Regenwald-Pakt: Berlin blockiert Rettung von Dschungel-Paradies

Von Petra Bornhöft und , Quito

Unter dem artenreichen Regenwald in Ecuador lagert Erdöl, viel Erdöl. Die Staatengemeinschaft soll einen Ausgleich dafür zahlen, dass es nicht gefördert wird - und Flora wie Fauna unversehrt bleiben. Doch ausgerechnet der deutsche Entwicklungsminister Niebel stemmt sich gegen das Modellprojekt.

Ecuador: Kampf ums Naturparadies Fotos
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Die Sonne sengt die Wellblechdächer der Forschungsstation, das Thermometer zeigt 42 Grad. Bäume groß wie Hochhäuser überschatten die Anlage im Nordosten Ecuadors. Papageien kreischen, im Fluss jagen Amazonasdelfine. Tiefer im Regenwald haben sich Jaguare und Ozelots, Kurzohrfüchse und Ameisenbären zurückgezogen. Ein Reich der Sinne, das der Mensch staunend beobachtet: Über fest installierte Kameras betrachten Forscher eines der artenreichsten Waldgebiete der Welt. Ein Reichtum, der nicht in Geld zu beziffern ist.

Der Reichtum darunter hingegen schon. In einer Blase unter dem Paradies lagern mindestens 850 Millionen Barrel Rohöl, 13 Prozent der ecuadorianischen Reserven. Nationale und internationale Firmen konkurrieren um Konzessionen. Der Mensch frisst sich schon hinein in den Nationalpark. An der Straße, die tiefer in den Urwald führt, dichten Ölarbeiter gerade ein Leck an einer Pipeline ab.

Mit den Ölmilliarden, die in Aussicht stehen, würde Präsident Rafael Correa liebend gern seine "Bürgerrevolution", die ecuadorianische Variante eines "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" finanzieren. Trotzdem hat die Regierung in Quito sich nach langem Hin und Her auf einen weltweit einmaligen Pakt eingelassen:

  • Im Herzstück des Yasuní-Parks, dem sogenannten ITT-Block, soll das Öl im Boden bleiben - sofern die internationale Staatengemeinschaft als Ausgleich die Hälfte der zu erwartenden Einnahmen bezahlt.
  • 3,5 Milliarden Dollar, verteilt auf 13 Jahre, müssten vor allem reiche Staaten und private Stifter aufbringen.
  • Das Geld, verwaltet von einem Treuhandfonds, soll in Klimaschutz und erneuerbare Energien investiert werden.

Eine bedenkenswerte Idee, ein Modellfall für die Welt, aber Deutschland mauert.

Niebel ignoriert die Empfehlung des Koalitionspartners

Die Bundesregierung, so dekretierte Entwicklungsminister Dirk Niebel im September, werde die Einzahlung in den Fonds "nicht in Betracht ziehen". Dieses Blitz-Urteil hätte der Minister durch einen Besuch im Yasuní-Park überprüfen können. Vergangene Woche war der FDP-Mann in Bolivien, Kolumbien und Peru unterwegs. Um das benachbarte Ecuador machte Niebel einen Bogen: "Es gibt keinen Grund, den Reiseplan zu ändern."

Im Gepäck hatte der Minister eine dringende Empfehlung des Koalitionspartners CDU/CSU: "Wir wollen, dass Deutschland einen Beitrag zum Schutz des Yasuní-Nationalparks leistet", sagt der stellvertretende Unions-Fraktionschef Christian Ruck, CSU. Das hatte der Fraktionsarbeitskreis Entwicklungspolitik beschlossen - und nur bekräftigt, was der Bundestag bereits 2008 mit den Stimmen aller Fraktionen angeregt hatte. Bei den konkreten Vorbereitungen half später die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), das Entwicklungsministerium signalisierte weitere finanzielle Begleitung. Im August schließlich unterzeichnete Präsident Correa das Abkommen für einen Treuhandfonds, der etwa 3,5 Milliarden Dollar einsammeln und verwalten soll.

Mit den Geldern sollen erneuerbare Energien vorangebracht, Aufforstungsprojekte angegangen und die bestehenden Naturschutzgebiete besser gegen Wilderer und illegale Holzfäller geschützt werden. "Wir lassen fast 900 Millionen Barrel Öl in der Erde und verhindern so, dass 400 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre gelangen", sagt Correa.

Erhaltung der Artenvielfalt - ein besonderes Anliegen der Kanzlerin

"Wir wollen einen neuen Entwicklungspfad einschlagen", sagt die zuständige Ministerin María Espinosa, "und den Übergang einleiten zu einer Energieversorgung ohne fossile Rohstoffe."

Solche Sätze müssten in den Ohren der Bundeskanzlerin wie Musik klingen. Angela Merkel hat im laufenden Internationalen Jahr der Biodiversität den Erhalt der biologischen Vielfalt ein für sie persönlich "ganz besonderes Anliegen" genannt. Angesichts des rapiden Verlustes von Arten und Lebensräumen sei eine "Trendwende" nötig. Bei einer Veranstaltung der CDU/CSU Anfang Oktober sagte Merkel, es dürfe "keine Ausreden geben, denn Nichtstun wird sich ähnlich wie beim Klimaschutz bitterlich rächen". Teilnehmer verstanden dies auch als Wink an Niebel, seine forsche Absage an das Yasuní-Projekt zu überdenken.

In Ecuador hätte Niebel in Augenschein nehmen können, welche Schäden die bisherige Ölförderung im Yasuní-Nationalpark bereits angerichtet hat.

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insgesamt 111 Beiträge
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1. und wie lange?
seiplanlos 17.11.2010
Bevor man Geld gibt bleibt die Frage: Wie lange wird das Öl nicht angerührt? Für 13 Jahre? Für immer? Wer stellt sicher das das Öl nicht angerührt wird? Und sehen wir es mal anders: Sie bekommen also heute Geld, dafür, das sie das Öl nicht anrühren. In 40 Jahren ist das Öl das 5 fache Wert, und es wird gefördert. Sie bekommen also heute Geld und dafür später nochmal ein x-Faches. Unter den Vorraussetzungen würde ich das auch machen. Wahrscheinlich sogar Norwegen, Venezuela, Irak, ... WENN Geld Fließt, dann muss der Staat von dem Gebiet enteignet werden, und das Gebiet geht direkt in UN Kontrolle über.
2. Jedes Volk
RainerWahnsinn 17.11.2010
hat die Regierung die es verdient - auch so einen Schmalspurdenker wie Herrn Niebel - sicher hat er seinen Job bei der Ölindustrie nach der nächsten Wahl schon zugesichert bekommen - also warum mit den zukünftigen Arbeitgebern anlegen!Was interessiert ihn die Umwelt, hauptsache die eigene Hosentasche ist gefüllt
3. traumtänzer !!!
wwwwebman 17.11.2010
>"Dennoch haben neben Deutschland Chile, Spanien, Norwegen, Portugal, Kanada, Kalifornien, Frankreich, Belgien, Italien, die EU und verschiedene Unternehmen ihre Sympathie bekundet und teilweise Fondsbeiträge avisiert."< eine handvoll staaten (von denen mehr als die hälfte pleite sind!) und die stolzen ureinwohner, die sich mit giftpfeilen gegen die ausbeutung ihres lebensraumes wehren... alles traumtänzer !
4. Neuwahlen jetzt
kdshp 17.11.2010
Zitat von sysopUnter dem artenreichen Regenwald in Ecuador lagert Erdöl, viel Erdöl. Die Staatengemeinschaft soll einen Ausgleich dafür zahlen, dass es nicht gefördert wird - und Flora wie Fauna unversehrt bleiben. Doch ausgerechnet der deutsche Entwicklungsminister Niebel stemmt sich gegen das Modellprojekt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728316,00.html
Hallo, was soll man von einer partei (FDP) halten die vor der wahl das amt abschaffen wollte es aber im amt sogar weiter ausbaut. Die FDP ist nur noch unglaubwürdig was sie hier auch wieder zeigt.
5. das Problem ist
sitiwati 17.11.2010
Zitat von seiplanlosBevor man Geld gibt bleibt die Frage: Wie lange wird das Öl nicht angerührt? Für 13 Jahre? Für immer? Wer stellt sicher das das Öl nicht angerührt wird? Und sehen.....
einfach zu lösen, man mietet das Land für 100 Jahre und erschiesst jeden, der mit einer Säge usw erwischt wird !
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