Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Regimeopfer Neda Agha-Soltan: Propagandaschlacht um die Heldin des neuen Iran

Von Ulrike Putz, Beirut

Ihr Tod machte sie zur Ikone des Protests, nun werden neue Details über das Leben von Neda Agha-Soltan verbreitet. Die junge Iranerin liebte demnach das Reisen, nahm Gesangsstunden. Die Trauer um sie wird für das Regime gefährlich - Staatsmedien ziehen in die Schlacht gegen den Neda-Kult.

Es war kein Begräbnis, wie es einer Heldin zugestanden hätte: Als Neda Agha-Soltan am Sonntag auf Teherans Behescht-Zahra-Friedhof beigesetzt wurde, gab es keine Predigt, keine Ansprache. Kein Imam feierte den üblichen Gottesdienst in einer Moschee, kein Verwandter pries ihre Verdienste zu Lebzeiten, wie es die Tradition verlangt. Familie und Freunde trauerten in Stille um die 26-Jährige, selbst die schwarzen Fahnen an ihrem Elternhaus mussten abgenommen werden: Die iranischen Behörden hatten jede öffentliche Feierlichkeit verboten. Um jeden Preis sollte vermieden werden, dass die Trauer in Zorn umschlägt.

Neda, die am Sonntag zu Grabe getragen wurde, ist längst eine Ikone. Die Bilder ihres Todes erschüttern seit Samstag Millionen von Menschen weltweit. Sie sind zum Symbol der Brutalität geworden, mit dem das iranische Regime gegen das eigene Volk vorgeht. Ein mit einer Handykamera aufgenommener Film soll Nedas letzte Augenblicke zeigen: Wie sie, anscheinend von einer Kugel in die Brust getroffen, zu Boden sinkt. Wie ihr Blut aus Mund und Nase quillt und sich zu einer dunklen Lache sammelt, wie um sie knieende Männer verzweifelt versuchen, sie zu retten. Ein Scharfschütze der iranischen Sicherheitskräfte soll für Nedas Tod verantwortlich sein. Ob das stimmt, wird sich womöglich nie beweisen lassen.

AFP
Wie bei allem privatem Foto- und Filmmaterial, das in diesen Tagen von Iran aus ins Internet gestellt wird, ist die Authentizität der Aufnahmen von Nedas Tod nicht zu überprüfen. Seit die iranischen Behörden vor gut einer Woche alle westlichen Reporter ausgewiesen und den verbliebenen ausländischen Korrespondenten das Verlassen ihrer Büros verboten haben, ist es nahezu unmöglich geworden, Meldungen aus Teheran zu verifizieren.

Einige unabhängige, glaubwürdige Journalisten in Teheran arbeiten noch - die meist iranischstämmigen Reporter mit einem zweiten, ausländischen Pass nehmen dabei ein beträchtliches Risiko auf sich. Sie waren es, die Nedas Familie ausfindig machten. Ihre Berichte erzählen von einer jungen Frau, die vielleicht zu Recht zur Heldin vieler junger Iraner geworden ist: Weil sie genau so war, wie sie.

Mehr zum Thema
Im neuen SPIEGEL 26/2009:

Rebellion gegen die Radikalen
Woran der islamische Fundamentalismus scheitern muss
Fotos laif, action press, AFP, AP, Flickr. com/ HO/ DPA
Nach einem Bericht der "Los Angeles Times" leben die Agha-Soltans in Teheran-Pars, einem Mittelklasse-Viertel im Osten der Stadt. Der Vater Beamter, die Mutter Hausfrau, zwei Brüder: Neda stammte aus einer Durchschnittsfamilie. Gläubig, aber nicht überaus fromm, wählte Neda islamische Philosophie als Studienfach. Nebenbei besuchte sie Kurse, um Touristenführerin zu werden, sie liebte das Reisen. Mit Freunden machte sie Ferien in Dubai und Thailand, vor zwei Monaten noch lag sie im türkischen Antalya am Strand. Iranische Popmusik war ihre Leidenschaft, sie nahm Gesangs- und Klavierstunden, obwohl Fundamentalisten in Iran den Gesang von Frauen ablehnen.

Ihre Eltern hatten ihren Vornamen gut gewählt: "Neda" ist das persische Wort für "Stimme", aber auch für "Ruf".

Im Netz und in den Medien kursieren widersprüchliche Aussagen darüber, wie politisch Neda gewesen sein soll, ob sie gar nur zufällig in die Demonstration am Samstag geriet. Nicht überprüfen lässt sich derzeit auch, wie viel Wahres an den Schilderungen des Fotografen Caspian Makan ist - er gibt sich im Internet und in Interviews als der Verlobte Nedas aus.

Fotostrecke

6  Bilder
Unruhen in Iran: Die Polizei macht mobil

Am glaubwürdigsten erscheint die Version der "Los Angeles Times", deren Reporter am Sonntag vor ihrem Elternhaus mit Freunden und Verwandten sprach. Diese gaben an, Neda sei vor der Wahl nicht politisch aktiv gewesen. Erst der Zorn über den mutmaßlichen Wahlbetrug habe sie auf die Straße getrieben - wie so viele Iraner ihrer Generation. Mit einer Gruppe von Freunden hätte sich die junge Frau danach am Samstag auf den Weg zur Demo in die Innenstadt gemacht, trotz eindringlicher Warnungen von Vater, Mutter und Freunden.

"Ich brenne, ich brenne!"

AP
In ersten Berichten hatte es geheißen, der Mann, der im Moment ihres Todes "Neda, bleib bei mir!" schreit, sei ihr Vater. Nach Berichten der "L. A. Times" und der "New York Times", die beide noch Reporter in Teheran haben, soll es sich bei dem Mann jedoch um ihren Gesangslehrer handeln. Hamid Panahi wird als Augenzeuge des Geschehens zitiert: Demnach seien er und Neda gegen 19 Uhr am Samstag mit dem Auto nicht mehr weitergekommen. Zu dicht beieinander hätten die Menschen auf der Karegar-Straße unweit des Freiheitsplatzes gestanden. Er und Neda seien ausgestiegen, um frische Luft zu schnappen, so Panahi laut der "L. A. Times". Dann habe er einen Schuss gehört, aus dem Augenwinkel gesehen, wie Neda zusammensank.

Während sie verblutete, habe Neda noch gesprochen: "Ich brenne, ich brenne", seien ihre letzten Worte gewesen, so Panahi. Umstehende hätten Nedas schlaffen Körper erst in ein Auto, dann in ein anderes gelegt. In rasender Fahrt habe man sie ins Schariati-Krankenhaus gebracht. Doch zu spät: Neda sei schon tot gewesen, als sie in die Notaufnahme eingeliefert wurde, so ihr Gesangslehrer gegenüber der "L. A. Times".

Die iranischen Behörden bestreiten, dass ihre Einsatzkräfte Schusswaffen gegen Demonstranten einsetzen. "Polizisten ist es nicht erlaubt, Waffen gegen Leute einzusetzen", zitiert das staatliche Press-TV den Teheraner Polizeichef Azizollah Radschabzadeh. Nach Angaben staatlicher Stellen könnte eine radikale Oppositionsgruppe für die tödlichen Schüsse auf Neda und andere Demonstranten verantwortlich sein. Die Staatsanwaltschaft hat am Sonntag Ermittlungen wegen des Todes "mehrerer Menschen" bei der Kundgebung eingeleitet, berichtet Press-TV. Ein "bewaffneter Terrorist" sei bereits verhaftet worden.

Das staatliche Fernsehen in Teheran versucht nun, den Neda-Kult zu bekämpfen - und behauptete am Dienstag, das Video über den Tod der jungen Frau sei gefälscht. Der Sender Khabar berichtete , es sei offensichtlich, dass diejenigen, die die Aufnahmen machten, auf etwas gewartet hätten und das Ganze dann aus mehreren Winkeln gefilmt hätten. Beweise für den Fälschungsvorwurf lieferte der Sender nicht.

Am Montag feuerten Sicherheitskräfte laut der Nachrichtenagentur AP Tränengas und scharfe Munition auf rund 200 Demonstranten in Teheran, die Nedas und anderer Opfer der Proteste gedachten.

Das Regime kann sich noch so sehr bemühen: Neda ist zu einem mächtigen Symbol geworden, ihr Name eine Waffe im Kampf um die öffentliche Meinung. Selbst die hohe Politik zollt ihr Tribut: "Ein junges Mädchen, das keine Waffe in ihren weichen Händen hielt, ist zum Opfer von Gangstern geworden, die von einem furchterregenden Geheimdienst-Apparat unterstützt werden", erklärte der unterlegene Präsidentschaftskandidat Mahdi Karrubi auf seiner Internet-Seite.

John McCain, unterlegener US-Präsidentschaftskandidat, bemühte Nedas Geschichte, um Barack Obama zu attackieren. Dessen Position gegenüber Iran sei angesichts der dort verübten Verbrechen viel zu weich, so der ehemalige Bewerber um das Amt des amerikanischen Präsidenten am Montag vor dem US-Senat.

Nedas Schicksal hat Menschen in aller Welt berührt. Das Medium, mit dem sie gefeiert wird, ist das Internet. Am Dienstagmittag zeigt Google beim Suchbegriff "Neda Agha-Soltan" bereits über 63.000 Treffer. Im Internet wird auch ein Gedicht verbreitet. Es ist ein Lied, eine Hommage: Ein Totengebet für diejenige, der eine ordentliche Trauerfeier versagt wurde:

Bleib, Neda -
Schau auf diese Stadt
Auf die erschütterten Grundmauern der Paläste
Die Größe der Teheraner Platanen
Sie nennen uns "Staub", und wenn es so ist
Lass uns die Luft für die Unterdrücker verschmutzen
Geh nicht, Neda

Anmerkung der Redaktion: In diesem Text war ein Foto eingebaut, das nicht die getötete Iranerin Neda Agha-Soltan zeigt. SPIEGEL ONLINE hat das betroffene Bild gelöscht, bemüht sich, den Fall aufzuklären, und entschuldigt sich für den Fehler.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: