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08. Januar 2012, 22:05 Uhr

Reise durch Lateinamerika

Ahmadinedschad sucht Trost bei Chávez

Iran sucht Verbündete nach dem Motto: Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde. Und so reist Präsident Ahmadinedschad in die sozialistischen Staaten Lateinamerikas, um seine "Brüder" zu besuchen. Doch Hugo Chávez und Co. werden Teheran wohl nicht helfen können.

Teheran - Auch in der Not hat Iran Verbündete - diese Botschaft will Präsident Mahmud Ahmadinedschad mit seiner Reise nach Venezuela, Nicaragua, Kuba und Ecuador offenbar aussenden. Neben einigen blockfreien Staaten bezeichnet der Gottesstaat vor allem sozialistische Staaten in Lateinamerika als seine Brüder.

Nun, da Iran vom Westen mehr und mehr isoliert wird, sucht das Land verstärkt den Schulterschluss mit diesen angeblichen Verbündeten. Diese Länder würden - sagt Außenminister Ali Akbar Salehi - die "feindlichen Maßnahmen des Westens" nicht befürworten. "Die Lateinamerikaner sind immer dazu gut, Ahmadinedschad warm willkommen zu heißen und Trost zu spenden, wenn der Rest der Welt, wie jetzt, gegen Iran ist", sagt ein Politologe in Teheran.

Ahmadinedschad beginnt seine fünftägige Reise in der venezolanischen Hauptstadt Caracas und trifft dort auf Staatschef Hugo Chávez. Iran sucht über die linksgerichteten Länder neue Märkte, um Wirtschaftssanktionen der EU und USA abzufedern.

Tatsächlich steckt Iran derzeit in einer kritischen Lage. Diesmal drohen Sanktionen, die auf seine wirtschaftliche Existenz zielen: gegen Zentralbank und Ölexport. Daran könnten sich nicht nur der Westen, sondern auch Hauptkunden wie China, Indien, Japan und Korea beteiligen. "Das würde Teheran definitiv wehtun", so der Politologe. Die Japaner verhandeln schon mit Saudi-Arabien über zusätzliche Öllieferungen, um iranisches Öl zu ersetzen. Außerdem werden immer mehr Stimmen laut, dass es auch zu Luftangriffen auf die Atomanlagen des Gottesstaates kommen könnte.

Lateinamerika kann Iran nicht aus der Patsche helfen

Seine Beziehungen zu Lateinamerika sieht Teheran als "dynamische Außenpolitik im Hinterhof des Erzfeinds USA". Beobachter jedoch zweifeln am Erfolg dieser Politik. "Lateinamerika kann in diesen Zeiten nur politische Unterstützung anbieten, die aber letztendlich Iran nicht weiterhelfen wird, da diese Länder in der internationalen Szene keine große Rolle spielen", sagt ein westlicher Diplomat in Teheran. Beobachter meinen, dass Iran seine Probleme nur in Gesprächen mit den Weltmächten über den Atomstreit lösen könne. Und da können die Lateinamerikaner keine Rolle spielen. Als vom Westen anerkannter Vermittler käme nur das islamische Nachbarland Türkei in Frage.

Auch wirtschaftlich kann Lateinamerika dem Iran wenig bieten. Über 70 Prozent des iranischen Einkommens stammen aus dem Ölexport. Falls es zu Sanktionen käme, könnte der Iran im schlimmsten Fall über 50 Prozent dieser Einnahmen verlieren und damit in eine ernsthafte Wirtschaftskrise geraten. "Da können die Lateinamerikaner auch nicht weiterhelfen", sagt ein Wirtschaftsexperte in Teheran. Lateinamerika sei wirtschaftlich keine ernsthafte Alternative zu Europa, Japan oder Korea.

Wegen des - in Teherans Worten - "Wirtschaftskriegs des Westens" hat die nationale Währung Rial - in Wochenfrist 25 bis 30 Prozent an Wert verloren. Teheran hatte in den vergangenen Wochen damit gedroht, die Meerenge im Persischen Golf zu blockieren, falls der Westen die wegen des Atomstreits verhängten Sanktionen ausweite. Durch die Straße von Hormus gehen rund 40 Prozent des weltweit auf dem Seeweg transportierten Öls.

Ob Hugo Chávez in Venezuela, Daniel Ortega in Nicaragua, Raúl Castro in Kuba oder Rafael Correa in Ecuador: Keiner von ihnen kann das Problem des Irans bei eventuellen Sanktionen lösen. "Ein westlicher Staatssekretär bei den Atomgesprächen wäre da nützlicher für den Iran als die vier Herrschaften zusammen", sagte der westliche Diplomat in Teheran.

lgr/dpa

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