Referendum Hass auf Kiew treibt Ostukrainer an die Wahlurne

Beim Referendum in Donezk und Luhansk drängeln sich vor manchen Wahllokalen Tausende Menschen. Mit ihrem Votum wollen sie gegen Kiew protestieren, sagen sie. Doch es gibt weder gründliche Kontrollen noch unabhängige Beobachter: Jeder kann problemlos mehrfach abstimmen.

Aus Mariupol berichtet

REUTERS

Vor der Bezirksverwaltung im Osten der Stadt Mariupol stehen um 10 Uhr morgens Tausende Menschen. Mehr als einen Kilometer entlang des "Metallurgenprospeks" zieht sich die Menschenschlange, einige ältere Frauen singen Pionierlieder, die Menschen sind gut gelaunt.

Am Tag zuvor waren die Straßen der 500.000-Einwohnerstadt verlassen, nachdem die ukrainische Armee am Freitag mit Schützenpanzern eingerückt war - angeblich, um eine Attacke von Terroristen auf das Polizeipräsidium abzuwenden. Dabei waren nach bisherigen Angaben ein Zivilist und sechs Mitglieder von Polizei und Armee ums Leben gekommen.

Viele sind zu Fuß zum Wahllokal gekommen, weil seit dem Blutbad vom Freitag kaum noch Busse fahren. Die Mariupoler sind hier, um auf die Frage zu antworten: "Unterstützen Sie den Akt über die staatliche Selbstständigkeit der Donezker Volksrepublik?" So steht es in russischer und ukrainischer Sprache auf den Stimmzetteln im Din-A5-Format, die das Logo der "Donezker Volksrepublik" tragen.

Die 30-jährige Natalja steht mit ihrer Mutter und Großmutter in der Schlange. "Wir stimmen gegen Turtschinow und Jazenjuk, die hier auf das eigene Volk geschossen haben. Wir wollen nicht unter dieser Regierung leben", sagt sie aufgebracht. Der Hass auf die Kiewer Übergangsregierung mit Präsident Alexander Turtschinow und Regierungschef Arsenij Jazenjuk an der Spitze ist für die meisten Menschen hier das bestimmende Motiv, um einen Anschluss an Russland geht es ihnen nicht in erster Linie.

Keine Wahlkabinen, keine Wahlbeobachter

Noch mehr Menschen stehen gegen Mittag vor der Bezirksverwaltung im Stadtzentrum. "Kiew hat uns nicht erlaubt, die üblichen Wahllokale zu nutzen, deshalb mussten wir auf die Verwaltungen ausweichen", erklärt Natalja Sabanina, Grundschullehrerin und Leiterin der von der "Donezker Volksrepublik" bestimmten Wahlkommission.

Die örtlichen Medien und Behörden haben das Referendum weitgehend totgeschwiegen, die Aktivisten haben vor allem über das Internet und mit Flugblättern geworben. Gleichzeitig landeten in den Briefkästen der Mariupoler Bürger in den letzten Tagen auch Flugblätter, die für eine Ablehnung des Referendums warben - offenbar von proukrainischen Aktivisten.

Allein in diesem Wahllokal liegen 200.000 Stimmzettel bereit. Um den Ansturm der Bürger zu bewältigen, hat die Kommission kurzerhand draußen noch sechs Tische zusätzlich auf die Straße gestellt. Dort prüfen Mitarbeiter die Pässe der Wähler, tragen sie in Listen ein und händigen ihnen gegen Unterschrift einen Stimmzettel aus.

Die durchsichtige Wahlurne steht neben den Tischen und ist um diese Zeit schon etwa zu einem Drittel gefüllt. Der Wahlvorgang macht einen geordneten Eindruck, allerdings gibt es keine Wahlkabinen, keine Wahlbeobachter, und auch ein mehrfaches Abstimmen der Bürger scheint theoretisch problemlos möglich zu sein, da es keine Wählerlisten gibt.

Ist jemand gegen das Referendum? "Menschen mit einem weiteren Horizont"

Um an diesem Tag Mariupoler zu finden, die eine Abspaltung von der Ukraine ablehnen, muss man etwas suchen. "Ich bin gegen das Referendum und für die Ukraine", sagt Irina, die an der Rezeption eines Mariupoler Hotels arbeitet. Auch alle ihre Freunde, "Menschen mit einem weiteren Horizont", wie sie sagt, seien dagegen. In den Schlangen vor den Wahllokalen warten vor allem Menschen über dreißig, viele von ihnen Arbeiter aus den großen Metallurgiekombinaten in der Region.

In Wolnowacha, einer Kreisstadt mit 20.000 Einwohnern auf halbem Weg von Mariupol nach Donezk, sind die Wahllokale wie üblich in Schulen untergebracht. Das Wahllokal in der 5. Schule bewachen einige örtliche Kosaken in Uniform. Im Unterschied zu den Mariupoler Wahllokalen hängt hier immerhin noch die blaugelbe ukrainische Flagge. Bis 12 Uhr liegen in den zwei Wahlurnen schon an die tausend Stimmzettel, soweit es zu sehen ist, haben alle ihr Kreuz im "Ja"-Kästchen gemacht - also für die Unabhängigkeit.

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Afrojüdischer_Sozi-Sinti 11.05.2014
1. Natürlich ist der Wahlvorgang eine Farce
Da muss man sich aber auch mal fragen warum "der Westen" einen solchen Akt gelebter Demokratie nicht sofort bedingungslos unterstützt hat um ihm zur notwendigen Legitimität zu verhelfen.
Harry Hay 11.05.2014
2. Die hohe Beteiligung kann nur ein Werk Putins selbst sein!
Das ist absolut nicht in Ordnung, Von Merkel kann es nur eine unmissverständliche Reaktion geben: Die Sanktionen gegen Russland müssen verschärft werden.
vitamim-c 11.05.2014
3. Ich kann den Hass der Ostukrainer gegen Kiew verstehen,
wer Panzer gegen das eigene Volk rollen lässt..., und Zivilisten abknallen läst gehört eigentlich vor ein Kriegsverbrechertribunal
paulroberts 11.05.2014
4. tja
Zitat von Afrojüdischer_Sozi-SintiDa muss man sich aber auch mal fragen warum "der Westen" einen solchen Akt gelebter Demokratie nicht sofort bedingungslos unterstützt hat um ihm zur notwendigen Legitimität zu verhelfen.
" Doch es gibt weder gründliche Kontrollen noch unabhängige Beobachter" Sie wurden eingeladen, sind aber nicht gekommen-oder durften nicht.
leserbrief123 11.05.2014
5. Wenn jeder mehrfach abstimmen kann
kommt doch prozentual das gleiche raus. Was also die Aufregung? Man (die NATO Staaten) hätte in die kriminelle Regierung in Kiew ja nicht unterstützen brauchen, dann wäre in der Ostukraine auch niemand sauer.
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