesiens Luft. Adnan Hajji war einer der Organisatoren dieser ersten öffentlichen Demonstration gegen Ben Ali - und stand fortan unter stetiger Beobachtung des Regimes. Dennoch gelang es ihm, seinen Beruf als Lehrer weiter auszuüben und innerhalb der Lehrergewerkschaft zum Generalsekretär aufzusteigen.

2001 wurde er Mitglied des regionalen Büros der UGTT. Zu dem Gewerkschaftsverband, der in der politischen Landschaft des postrevolutionären Tunesien zunehmend die Position einer Oppositionspartei einnimmt, hat Hajji trotz seines persönlichen Engagements ein distanziertes Verhältnis: "Nach der Jasmin-Revolution begann die UGTT, sich als eine Art Oppositionspartei zu inszenieren, die maßgeblich an dem Sturz des Regimes mitgewirkt habe. Doch das trifft nicht zu", so Hajji. Der sonst so ruhige Mann hebt seine Stimme: "Die Ereignisse von 2010 stellten die vorerst letzte Episode aller Proteste dar, die es zuvor gegen Ben Ali gab. Vor allem der Aufstand, der 2008 hier in Redeyef ausbrach, gab der Jasmin-Revolution Nährboden. Und die UGTT hat sich an diesem Aufstand nicht beteiligt."

16 Monate saß der Wortführer in Haft

Adnan Hajji atmet tief durch. Der Aufstand von 2008 ist so etwas wie sein wunder Punkt: Hajji führte den Streik gegen die Korruption in der Phosphatindustrie an, der sich in eine Revolte wandelte und die Region um Redeyef für sechs Monate in einen Ausnahmezustand versetzte. 34 Demonstranten kamen während Zusammenstößen mit der Polizei ums Leben, über 2000 Aufständige wurden inhaftiert - es war die größte Protestbewegung, die es bis dato in der tunesischen Geschichte gegeben hatte. Auch Adnan Hajji wurde aufgrund seiner Rolle als Wortführer des Streiks festgenommen und verbüßte eine Gefängnisstrafe von 16 Monaten.

Hajji zeigt auf die Fotos, die an den Wänden seines Büros hängen. Sie zeigen junge Männer, die während der Unruhen 2008 starben, aber auch die demonstrierenden Massen sind auf den Aufnahmen zu sehen. "Auch diesen Menschen haben wir den Sturz Ben Alis zu verdanken", sagt Adnan Hajji, "ohne sie hätten die Menschen weder in Sidi Bouzid noch in Tunis den Mut gehabt, Ben Ali zu stürzen. Es war das Volk, das sich gegen die Diktatur gewehrt hat. Weder die UGTT noch eine andere Institution oder Partei hat das Recht, diesen wichtigen Erfolg für sich zu beanspruchen", erklärt Hajji.

Menschen sorgen sich um Einkommen, Gesundheit, Bildung

Es ist nicht etwa Eitelkeit, die aus Hajji spricht, wenn er immer wieder betont, dass es nicht allein die Selbstverbrennung des Tunesiers Mohamed Bouaziz im Dezember 2010 war, die den so genannten Arabischen Frühling ausgelöst hat. "Diese vereinfachte Darstellung führt dazu, dass die Menschen in Tunesien nun auch zu einfache Lösungen für die anstehenden Aufgaben und Probleme des Landes erwarten", so Hajji.

Die Korruption in der Phosphatindustrie, die ungerechte Verteilung der Erträge innerhalb des Landes und die unzureichende Gesundheitsversorgung der Bewohner von Redeyef und anderen Phosphatstädten im Binnenland gehören laut Hajji zu diesen Problemen, an deren Lösung er sich auch weiterhin beteiligen will. "Die zukünftige Verfassung des Landes, Frauenrechte und die Rolle der Religion in unserer Gesellschaft sind natürlich medienwirksamer - gerade für ausländische Medien", fügt Adnan Hajji hinzu.

"Doch im Alltag sorgen sich die Menschen vor allem um die naheliegenden Dinge: ihr Einkommen, ihre Gesundheit, die Bildung ihrer Kinder. Auch hier, in Redeyef, der Wiege der Revolution".

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1. Korrektur
sponcommi 06.01.2013
Würden Sie bitte damit aufhören es "Jasmin"-Revolution zu nennen. Es ist die Revolution der Freiheit und Würde. Außerdem hassen die meisten Tunesier die Bezeichnung "arabische Frühling". Sie haben keine Revolutionen für den Export. Jeder der Gesellschaften haben ihre eigene Probleme, die sie auf ihre weise lösen möchten.
2. Hat es also was gebracht ?
HappyPrimateIdiot 06.01.2013
Zitat von sponcommiWürden Sie bitte damit aufhören es "Jasmin"-Revolution zu nennen. Es ist die Revolution der Freiheit und Würde. Außerdem hassen die meisten Tunesier die Bezeichnung "arabische Frühling". Sie haben keine Revolutionen für den Export. Jeder der Gesellschaften haben ihre eigene Probleme, die sie auf ihre weise lösen möchten.
Wird nicht ganz klar, alles rein dialektisch. Freiheit, Wuerde, Ehre, Pustekuchen. Was nutzt Freiheit, wenn sie theoretisch ist und man sich NICHTS dafuer kaufen kann. Die Leute denken im Frieden eben an "ihr Einkommen, ihre Gesundheit, die Bildung ihrer Kinder" - diese Verraeter. Und irgendwo brauchen sie eine politische Spitze (die man jederzeit als despotisch bezeichnen kann, weil sie es in manchen Dingen notwendigerweise IST. Auch, wenn man sie vorher gewaehlt hat). Wir haben ja das gleiche Problem. Freilich kommt das Wort "Despoten" nicht so gut ueber die Lippen, weil das ja nun auch etwas uebertrieben ist - die verarschen uns schliesslich voellig gewaltfrei.
3. Küstenregionen
abominog 06.01.2013
Also ich bin ja jetzt schon gespannt, wie sich der bevorstehende Anstieg des Meeresspiegels auf die Küstenregionen dieses Planeten auswirken wird. Milliarden Menschen wohnen unmittelbar in bedrohten Küstengebieten, die grössten Städte dieser Welt sind dort angesiedelt. Was wird wohl passieren, wenn aus dem Klimawandel plötzlich über Nacht eine Klimakatastrophe wird?
4.
Le Commissaire 06.01.2013
Zitat von sysopDie Kleinstadt Redeyef, tief in der tunesischen Provinz, kennt vor allem Staub, Hitze, Phosphat: Lange bevor die Welt die Jasmin-Revolution verfolgte, begannen hier vor zwei Jahren die Aufstände gegen das Ben-Ali-Regime. Was hat die Bewegung bewirkt? Redeyef in Tunesien: Frust in der Wiege der Revolution - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/redeyef-in-tunesien-frust-in-der-wiege-der-revolution-a-875788.html)
Vielen Dank für diesen Bericht. Ich muss gestehen: Mir war nicht bekannt, dass es in Tunesien vor der Revolution von 2010 nennenswerte Proteste gegeben hat. Aber es ist ja meistens so, dass die Ereignisse komplexer und kleinteiliger sind, als sie bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen. Ich wünsche mir mehr Berichte über die Entwicklung in Tunesien und Libyen. Die Revolutionen dort sind unwahrscheinlich großartig, letztlich steht ja aber noch nicht fest, in welche Richtung sich die Gesellschaften dort entwickeln.
5. Auch in Tunesien wird es die Landflucht
bjuv 06.01.2013
in die großen Writschaftszentren geben, die nun mal hauptsächlich an der Küste liegen. Das ist genauso wie in der BRD und im übrigen Westeuropa. (BIs auf die Küste) Wie Meck Pom wird die Provinz von der politischen Änderung nur sehr rudimentär profitieren. Allerdings muss in Tunesien wie in der BRD ein Riesenproblem, die Geißel der Menschheit unbedingt beseitigt werden: Die Korruption! Und das beginnt beim einfachen Bürger, hier wie da!
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Fläche: 164.000 km²

Bevölkerung: 10,374 Mio.

Hauptstadt: Tunis

Staatsoberhaupt:
Moncef Marzouki

Regierungschef: Mehdi Jomaa

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