Referendum im Südsudan: "Jetzt geht es um Leben und Tod"

Aus Juba berichtet Horand Knaup

2. Teil: "Diesmal kommen sie für immer"

Und natürlich spielt im Sudan immer das Öl eine Rolle. Das Land ist zum drittgrößten Produzenten Afrikas aufgestiegen. Der Norden lebt zu 85 Prozent, der Süden sogar zu 95 Prozent von den Öleinnahmen. Derzeit werden die Einnahmen etwa hälftig geteilt. Das soll sich ändern, sagen sie im Süden. "Der Norden wird nicht auf Dauer 50 Prozent behalten können", sagt Majok Guandong, der aus dem Süden stammende Sudan-Botschafter in Nairobi. Er wird nach dem Referendum wohl in die Regierung von Südpräsident Salva Kiir einziehen. "Der Norden erhebt doch auch Anspruch auf 15 Universitäten, Bibliotheken oder Stadien, und wir machen ihm das nicht streitig", sagt der eloquente Sprecher der SPLM-Jugendbewegung, Akol Kordit. "Die 50:50-Regelung ist keine Lösung, die auf Dauer Bestand haben wird", verkündet auch der Minister für Frieden und die Umsetzung des gemeinsamen Abkommens, Pagan Amum.

Das Problem daran: Der Süden sitzt zwar auf dem Öl, der Norden aber hat die Herrschaft über die Pipelines und die Raffinerien. Nur wenn das Öl in den Hafen von Port Sudan weitergeleitet, raffiniert und exportiert wird, kommt auch der Süden an seine Devisen. Das heißt: Beide Seiten sind bedingungslos aufeinander angewiesen. Einigen sie sich nicht, versiegt das Öl als Einnahmequelle.

Hauptsache Muslim?

Und trotz der gegenseitigen Abhängigkeit hält das Land nicht mehr viel zusammen. In Malakal, einer der größten Städte des Südens, am Nil gelegen, empfängt der anglikanische Bischof Hillary Garang im Schatten seines leerstehenden Schulhauses. Es ist Sonntag, nebenan beginnen die Vorbereitungen zum Gottesdienst.

Vier Schulen betreibt seine Kirche in Malakal. Seit 2003 ist er in der Stadt. "Die Regierung in Khartum wollte islamische Schulen aufbauen", sagt der Bischof, "da mussten wir gegenhalten". Auch sonst fällt ihm nicht viel Gutes zu den Muslimen und zur Regierung in Khartum ein. "Die haben Chauffeure zu Bürgermeistern gemacht, Hauptsache, er war ein Muslim."

Einige Südstaatler seien nach dem Friedensschluss 2005 aus dem Norden nach Malakal gekommen, aber der Anschluss sei ihnen schwer gefallen. Das werde sich jetzt ändern. "Jetzt geht es um Leben und Tod. Diesmal kommen sie für immer."

Grund zur Sorge hat auch Dominique Awol. Der Veterinärmediziner, der auch schon für die "Tierärzte ohne Grenzen" im Einsatz war, lebt ganz im Norden des Südsudan, in Renk. Es ist die letzte Stadt vor der Grenze, und Renk steht unter Druck. Aus dem Norden ziehen Flüchtlinge in Richtung Süden, umgekehrt haben auf dem Basar der Stadt eine Reihe arabischer Händler ihre Läden geschlossen und sich auf den Weg nach Norden gemacht.

Die teuerste Armee in ganz Ostafrika

Beide Seiten haben Panzer in der Region zusammengezogen. Es gab Schießereien, die Uno musste schlichten. "Klar haben wir Angst", sagt Awol. "Wenn der Norden seine schwere Artillerie einsetzt, liegt Renk in Reichweite." Etwa ein Drittel der Bewohner von Renk sind Muslime, zudem ziehen zweimal pro Jahr Nomaden mit ihren Herden durch die Region. Zwei Drittel der Zeit halten sie sich im Süden auf, auch von ihnen wollten sich viele für das Referendum registrieren lassen, aber in Juba ließ man sie nicht zu. Muslime sind mehr denn je unsichere Kantonisten für die Regierung des Südens.

Um den 18. Januar herum ist mit dem Ergebnis zu rechnen, und das wird wohl eindeutig sein. Es gibt nicht viele in der Hauptstadt, denen bewusst ist, dass die eigentliche Herausforderung erst dann beginnt.

Akol Kordit, 34, gehört zu ihnen. Seit drei Jahren ist er Chef der Jugendbewegung der Regierungspartei SPLM. Hinter seinem Rücken hängen Präsident Salva Kiir und John Garang an der Wand, der langjährige visionäre Anführer der Südrebellen. Garang hatte nie von einem eigenen Südstaat geträumt, eher von einem Gesamtstaat, in dem die Südstaatler gleiche Rechte besitzen sollten. Er kam 2006 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben, davor gehörte Kordit zu seinen Schützlingen.

Kordit jedenfalls gehört zu den wenigen, die in der Jetzt-Zeit angekommen zu sein scheinen. Nicht nur weil er im Ausland studiert hat. Auf seinem Tisch steht ein Apple-Laptop, daneben liegt die Biografie von Tony Blair.

"Wir sind alle aus dem Busch gekommen"

Auch er hat einst mit dem Gewehr für die Rebellen gekämpft, bevor er später Elektrotechnik studierte. "Wir sind alle aus dem Busch gekommen, und wir hatten wahnsinnig viele Herausforderungen auf einmal", sagt er. "Aber nach dem Referendum darf es so nicht weitergehen." Die SPLM habe kein ideelles Fundament, keine gemeinsamen Werte außer dem Ziel der Unabhängigkeit. Er sagt selbstkritische Sätze wie: "Wenn die SPLM nicht mehr regiert, hält uns nichts mehr zusammen." Und er räumt ein, dass wohl ein Teil der Öleinnahmen versickert sei und dass "die Law-and-Order-Politik der vergangenen Jahre uns viel Geld gekostet hat".

Tatsächlich unterhält die Regierung in Juba die teuerste Armee in ganz Ostafrika, im Fall der Unabhängigkeit werden wohl Zehntausende ehemalige Kämpfer ausgemustert werden.

Kordit weiß, dass die Zukunft steinig werden wird. Aber noch dominiert im Süden der Traum von der Unabhängigkeit und von einem vermeintlich besseren Leben. "Genug ist genug", sagt Sabri, der Student am Flughafen von Juba.

Die Zukunft ist auf später verschoben.

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1. Endlich...
Layer_8 08.01.2011
Zitat von sysopGanz Afrika schaut auf diese Entscheidung - der Südsudan will per Referendum zum eigenen Staat werden, die christlichen Einwohner hoffen nach jahrzehntelanger Unterdrückung endlich auf Freiheit. Doch sie riskieren viel: einen Grenzkrieg, wirtschaftliches Chaos und noch tiefere Armut. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,738261,00.html
Hoffentlich verschwindet jetzt ein anderes Relikt aus der Kolonialzeit. Das ganze Land ist doch nur ein Gebilde von britischen Gnaden gewesen. Völlig unnatürlich.
2. es wird nichts besser
elbröwer 08.01.2011
Ganz Afrika wird seit Jahrhunderten vom Terror der Araber und damit der Moslems zerstört. Eine relativ kurze Zeit ging es den Afrikanern relativ gut, in der Kolonialzeit. Selbst im Kongo das der belgische König in sein privates Schlachthaus verwandelt hatte starben nicht soviele Menschen wie Heute. Jede Hilfe durch den Westen verschwindet in den Taschen der korrupten Banditen die dort die Elite bildet.
3. Warum hier, aber woanders nicht
demophon 08.01.2011
Es ist verwunderlich, dass in allen anderen Ländern Afrikas die Abspaltung eines Landesteils, auch wenn es noch so sinnvoll gewesen wäre, von der Weltgemeinschaft abgelehnt wurde, sie in diesem Fall aber von den meisten Staaten, mit Ausnahme der Arabischen Liga, unterstützt wird. Ähnliche Gründe für eine Teilung gäbe es in vielen Ländern Afrikas.
4. Meine Güte,
warzenmeissel 08.01.2011
Zitat von elbröwerGanz Afrika wird seit Jahrhunderten vom Terror der Araber und damit der Moslems zerstört. Eine relativ kurze Zeit ging es den Afrikanern relativ gut, in der Kolonialzeit. Selbst im Kongo das der belgische König in sein privates Schlachthaus verwandelt hatte starben nicht soviele Menschen wie Heute. Jede Hilfe durch den Westen verschwindet in den Taschen der korrupten Banditen die dort die Elite bildet.
Über Jahrhunderte hat der europäische Sklavenhandel Westafrikas wirtschaftliche und soziale Strukturen nachhaltig zerstört. Dagegen waren die Araber geradezu Gentlemen. Das belgische Terrorregime im Kongo gegen Ende des 19. Jahrhunderts war wohl das Schlimmste, was Afrika je geschehen ist. Die Nachwirkungen des Kolonialismus, die willkürlichen Grenzziehungen nach europäischen Interessen, die Abbhängigkeit von Europa in denen sich viele der afrikanischen Volkswirtschaften noch immer befinden, das ist das eigentliche Problem. Korrupution ist das Machtinstrument, mit denen sich europäische Staaten, internationale Konzerne und rohstoffhungrige Chinesen ihren Einfluss in Afrika sichern.
5. Geschichtsrevisionismus
drspieler 08.01.2011
Zitat von warzenmeisselÜber Jahrhunderte hat der europäische Sklavenhandel Westafrikas wirtschaftliche und soziale Strukturen nachhaltig zerstört. Dagegen waren die Araber geradezu Gentlemen. Das belgische Terrorregime im Kongo gegen Ende des 19. Jahrhunderts war wohl das Schlimmste, was Afrika je geschehen ist. Die Nachwirkungen des Kolonialismus, die willkürlichen Grenzziehungen nach europäischen Interessen, die Abbhängigkeit von Europa in denen sich viele der afrikanischen Volkswirtschaften noch immer befinden, das ist das eigentliche Problem. Korrupution ist das Machtinstrument, mit denen sich europäische Staaten, internationale Konzerne und rohstoffhungrige Chinesen ihren Einfluss in Afrika sichern.
Dann lesen sie sich doch einmal folgenden Artikel durch über den Kampf des senegalesischen Anthropologen Tidiane N'Diaye, welcher für die Wahrheit kämpft. http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/144916/index.html Ich bin froh, dass die Südsudanesen endlich nach einem begangenen Völkermord des Nordens für ihre Unabhängigkeit einsetzen. Ich kann ihnen nur empfehlen, dass sie im Anschluss daran eine Kooperation mit Äthiopien eingehen, um über dieses Land eine Ölpipeline zum Meer zu verlegen. Das würde ihnen 100% der Öleinnahmen sichern.
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Fläche: 1.861.484 km²

Bevölkerung: 36,164 Mio. (2013)

Hauptstadt: Khartum

Staats- und Regierungschef: Umar al-Baschir

*Die Daten beziehen sich auf den Gesamtsudan

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