Religiöse Krawalle "Newsweek" zieht Koran-Geschichte zurück

Der Bericht löste in Afghanistan blutige Unruhen aus, bei denen 16 Menschen starben und mehr als 100 Menschen verletzt wurden. "Newsweek" hatte berichtet, US-Ermittler hätten in Guantánamo den Koran die Toilette hinuntergespült. Nun erklärt das US-Magazin, es habe sich geirrt.


Ausschreitungen in Afghanistan nach dem "Newsweek"-Bericht
AP

Ausschreitungen in Afghanistan nach dem "Newsweek"-Bericht

New York - In seiner neuesten Ausgabe entschuldigt sich "Newsweek" zugleich bei den Opfern der gewaltsamen Proteste, die der Bericht vor allem in Afghanistan ausgelöst hatte. Das Magazin sei in seinem Bericht ungenau gewesen, wonach US-Ermittler bestätigt hätten, dass in dem Gefängnis auf Kuba der Koran die Toilette heruntergespült worden sei, erklärte "Newsweek"-Herausgeber Mark Whitaker. "Wir bedauern, dass wir uns bei einem Teil unserer Geschichte getäuscht haben", schrieb Whitaker in der neuesten Ausgabe des Magazins, die in den USA ab heute im Verkauf ist.

Weltweit hat der Bericht unter Muslimen Empörung ausgelöst. In Afghanistan kam es zu teilweise gewaltsamen Protesten, bei denen 16 Menschen starben und mehr als 100 verletzt wurden. Auch in Pakistan, Indonesien und im Gaza-Streifen gingen Menschen auf die Straße. Ägypten, Saudi-Arabien, Bangladesch, Malaysia und die arabische Liga verurteilten eine Entweihung des Korans. Gestern drohten muslimische Geistliche in Afghanistan die Ausrufung eines Heiligen Krieges gegen die USA an.

Das Magazin berichtet nun, die Informationen für den Bericht seien von einer "gut unterrichteten Regierungsquelle" gekommen, die "Newsweek" unter Verweis auf einen Militärbericht gesagt habe, dass Vernehmungsbeamte den Koran in Guantanamo Bay auf Kuba auf Toiletten ausgelegt und mindestens ein Exemplar heruntergespült hätten. Damit hätten Gefangene zum Reden gebracht werden sollen.

Die Quelle habe dem Magazin später gesagt, sie könne sich nicht mehr sicher sein, dass in dem zitierten Militärbericht von dem Vorfall die Rede gewesen sei. Vielleicht habe sie stattdessen davon in anderen Ermittlungsdokumenten oder Entwürfen gelesen.

Pakistan: Lektüre der "Newsweek"
AFP

Pakistan: Lektüre der "Newsweek"

Whitaker sagte, er wisse nicht, ob sich der berichtete Koran-Vorfall auf der Toilette überhaupt jemals ereignet habe. "Ob so etwas jemals passierte, wir wissen es einfach nicht", sagte er. "Wir sagen nicht, es ist auf jeden Fall passiert, aber wir können auch nicht sagen, dass es auf keinen Fall passierte."

Das US-Verteidigungsministerium hatte den Bericht bereits als falsch zurückgewiesen. Vorwürfe ähnlicher Art seien bereits untersucht und als "nicht glaubwürdig" eingestuft worden.

Ob die Entschuldigung des "Newsweek"-Herausgebers in den muslimischen Ländern angenommen werden wird, ist noch offen. Viele werden sie als Beschwichtigungsversuch und taktischen Schachzug verstehen, um die antiamerikanischen Reaktionen einzudämmen.



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