Regierungswechsel in Rom Italien fürchtet den strengen Professor Monti

"Jetzt geht es ums Überleben": In Rom ist die Erleichterung über den Abgang Berlusconis schon wieder verflogen. Viele fürchten soziale Einschnitte - Montis Regierung der Technokraten könnte das Land weiter spalten.

Aus Rom berichtet

AFP

Das ganze Dilemma Italiens kann Roberto Ollari anhand des kleinen Bons erklären, den ihm der Kellner im "Caffè Farnese" gerade auf den Tisch gelegt hat. 3,50 Euro soll Ollari für seinen Cappuccino zahlen. Sicher, sagt er, das sei ziemlich viel. Er könne sich jetzt aufregen, mit dem Kellner diskutieren, sich gar weigern zu zahlen. "So würden sich doch unsere Politiker verhalten", sagt Ollari.

Sobald es unangenehme Tatsachen gebe, suchten sie die Schuld bei anderen, anstatt zu tun, was zu tun ist - so sei es doch bis vor wenigen Tagen gewesen.

Ollari ist 46 Jahre alt und Anwalt. So wie er ohne Diskussion die Preise auf der Piazza Farnese in der Altstadt Roms akzeptiere, sagt er, so müsse endlich auch die Regierung die Realität akzeptieren: "Es geht für Italien jetzt nicht darum, die bestmögliche Lösung zu finden", sagt Ollari, "sondern erst einmal darum zu überleben."

Tun, was zu tun ist. Das erwartet Rechtsanwalt Ollari, das erwarten Europas Regierungen vom neuen italienischen Regierungschef Mario Monti. In Berlin und Paris ist die Erleichterung greifbar, dass die Amtszeit von Silvio Berlusconi Geschichte ist. Der Cavaliere ist weg, der Professore übernimmt. Es gibt einen Vertrauensvorschuss für Montis Technokraten-Regierung, die Italien aus der Schulden- und Wirtschaftskrise führen soll. Am Montag trifft sich das Kabinett erstmals, um überfällige Reformen anzugehen.

Technokraten-Riege stößt auf Misstrauen

Doch in Rom ist die Stimmung wesentlich gedämpfter - und widersprüchlicher. Während Ollari hofft, dass Italiens Politik mit Monti zur Sachlichkeit zurückfindet, stößt die kaum bekannte Expertenriege um Wirtschaftsprofessor Monti bei vielen Italienern auf Misstrauen.

An der Piazza Farnese trennen nur ein paar Häuser Anwalt Ollari, der gerade von einer Verhandlung beim Staatsrat kommt, von Kellner Massimo Cella, der Touristen in seine Pizzeria lockt. In weißen Hemd und mit breitem Lächeln wirbt er um Gäste: "Buongiorno!", "Prego?" Fragt man ihn nach der neuen Regierung, verschwindet das Lächeln. Dann sagt er: "Non cambia niente" (Es wird sich nichts ändern).

Wer in diesen Tagen die Römer nach dem Wechsel vom Cavaliere zum Professore fragt, hört diesen Satz sehr oft. Denn während Teile der Elite wie Anwalt Ollari auf die Weisheit Montis setzen, hat ein großer Teil der italienischen Gesellschaft das Vertrauen in die politischen Institutionen verloren.

Oft heißt es, der größte Schaden, den Berlusconi angerichtet hat, sei die Spaltung des Landes in zwei verfeindete Lager. Doch während Ollari hofft, die nüchterne Art Montis könne die alten Gräben überwinden, könnte das Gegenteil eintreten: dass das nicht gewählte Expertenkabinett die Spaltung Italiens noch verschärft - und einen größerer werdenden Teil der Gesellschaft zurücklässt, der sich nicht so sehr um die Stabilität des Euro, sondern die eigene finanzielle Situation sorgt. Den Teil, den Berlusconi - bei allen politischen Differenzen - durch seine joviale Art besser erreichte, als es die Wirtschaftsfachleute je können.

"Die Leute haben kein Geld fürs Essen"

Man findet ihn etwa im Arbeiterviertel Testaccio, keine 30 Fußminuten Minuten von den Palästen der Piazza Farnese entfernt. Dort ist der soziale Treffpunkt der tägliche Markt in einem schmucklosen Betonbau. Die Decke hat etwas Schimmel abgesetzt, der Cappuccino kostet nur einen Euro. Seit ein paar Jahren verkauft Lucia Ferraro am Stand ihres Bruders Wurst - Sopressata, Parma, Speck. Wer wisse schon, ob Monti wirklich qualifizierter sei als Berlusconi, sagt die 45-Jährige. Seit Jahren wird es leerer auf dem Markt. "Wenn die Leute nicht einmal mehr Geld zum Essen haben, wofür dann?" Sie glaube, dass sich nichts ändern werde: Professore oder Cavaliere - sie wird weiter vormittags hier stehen, nachmittags in einer Schule Kinder betreuen, sich fragen, wie sie ihrem Sohn einmal das Studium finanzieren soll.

Weiter ins rote Rom: Das Viertel San Lorenzo hinter dem Hauptbahnhof ist fest in der Hand linker Studenten, alter Kommunisten, versprengter Anarchisten: Wo Berlusconi nicht nur als Skandalpolitiker galt, sondern als Faschist, müsste die Erleichterung über seinen Abgang zu spüren sein.

Im linken Buchladen an der Via del Volsci sagt ein junger Politikstudent im schwarzen Kapuzenpullover: "Wir dachten immer, es ist genug, gegen Berlusconi zu sein. Aber jetzt merken wir, dass das nicht reicht." Er spricht vom Diktat der Europäischen Zentralbank und "la Merkel". Er müsse jetzt weiter zur Universität Sapienza, mehrere Fakultäten sind besetzt, schon am Donnerstag marschierten Studenten bereits gegen die "Regierung der Banken", da war Monti erst einen Tag im Amt.

Die Linken fürchten Monti mehr als Berlusconi

Alt-Gewerkschaftler Mario, 55 Jahre, fällt ihm ins Wort, sagt, die linken Parteien hätten Mitschuld daran, dass es jetzt die Regierung der Wirtschaftsexperten gibt. Sie hätten nur darauf geschaut, dass kein Berlusconi-Getreuer ins Monti-Kabinett einzieht, alles andere sei ihnen egal. Jetzt könne es richtig schlimm werden, sagt Mario.

Es scheint, dass die Linken in San Lorenzo Monti fast mehr fürchten als den alten Erzfeind Berlusconi. Weil sie wohl ahnen, dass es Monti nicht bei Ankündigungen belassen wird, dass er die wirtschaftsliberalen Vorgaben, die aus Europa kommen, für richtig hält und umsetzen wird. Denn Berlusconi sprach zwar viel von Reformen, doch vor Einschnitten schreckte er oft zurück. Er tat so, als ob irgendwie alles wieder gut werde.

Monti will nun die "Verkrustungen in der Wirtschaft" lösen. Arbeiternehmerrechte will er lockern, Immobiliensteuern und Renteneintrittsalter erhöhen. Er hat Opfer angekündigt und betont, dass er sie gerecht verteilen wolle. Das ist kaum möglich: Anwalt Ollari sagt, er sei bereit, höhere Steuern zu zahlen. Marktfrau Ferraro sagt, sie habe schon jetzt nicht genug Geld, trotz zweier Jobs. Die beiden stehen für die Spaltung des Landes: in jene, die glauben, dass es ohne Reformen für Italien nicht weitergeht. Und jene, die nicht wissen, wie es für sie selbst weitergehen soll.

Lucia Ferraro sagt, sie wünscht sich für die Italiener, "dass wir alle einmal durchatmen können". Diese Hoffnung wird ihr Professor Monti nicht so schnell erfüllen.



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
shokaku 22.11.2011
1. Hier könnte ein Rating stehen
Zitat von sysop"Jetzt geht es ums Überleben":*In Rom ist die Erleichterung über den Abgang Berlusconis schon wieder verflogen. Viele fürchten soziale Einschnitte - Montis Regierung der Technokraten könnte das Land weiter spalten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,798940,00.html
Wie schön war doch die gute alte Zeit, als ein freundlicher älterer Herr einfach nur Bunga Bunga gemacht hat, anstatt seine Lansleute zu schikanieren.
Isotronic 22.11.2011
2. Lol
Zitat von shokakuWie schön war doch die gute alte Zeit, als ein freundlicher älterer Herr einfach nur Bunga Bunga gemacht hat, anstatt seine Lansleute zu schikanieren.
schönes Missverständnis der EU: Berlo sei irgendwie versehentlich (mehrfach) gewählt worden und die Italiener wollten doch Marktwirtschaft, Wettbewerb, Offenheit und keine Tricksereien. Sorry, no way!
keulolo 22.11.2011
3. Blaupause
Eine herrliche Blaupause für die BRD. Wäre doch super, wenn man unideologische Fachleute an die vermeintl. Schalter der Macht ließe anstatt die notorischen Gutmenschen, Lobby-Kasper jeglicher Couleur oder die supermoralischen Vergangenheitsbewältiger. Wir stehen ja schon mit dem Rücken zur Wand, warum nicht mal was neues?
Pinin 22.11.2011
4. Wie wärs mit Steuern auch zahlen?
Soeben gelesen: "Italien: Volkssport Steuerhinterziehung ... Dem hochverschuldeten Italien gehen jährlich geschätzt 100 Milliarden Euro an Steuereinnahmen verloren." Quelle: http://videos.arte.tv/de/videos/italien_volkssport_steuerhinterziehung-4254324.html Aber für was gibts schließlich den braven/doofen deutschen Steuerzahler den die Euro-Fanatiker hierfür bluten lassen wollen?
tauroggen1812 22.11.2011
5. Die "Legende"....
Zitat von keuloloEine herrliche Blaupause für die BRD. Wäre doch super, wenn man unideologische Fachleute an die vermeintl. Schalter der Macht ließe anstatt die notorischen Gutmenschen, Lobby-Kasper jeglicher Couleur oder die supermoralischen Vergangenheitsbewältiger. Wir stehen ja schon mit dem Rücken zur Wand, warum nicht mal was neues?
Der "Vorgesehene" ersteigt gerade dem Aschehaufen einer verbrannten "Doktor-Arbeit"... Das gibt ein Fest, wenn der den Thron besteigt und beginnt als "gestandener" Staatsmann mit seiner "Verwaltungsarbeit"...
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