Aus Dublin berichtet Carsten Volkery
Gary Keogh ist einer der Vielen, die nicht gut auf Cowen zu sprechen sind. Der Hafenarbeiter marschiert in einem langen Demonstrationszug durch die Dubliner Innenstadt. Protestiert wird gegen die Sparpolitik der Regierung. Zwölf Jahre lang arbeitete der 28-Jährige als Kranführer im Dubliner Hafen. Seit drei Monaten ist er mit seinen Kollegen im Streik, weil sie Lohnkürzungen nicht hinnehmen wollten. Sein britischer Arbeitgeber holte kurzerhand Ersatz für die Streikenden, Arbeiter aus England und Schottland, die nun den Job für 20 Prozent weniger Lohn machen. Keogh schimpft, dass die Regierung die irischen Arbeiter im Stich lasse. Die Ablehnung des Lissabon-Vertrags wäre seine Rache, denn damit würde wohl Cowens Regierung stürzen. Noch hat er nicht endgültig entschieden, aber er tendiert zum Nein.
"Viele Leute wollen der Regierung den Finger zeigen", sagt der 21-jährige Ross Jones, Geschäftsführer eines Souvenirladens in der Dubliner Innenstadt. Er selbst will mit Ja stimmen, wie die meisten seiner Freunde. Beim ersten Referendum im vergangenen Jahr hatte er noch mit Nein gestimmt, weil er eine Anpassung der irischen Steuersätze auf das höhere EU-Niveau befürchtete. Doch seitdem der EU-Rat der irischen Regierung volle Souveränität in der Frage zugesichert hat, ist er zufrieden.
Die Ausnahmeregelungen, die Irland zugestanden wurden, beruhigen so manchen früheren Nein-Sager. Bei anderen regt sich aber der traditionelle Widerstandsgeist gegen die Obrigkeit. "Die Iren lassen sich nicht gern sagen, was sie zu tun haben", erklärt der 66-jährige Paul McSweeney. Dass die EU ihm den gleichen Vertrag noch mal vorlegt, weil das erste Ergebnis nicht gepasst hat, empfindet er als Zumutung. Der Rentner hat letztes Mal mit Nein gestimmt - und wird es dieses Mal aus Prinzip wieder tun. "Ich sehe keinen Grund, meine Meinung zu ändern", sagt auch sein Freund, der 67-jährige Tom Trehy. "Ich will nicht, dass so ein Verrückter wie Sarkozy über mich entscheidet."
Ryanair beschimpft Nein-Sager als "Loser"
Die meisten sind sich bewusst, dass ganz Europa bei ihrer Übung in Basisdemokratie zuschaut. Drei Millionen entscheiden darüber, ob 500 Millionen demnächst einen gemeinsamen Präsidenten und einen gemeinsamen Außenminister haben werden. Der Druck ist immens. Wenn die Iren mit Nein stimmten, warnt der Europaabgeordnete Andrew Duff, erleide die EU die "Mutter aller Verfassungskrisen".
Ob die Iren es wollen oder nicht - es geht am Freitag um ein symbolisches Bekenntnis zu Europa. In der irischen Hauptnachrichtensendung am Mittwochabend wurde noch einmal daran erinnert, dass sich 600 Journalisten aus allen EU-Ländern für das Referendum akkreditiert hätten und dass die europäischen Regierungen mit Spannung das Ergebnis am Samstag erwarteten.
Doch ist der Ausgang keineswegs gewiss. Zwar hat das Ja-Lager nach dem überraschenden Nein im Juni 2008 diesmal erheblich aufgerüstet und keine Kosten und Mühen gescheut, um die öffentliche Meinung zu drehen. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten fahren eine massive Werbekampagne, internationale Multis wie Intel, Dell und Microsoft helfen der Regierung mit der Ankündigung neuer Arbeitsplätze.
Doch dürfte die Aggressivität die Trotzhaltung bei manchen Wählern eher noch befördern, das Nein-Lager appelliert schon an Klassenkampf-Instinkte gegen "die da oben". Es sei nicht hilfreich, sagt Jones, wenn etwa der irische Billigflieger Ryanair die Nein-Sager in ganzseitigen Zeitungsanzeigen als "Loser" beschimpfe.
In welchem Lager Niamh am Ende landet, weiß sie noch nicht. Es ist das erste Mal, dass sie wählen darf, und sie wird sich wohl erst am Freitag entscheiden. Vom Gefühl her neigt sie zu einem Nein. Bei einem Ja wisse man nicht, was mit Irland passiere, sagt die Studentin. Bei einem Nein hingegen "bleibt alles so, wie es ist".
Sie ist nicht die Einzige, die so denkt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Sinn Fein | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH