Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Regierungskrise in Athen: Die Griechen müssen bluten

Ein Gastbeitrag von Giannis Pantelakis

Das Spardiktat ist hart, die Griechen büßen damit für Versäumnisse der Vergangenheit. Denn sie wollten nicht hören, wie es um ihr Land steht. Jetzt herrscht Ratlosigkeit, kein politisches Lager bietet einen Ausweg aus der Not - und die Krise macht die Menschen regelrecht krank.

Griechisches Parlament in Athen: Die Politiker haben ihre Wähler mit keiner Silbe gewarnt Zur Großansicht
DPA

Griechisches Parlament in Athen: Die Politiker haben ihre Wähler mit keiner Silbe gewarnt

Die Wirtschaftskrise in Griechenland verschont keinen. Sie trifft den Neureichen, der jetzt die Unterhaltskosten für seinen Porsche nicht mehr zahlen kann und versucht, den Sportwagen für weniger als 5000 Euro noch irgendwie loszuschlagen. Sie trifft aber vor allem den Griechen, der seine Arbeit verloren hat, dessen Frau plötzlich mit der Hälfte ihres bisherigen Lohnes auskommen muss und dessen Kinder vergeblich nach einem Job suchen.

Sie alle hat diese Krise völlig unvorbereitet getroffen. Niemand hatte sich vorstellen können, dass sein Lebensstandard innerhalb von zwei Jahren so dramatisch abstürzen würde. Die Politiker haben ihre Wähler mit keiner Silbe gewarnt. Wobei das Volk sie wahrscheinlich auch nie gewählt hätte, wenn die Politiker versucht hätten, mit der ungeschminkten Wahrheit an die Macht zu kommen.

Der Grieche hört es nicht gerne, wenn schlechte Nachrichten verkündet werden. Und die Politiker tun ihm den Gefallen und behelligen ihn nicht mit düsteren Prognosen - wenn Wahlen anstehen schon gar nicht.

Im Oktober 2009 haben die Griechen Georgios Papandreou zum Premierminister gewählt. Auch er hat seinem Volk nicht gesagt, welche Probleme auf diesem Land lasten. Sein Schicksal war es, dass der ganze Schwindel in seiner Amtszeit ans Licht gekommen ist - und sich der große Kassensturz nicht länger verschieben ließ. Es war sein Pech, dass er von der EU in die Verantwortung genommen wurde, die Schulden drastisch zu senken, die seine Vorgänger - darunter auch sein Vater Andreas Papandreou - aufgetürmt hatten.

Paradox des Protests

Die Rechnung zahlt jetzt das griechische Volk, das unter dem Spardiktat ständig neue Schläge hinnehmen muss, das bluten muss wie noch nie. Die Zahl der Arbeitslosen ist inzwischen auf eine Million gestiegen, was einer Quote von rund 20 Prozent entspricht. Die meisten Erwerbstätigen müssen mit drastischen Lohnkürzungen zurechtkommen, und für die Rentner wird das Leben besonders schwer.

Das ist der Grund für den allgegenwärtigen Protest in diesem Land. Aber wer würde in einer derartigen Lage nicht demonstrieren? Selbst in der Schweiz würden die Menschen auf die Straße gehen, wenn es ihnen erginge wie den Griechen.

Der Zorn in der griechischen Bevölkerung ist so groß, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen der linken Szene auf die Barrikaden gehen, sondern selbst die braven Beschäftigen des öffentlichen Dienstes, die ihren Job verlieren oder eine Lohnkürzung nach der anderen zu schlucken haben. Es ist vielleicht ein Paradox des Protests, dass ausgerechnet die sonst friedlichen Kleinbürger besonders laut aufschreien, wenn ihre Wut erst einmal entbrannt ist.

In der Mehrheit sind diese Demonstranten Wähler der sozialistischen Regierungspartei Pasok. Viele verdanken ihre Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst und in öffentlichen Betrieben eben dieser Partei. Jetzt fühlen sie sich verraten - und diese Emotion verschärft noch einmal ihren Zorn über die materiellen Verluste.

Was alles noch schlimmer macht, ist der Mangel an Alternativen. Wer soll denn anstelle der Pasok die Regierung übernehmen? Die konservative Partei Nea Dimokratia war doch gerade eben fünf Jahre im Amt und weckt wenig Vertrauen - unter ihrer Ägide ist das Staatsdefizit jedenfalls ebenfalls kräftig gewachsen. Aktuell erreicht die Partei in keiner Meinungsumfrage genügend Zuspruch, um eine Mehrheit im Parlament zu erobern.

Ihr Vorsitzender, Antonis Samaras, hat sich bisher gegen jede Sparmaßnahme, die uns von der Troika auferlegt wurde, zur Wehr gesetzt. Er hat sich damit alle Sympathien der europäischen Konservativen verscherzt. Merkel kehrt ihm den Rücken zu, Sarkozy schenkt ihm kein Vertrauen, Berlusconi ignoriert ihn.

Psychologen haben Zulauf - und Sicherheitsdienste

Aber genau das verschärft die Lage zusätzlich. Finanziell sehen die Griechen kein Land, und politisch ist ebenfalls kein Ausweg in Sicht. Wen wählen? Die Linken verströmen den Geruch von Brandbeschleunigern, sie bieten auch keine Lösung. Papandreou und Samaras? Wie sollen die Griechen ihr Schicksal ausgerechnet denen in die Hände legen, die diese Krise zu verantworten haben? Die Meinungsumfragen zeigen Woche um Woche dasselbe finstere Bild: Es gibt derzeit keinen Hoffnungsträger, der für Licht am Ende des Tunnels sorgen könnte.

Wie man hört, haben in diesen Tagen vor allem die Psychologen in Athen großen Zulauf. Die Zahl der Menschen mit psychischen Problemen hat sich offenbar vervielfacht. Die Patienten können ihre Rechnungen allerdings nicht begleichen - sie bezahlen die Ärzte mit dem Versprechen, dass sie es irgendwann später einmal tun werden.

Außer den Seelsorgern haben übrigens Sicherheitsdienste Hochkonjunktur, die Kriminalität hat in erschreckendem Maße zugenommen. Wer noch Vermögen hat, versucht es zu schützen.

Zum Glück erlebt Griechenland gerade einen besonders freundlichen Übergang vom Herbst in den Winter. Die Sonne ist warm und hinterlässt ein Lächeln auf vielen Gesichtern.

Übersetzung: Elefterios Stampoulogou

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 263 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. 800 mrd
limubei 06.11.2011
Zitat von sysopDas Spardiktat ist hart,*die Griechen büßen damit für Versäumnisse der Vergangenheit. Denn sie wollten nicht hören, wie es um ihr Land steht. Jetzt herrscht Ratlosigkeit, kein politisches Lager bietet einen Ausweg aus der Not - und die Krise macht die*Menschen regelrecht krank. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,795994,00.html
angeblich liegen 800 mrd steuerfluchtgelder aus griechenland in der schweiz (stern artikel). die können beschlagnahmt werden und griechenland hat kein problem mehr. sie können auch freiwillig gegeben werden. aber den steuerflüchtigen griechen ist ihr land anscheinend nichts wert. 400 mrd würden es sicher auch tun. dann könnte jeder die hälfte behalten und wäre immer noch nicht arm.
2. Lächeln verschwindet bald...
bauleiter 06.11.2011
Selbst dieses letzte Lächeln wird bald verschwinden, denn die Reformen, mit dem neuen Hilfspaket in Verbindung stehen, wurden noch nicht einmal aus dem Sack gelassen und wenn diese erst umgesetzt werden, dann bricht das Land komplett zusammen. Das Land braucht neue Gesichter und die alte korrupte und verlogene Klasse muss aus dem Land vertrieben werden, wenn nötig dann mit Gewalt. Erste Anzeichen dafür sehen wir doch jetzt schon! Das so etwas mitten in Europa passieren konnte und niemand eingegriffen hat, zeigt doch eigentlich wie wenig diese "Gemeinschaft" wert ist! Deutschland braucht hier auch gar nicht so Hochmütig darzustehen. Wir könnten die nächsten sein in ein paar Jahren!
3. Wiege der Demokratie???
ichbinmalweg 06.11.2011
Die Politiker (auch und vor allem Herr P.) verschweigen Ihrem Volk die wahren Umstände, wie es um das eigene Land steht? Die Foristen, die behaupten, Herr P. hätte mit seinem Referndum demokratisch handeln wollen, leiden wahrscheinlich an einer Bewußtseinseintrübung. Er ist ein von Sachzwängen getriebener Politiker, dem sein eigenes Unvermögen um die Ohren geflogen ist. Demokratie ist etwas anderes. Mein Mitgefühl ist bei den Griechen, aber nicht bei den Politikern.
4. Die griechischen Politiker denken erst an sich !
herbert 06.11.2011
Wo ist die griechische, politische Figur, die dem Volke die massiven Fehlentwicklungen und Betrug aufzeigt? Ich meine hier u.a. Rente an Tote weiterzahlen oder das Blindengeld an Nichtblinde? Steuern wurden doch nicht abgeführt oder Belege erstellt. Das Volk muss aufgeklärt werden, dass so ein Staat nicht funktionieren kann. Für mich ist es unbegreiflich, dass deutsche und französische Banken in solch ein Land noch Geld gesteckt haben. Beherrschen die Figuren der Banken nicht die Grundrechnungsarten? Aber es gibt ja den deutschen Michel, der alles bezahlt und dem man jetzt noch die Goldreserven aus dem staatlichen Keller holen will! Bitte ganz schnell den Griechen die Drachme!
5. Gemeinschaft
janne2109 06.11.2011
Zitat von bauleiterSelbst dieses letzte Lächeln wird bald verschwinden, denn die Reformen, mit dem neuen Hilfspaket in Verbindung stehen, wurden noch nicht einmal aus dem Sack gelassen und wenn diese erst umgesetzt werden, dann bricht das Land komplett zusammen. Das Land braucht neue Gesichter und die alte korrupte und verlogene Klasse muss aus dem Land vertrieben werden, wenn nötig dann mit Gewalt. Erste Anzeichen dafür sehen wir doch jetzt schon! Das so etwas mitten in Europa passieren konnte und niemand eingegriffen hat, zeigt doch eigentlich wie wenig diese "Gemeinschaft" wert ist! Deutschland braucht hier auch gar nicht so Hochmütig darzustehen. Wir könnten die nächsten sein in ein paar Jahren!
muss man in einer Gemeinschaft eingreifen oder kann man nicht erwarten, dass in einer gemeinschaft jeder sich so verhält dass es dem Gemeinwohl entspricht?? Nein- der Mensch ist offensichtlich zum Beschiss angelegt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Giannis Pantelakis
    Giannis Pantelakis, 53, ist Chefredakteur der griechischen Tageszeitung "Eleftherotypia".

Fotostrecke
Polit-Dynastie in Griechenland: Der Papandreou-Clan
Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: