Reis-Krise in Asien "Solche Preise lösen Kriege aus"

Reis ist in Asien gleichbedeutend mit Leben. Aber was ist, wenn sich die Menschen ihr Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten können? Ungebremst schießt der Preis derzeit nach oben, was Händler und Politiker schon von den unkalkulierbaren Risiken einer Hungerkrise sprechen lässt.

Von Jürgen Kremb, Bangkok


Dafür, dass sie ihn hier das "Reis-Orakel" nennen, gibt sich Vichai Sriprasert äußerst bescheiden. "Selbst ein Heiliger könnte den Reispreis nicht vorhersagen", sagt der hochgewachsene Mann im grauen Maßanzug. Und unterschlägt dabei, dass er mit seinen Prognosen eigentlich meist sehr gut liegt.

Reisverladung in Thailand: Mit acht Millionen Tonnen jährlich der weltgrößte Exporteur
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Reisverladung in Thailand: Mit acht Millionen Tonnen jährlich der weltgrößte Exporteur

Die Zusammenhänge zwischen Angebot, Nachfrage und Preis waren schon immer komplex, aber derzeit haben sie eine ganz besondere Brisanz: "Ich bin jetzt 65 Jahre alt", sagt Vichai, "aber was jetzt bei den Preisen passiert, macht mir Angst."

Und das will etwas heißen: Denn Reishändler Vichai, der keinen Hehl daraus macht, dass er in seinem Geschäft jährlich mehrere Millionen US-Dollar verdient, ist nicht nur einer von Thailands größten Reisexporteuren. Wegen seines Gespürs für die Entwicklung der Märkte steht er seit langem als Ehrenvorsitzender auch dem thailändischen Verband der Reis-Trader vor. Jeden Mittwoch treffen sich die honorigen, meist chinesischstämmigen Herren und "besprechen den Reispreis". Nicht etwa in Form einer Kartellabsprache, wie er ausdrücklich betont, man tausche lediglich "Information darüber aus, was der Preis wieder für Kapriolen treibe".

Thailand bestimmt den Preis

Das ist nicht nur für Thailand von großer Bedeutung, sondern für Asien und die ganze Welt – jedenfalls für alle Länder, in denen man viel Reis isst. Denn das "Land der Freien", wie Thailand auch heißt, weil es nie kolonialisiert wurde, ist mit acht Millionen Tonnen Exportvolumen zwar nicht der weltgrößte Reisproduzent, doch kein anderes Land exportiert mehr Reis. Und so gibt Thailand vor, wie hoch das Grundnahrungsmittel weltweit gehandelt wird.

Deshalb ist es jetzt mucksmäuschenstill im Ballsaal des "Peninsula Hotels" in der thailändischen Hauptstadt. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat die Chefredakteure der wichtigsten englischsprachigen Tageszeitungen Asiens mit führenden Reisexperten wie Vichai zusammengebracht. Thema: "Die Lebensmittelkrise und die Folgen für Asien".

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Als Vichai 2007 auf einer ähnlichen Veranstaltung gefragt wurde, wo der Preis von Reis in einem Jahr stehen würde, sagte er: "Auf tausend Dollar wahrscheinlich." Daraufhin wurde er von den Medien tagelang verhöhnt. Denn damals kostete eine Tonne "Thai 5 percent broken" - der gängige Thai-Exportreis - nur 300 Dollar. Dann aber explodierte der Ölpreis, und der Index für Korn und Mais schnellte ebenfalls in die Höhe. Seit ein paar Wochen zahlen Vichais Trader nun schon tausend Dollar für Asiens wichtigstes Grundnahrungsmittel.

Asien trifft es besonders hart

Dass Vichai, der Preisguru, Recht behielt, gibt ihm keinen Grund zur Freude - im Gegenteil. Denn derzeit vergeht in Asien keine Woche, da nicht mindestens an einem Tag die Hausfrauen auf die Straße gehen oder Sozialverbände wie Politiker vor den verheerenden Folgen der Inflation warnen. Noch immer leben in Asien gut 700 Millionen Menschen von nur einem Dollar am Tag.

Diese Ärmsten der Armen gaben schon vor Ausbruch der Krise 30 bis 40 Prozent ihres Einkommens nur für den Kauf von Reis aus - und deckten damit 40 Prozent ihres täglichen Kalorienbedarfs. Seit der Reispreis um mehr als 300 Prozent gestiegen ist, drohen Unruhen und Hungerkatastrophen.

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"Wir sind mittlerweile auf einem mehr als kritischen Preisniveau angelangt", warnt Sebastian Paust, deutscher Direktor der asiatischen Entwicklungsbank ADB. "Ein solcher Preis kann Kriege auslösen." Ein Ende der gefährlichen Entwicklung ist auch für ihn nicht in Sicht, denn sämtliche Faktoren sprechen gegen eine Beruhigung der Preisturbulenzen. Ein hoher Ölpreis gehört genauso dazu wie die Auswirkungen der Klimakatastrophe, die Asien besonders hart treffen.

So wurden zwischen China und Burma in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 20 Millionen Hektar Reisfelder allein durch Unwetter und Überschwemmungen zerstört. Das entspricht der zweifachen Reisanbaufläche Thailands und reißt ein gefährliches Loch in die sowieso schon schrumpfenden Getreidereserven. Denn längst kann die recht bescheidene Ertragssteigerung von jährlich einem Prozent auf Asiens Reisfeldern nicht mehr mit dem Geburtenzuwachs von 80 Millionen Neugeborenen mithalten.

Genmanipulierter Reis als Lösung?

"Ohne eine zweite grüne Revolution", sagt Duncan Macintosh, der Sprecher und Entwicklungsdirektor des Internationalen Reisforschungsinstituts (IRRI), "kann Asien sich bald nicht mehr ausreichend ernähren." Die erste grüne Revolution hatte Mitte der sechziger Jahre in seinem Institut auf den Philippinen ihren Anfang genommen. Durch die Züchtung neuer Reisarten und die asienweite Einführung von Kunstdünger sowie chemischen Pflanzenschutzmitteln war es dem IRRI damals gelungen, die Erträge auf den Feldern erheblich zu steigern und mit dem Bevölkerungswachstum Asiens mitzuhalten.

Dass dies ein zweites Mal gelingen wird, kann Macintosh nur hoffen, aber nicht mit Gewissheit voraussagen. Der ehrgeizige Versuch etwa, Hochertrags-Reissorten mit Vitamin A anzureichern und damit Mangelernährung gerade bei Kindern in Asien nachhaltig zu bekämpfen, hat das Institut viel mehr Zeit gekostet, als die Forscher dort ursprünglich geplant hatten.

"Asien kann in Zukunft nur satt werden, wenn die Bauern ihre althergebrachten Anbaumethoden grundlegend verändern", meint IRRI-Sprecher Macintosh. Dazu gehöre auch, dass genveränderte Hochertragssorten und Hybrid-Reis schneller akzeptiert werden.

Denn schon in fünf Jahren müssten weltweit 50 Millionen Tonnen mehr Reis geerntet werden, um noch alle Konsumenten halbwegs satt zu bekommen. Aber das ist eine gewaltige Menge, nämlich fast die Hälfte dessen, was Chinas Bauern pro Jahr auf ihren Feldern stehen haben.

An der Preisfront, wo es jetzt schon kein Halten mehr gibt, lässt das Böses ahnen. Ein bisschen erinnere ihn die gegenwärtige Situation an die siebziger Jahre, sagt Vichai, das Reis-Orakel. Im Schatten der Ölkrise sei der Preis für eine Tonne thailändischen Exportreis damals auf 2700 Dollar geschossen.



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