Damaskus - Nach dem Willen von Staatschef Baschar al-Assad sollen die Syrer am Sonntag über eine neue Verfassung abstimmen - trotz der anhaltenden Gewalt im Land. Der Despot hat die etwa 14,6 Millionen Wahlberechtigten aufgerufen, sich an dem Referendum zu beteiligen. Vor allem in den umkämpften Regionen wie der belagerten Protesthochburg Homs, der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes und der Region Daraa im Süden rechneten Beobachter allerdings mit einer geringen Wahlbeteiligung. Die Opposition, die seit Monaten gegen Assad protestiert, will die Abstimmung boykottieren.
Der neue Verfassungsentwurf sieht vor, dass die Monopolstellung der seit fünf Jahrzehnten regierenden Baath-Partei aufgehoben wird. Erstmals ist die Gründung von Parteien erlaubt. Die Amtszeit des Präsidenten soll auf zwei Mal je sieben Jahre beschränkt werden. Er behält aber das Recht zur Ernennung des Regierungschefs. Assad ist seit fast zwölf Jahren Präsident, sein Vater Hafis war 30 Jahre an der Macht. Um 7 Uhr Ortszeit öffneten landesweit rund 14.000 Wahllokale.
Assads Gegner kritisierten die Pläne als oberflächliche Reform, die nichts an der Macht des Regimes ändere. Zwar werde das Machtmonopol der Baath-Partei gebrochen, dem Präsidenten würden aber weiterhin "uneingeschränkte Vorrechte" zugebilligt, und er werde zum "absoluten und ewigen Führer" ernannt, kritisierte die Opposition. Sie befürchtet zudem, dass künftig nur Regime-nahe Gruppen Parteien gründen dürfen. Die Abstimmung sei eine Farce. Auch die internationale Gemeinschaft reagierte skeptisch auf die Ankündigung des Präsidenten.
"Scheinabstimmungen können kein Beitrag zu einer Lösung der Krise sein", sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in Berlin. "Assad muss endlich die Gewalt beenden und den Weg für einen politischen Übergang freimachen."
Rotes Kreuz wartet auf Zugang zu Verletzten in Homs
Am Samstag konnten das Rote Kreuz und der Rote Halbmond keine weiteren verletzten Zivilisten aus dem umkämpften Stadtteil Baba Amr von Homs in Sicherheit bringen. Hisham Hassan vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes sagte, Verhandlungen mit den Behörden und der Opposition hätten "keine konkreten Ergebnisse" gebracht. Das Rote Kreuz setzt sich für eine täglich zweistündige Kampfpause ein, um die Menschen in den Krisenregionen besser versorgen zu können.
Am Freitag hatte die Organisation erste Verwundete aus den Krisengebieten gebracht. Die vor wenigen Tagen in Homs verletzten Journalisten waren nicht unter ihnen. Die französische Reporterin Edith Bouvier und der britische Fotograf Paul Conroy hatten am Mittwoch bei einem Artillerieangriff Verletzungen am Bein erlitten. Bei der Attacke waren die US-amerikanische Journalistin Marie Colvin und der französische Fotograf Rémi Ochlik getötet worden. Die Mutter von Colvin hofft nun auf die Überführung ihrer Tochter nach New York. Die Familie "hofft sehr, sehr stark, dass sie die beiden da heraus holen", sagte Rosemarie Colvin der Nachrichtenagentur AP.
Landesweit kamen am Samstag nach Oppositionsangaben, die der US-Nachrichtensender CNN zitiert, etwa hundert Menschen ums Leben, die meisten von ihnen in den Protesthochburgen Homs und Hama sowie in der Stadt Aleppo. Die Nachrichtenagentur dapd meldete mindestens 89 Tote. Darunter sollen auch 23 Angehörige der Regierungstruppen sein, wie die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte mitteilte.
In der seit Wochen umkämpften Protesthochburg Homs dauerten die Gefechte unvermindert weiter an. Der syrische Aktivist Omar Homsi sagte der Nachrichtenagentur dpa, dass Dutzende Geschosse auf das Viertel Chalidija gefeuert worden seien.
Westerwelle will Stellvertreterkrieg vermeiden
Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) warnte unterdessen vor Debatten über eine militärische Intervention. Dem "Tagesspiegel" sagte er nach dem ersten Treffen der Syrien-Kontaktgruppe: "Wir müssen alles vermeiden, was Syrien einem Stellvertreterkrieg näher bringen könnte." Er fügte hinzu: "Das könnte in der Region einen Flächenbrand auslösen und am Ende eine Konfrontation heraufbeschwören, die bis nach Moskau oder Peking reicht."
Am Freitag hatte sich die neue Kontaktgruppe der Freunde Syriens erstmals in Tunesien getroffen, um über eine Lösung des Konflikts zu beraten. Die mehr als 60 Staaten und Organisationen drohten mit weiteren Sanktionen, falls das Regime die Gewalt gegen das eigene Volk nicht sofort beende. Von einer Militärintervention in Syrien wollten die Teilnehmer nichts wissen. Sie hatten sich zusammengeschlossen, nachdem die Vetomächte Russland und China im Uno-Sicherheitsrat mehrfach Zwangsmaßnahmen gegen Syrien blockiert hatten.
Seit fast einem Jahr gibt es in Syrien Proteste gegen Präsident Assad, die der Staatschef mit brutaler Gewalt niederschlagen lässt. Seither wurden nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten mindestens 7600 Menschen getötet.
heb/dpa/dapd/AP/Reuters/AFP
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